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Sonntag, 20. Januar 2019

Moderne Arbeitswelt

Crowdsourcing: Ingenieure an der virtuellen Ideenbörse

Von P. Ilg | 11. Mai 2012 | Ausgabe 19

Früher war Heimarbeit. Heute gibt es Crowdsourcing. Die Idee: Aufgaben werden auf einer Plattform ins Internet gestellt und wer will, macht mit. Bei der Produktentwicklung, in einem Call-Center oder auf Wikipedia. Der Fantasie dieser virtuellen Arbeitsform könnte höchstens die Übertragungsrate Einhalt gebieten – und betriebliche Regelungen, gefordert von der IG Metall.

An einem Tag kann Jan Hendrik Ansink nur wenig Arbeit anbieten. Tags darauf braucht er einige Hundert Leute auf einen Schlag. "Einige Tausend haben wir immer in petto, denn in einem Call-Center braucht man eine große Schwungmasse." Damit meint er Menschen, die auf freiberuflicher Basis für expertcloud.de arbeiten.

Der 25-jährige Ansink ist einer der Gründer des virtuellen Call Centers mit Sitz in Berlin. Die Agenten sitzen irgendwo in Europa. Schwankungen im Anrufvolumen durch einen kurzfristig skalierbaren Agentenpool maximal abdecken – das ist die Besonderheit des Crowdsourcing-Unternehmens.

Crowdsourcing bezeichnet im Gegensatz zum Outsourcing nicht die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen, sondern die Auslagerung auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von Freizeitarbeitern im Internet. So steht es auf Wikipedia.

Diese Plattform ist eines der bekanntesten Crowdsourcing-Projekte. Die wissenschaftliche Forschung nutzt diese digitale Form der Arbeitsorganisation, etwa um neue Wirkstoffe gegen schwere Erbkrankheiten zu entwickeln oder um nach außerirdischer Intelligenz zu suchen. Der Crowdsourcing-Prozess kann auf einer eigenen Plattform oder bei einem Anbieter solcher Plattformen stattfinden, so auf Google.

Das Geschäftsmodell stammt, wie könnte es anders sein, aus den USA. Es setzt auf die Masse und spielt sich im virtuellen Raum ab. Crowdsourcing ist die digitale Form der Auslagerung, Home-Office 3.0 könnte man auch zu dieser Arbeitsform sagen, die ein Maximum an Flexibilität für beide Seiten bringt.

Angenommen, Ansink braucht 30 Leute am folgenden Tag zwischen 10 Uhr und 12 Uhr für eine Befragung am Telefon, dann stellt er diesen Auftrag auf einen nur Mitgliedern zugänglichen Bereich der Homepage. Wer Interesse an dem Job hat, bucht sich ein und hat ihn – wenn er schnell genug war. Tags darauf loggt er sich mit einem bestimmten Code auf diesen Auftrag ein und telefoniert von zu Hause und auf eigene Rechnung. Was die Agenten brauchen, sind ein handelsüblicher PC und ein DSL-Anschluss mit einer Übertragungsrate von mindestens 2 Mbit/s.

Attraktiv ist das Modell vor allem für Zielgruppen, die nur zu bestimmten Zeiten arbeiten können, etwa für Alleinerziehende oder Studenten. Interessant ist es auch deshalb, weil jeder Arbeitszeiten und Arbeitsdauer selbst bestimmen kann. "Für uns als Auftraggeber ist die Situation deshalb so neu, weil die Agenten nicht nur an frei wählbaren Orten arbeiten, sondern auch zu frei wählbaren Zeiten einspringen."

Damit die Leute motiviert sind, seien Anreizsysteme notwendig, die mindestens auf dem Niveau klassischer Arbeitsverhältnisse liegen. Das virtuelle Call Center expertcloud.de biete daher leistungsabhängige Vergütung und kollektive Anreize. So könnten sich die Agenten in Wettbewerben messen. Damit ein Wir-Gefühl entsteht, hat expertcloud.de eine Facebook-Gruppe eingerichtet. Die Agenten führen Marktumfragen durch, nehmen Bestellungen entgegen oder stellen neue Produkte vor.

Diese sind eventuell auch im Zuge des Crowdsourcing entstanden. "Wir ziehen im Kundenauftrag Nutzer in die Entwicklung neuer Produkte mit ein", sagt Catharina van Delden, Geschäftsführerin bei der Münchner Firma innosabi. Der Austausch findet auf der Social-Media-Plattform www.unserAller.de statt, die seit gut einem Jahr online ist.

Dort tauschen sich Unternehmen und Konsumenten aus, werden Designs entworfen und neue Ideen geboren, etwa ein Duschgel. "Wir haben gefragt: Wie soll es riechen, wie sich anfühlen, wie die Verpackung aussehen und wie heißen?" Seit einigen Wochen ist das Gel erfolgreich im Handel. Ähnliches schaffte innosabi mit Senf und Salatdressing. Jeweils 2000 Teilnehmer machten bei der Produktentwicklung mit.

Teilnehmen kann bei "unserAller" jeder, 13 000 Mitglieder sind bereits auf der Plattform registriert. Viele davon gehen regelmäßig auf die Seite, um zu schauen, welche Aktionen aktuell laufen. Parallel dazu veröffentlichen die Auftraggeber auf ihrer Facebook-Fan-Page Umfragen. Das sorgt für Mitmach-Quoten. "Meist sind das Leute, die etwas bewegen, die Welt beeinflussen wollen."

Dafür werden sie dann auch belohnt, sei es mit einer Jahresration Duschgel oder einem Monatsvorrat an Senf. Innosabi wurde im Juni 2011 als erfolgreichste Unternehmensgründung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ausgezeichnet.

Auch andere trauen Crowdsourcing Großes zu. Matias Roskos gehört dazu. Er ist Inhaber der Agentur Voda in Garmisch-Partenkirchen, die Crowdsourcing-Mechanismen nutzt, um Mehrwert im Internet zu generieren, so in den Bereichen Design, Kundenbindung, Ideengenerierung, Communityaufbau oder Mitarbeiterfindung. Die Unternehmen müssten verstehen, dass beim Crowdsourcing in fast allen Fällen die Mechanismen des Social Web greifen: Offenheit, Authentizität, Dialogbereitschaft und Glaubwürdigkeit, steht auf der Seite www.socialnetworkstrategien.de von Matias Roskos. Dort nennt er auch mehrere Einsatzmöglichkeiten: Marketing, Innovationsmanagement, Recruiting, Materialsammlung und Kundenbindung.

Nach Meinung der IG Metall ist der Übergang zwischen Crowdsourcing und klassischem Outsourcing fließend. Diese Arbeitsform berge Risiken für Ingenieure und Informatiker und sie unterzögen diese harten Belastungstests. Wer besonders innovativ und mit einem kleinen Honorar zufrieden sei, bekomme den Zuschlag – und die Firma für wenig Geld viel kreatives Wissen. Bezahlt würde nicht mehr nach Zeit, die für eine Aufgabe verwendet wurde, sondern nach dem gelieferten Ergebnis. Durch diese Form der digitalen Akkordarbeit würde der Druck auf Normalarbeitsverhältnisse erhöht. Die Gewerkschaft fordert betriebliche Regelungen, die Leistungsbedingungen definieren und Schutz vor Leistungsüberforderung bieten. P. ILG