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Montag, 22. Januar 2018

Digitaler Wandel

Der Druck im Silicon Valley wächst

Von Simone Fasse | 18. Dezember 2015 | Ausgabe 51

Einen starken Veränderungsdruck und zugleich den kindlichen Anspruch, die Welt besser machen zu wollen, beobachteten Forscher vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München bei einer Reise ins Silicon Valley. Sie warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft, sehen aber auch Chancen für neue Arbeitsformen und digitale Geschäftsmodelle.

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Foto: Mauritius Images/Alamy

Das Apple-Hauptquartier: Internet-Unternehmen setzen Trends bei der Gestaltung von Arbeit.

Der Firmensitz des Start-ups ist nicht leicht zu finden. In einem ehemaligen Kaufhaus in San Francisco, ganz ohne auffälliges Logo, arbeitet Thomas Arend daran, die Online-Learning-Plattform Savvy aufzubauen. „Teach what you love“ ist der Slogan, mit dem der Gründer Menschen ermutigen will, die eigenen Kenntnisse an andere weiterzugeben. So soll ein elektronischer Marktplatz für videobasiertes Lernen entstehen. Ein Präsentationsmarathon liegt hinter ihm und seinem Geschäftspartner, doch die erste Finanzierung steht. Jetzt bleiben Arend und seinen Kollegen rund 18 Monate Zeit, ihre Vision in die Welt zu tragen – und den Investoren zu zeigen, dass sich eine Anschlussfinanzierung lohnt. Arend ist kein junger, unerfahrener Gründer. Vielmehr hat er sich in der internationalen Digitalszene bereits einen Namen gemacht, zu seinen Karrierestationen zählen Unternehmen wie Twitter und Airbnb. Seine Vernetzung in der Community und seine hohe Reputation waren wichtige Türöffner für die Finanzierung des Start-ups.

Manchmal fungiert Arend selbst als Türöffner und führt Delegationen durch das Silicon Valley. Denn durch die eng geknüpften und schwer durchlässigen sozialen Maschen dieser Szene schlüpft man nicht so einfach hindurch, man braucht einen Lotsen. Vor einigen Wochen konnten der Forscher Andreas Boes und fünf Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München für 14 Tage hinter die Kulissen des Standorts schauen.

Bereits seit Jahren wendet sich manch neidischer Blick aus Deutschland in Richtung Bay Area. Denn disruptive Innovationen, die jahrelang funktionierende Geschäftsmodelle durch ein völlig neues Marktverständnis und digitale Technologien weltweit ins Wanken bringen, werden dort geboren: Uber und Tesla denken Mobilität neu, Airbnb stellt den Tourismus auf den Kopf. Hierzulande scheint das nicht zu gelingen. Konzerne und Mittelstand verschlafen die Digitalisierung, während Google und Co. in atemberaubendem Tempo alteingesessene Branchen erschüttern, warnen Beobachter. Ist die Lage wirklich so ernst? Wie stark ist die Konkurrenz der digitalen Riesen und wie nachhaltig?

„In Deutschland denken und handeln Firmen noch immer im Paradigma der Maschinensysteme, sie folgen der Logik der analogen Welt. Im Silicon Valley lebt und versteht man das digitale Denken und hat nicht nur eine höhere Automatisierung im Sinne von Industrie 4.0, sondern die Entwicklung gesamter Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle im Blick“, erklärt ISF-Vorstandsmitglied Andreas Boes, Experte für die Themen „Zukunft der Arbeit“ und „Informatisierung der Gesellschaft“. „Die Menschen in den Unternehmen dort leben diese neue Ökonomie, in der Daten die Ursuppe sind.“

Boes war bereits 2008 im Valley und beobachtet die Szene genau. Trotzdem war diese Reise überraschend. „Was wir erlebt haben, bewegt uns nachhaltig. Zum einen konnten wir eine enorme Wucht der Veränderung durch den Wandel spüren, die wir so nicht erwartet haben. Zum anderen ging uns die hohe Naivität nahe und auch der geradezu kindliche Anspruch der Unternehmen, die Welt besser machen zu wollen.“

Während 2008 Software- und IT-Riesen wie Microsoft, SAP oder IBM die Impulsgeber waren, dreht sich heute alles um das Internet. Google und Facebook, aber auch Tesla, Uber oder Airbnb dominieren. Die viel beschworene kalifornische Lässigkeit geht zunehmend verloren – die Mitarbeiter haben schlicht keine Zeit mehr. „Das Zeitregime ist deutlich schneller und hektischer geworden – unter anderem, weil die Beschäftigten heute stärker im globalen Kontext mit verschiedenen Zeitzonen arbeiten. Der Druck ist gestiegen, die Arbeitszeiten haben sich ausgedehnt“, sagt Boes.

Doch nicht nur zeitlich stehen die Beschäftigten unter Druck, auch das finanzielle Überleben im Valley ist nicht einfach. Boes sieht dabei die naive Technikgläubigkeit als Achillesferse des Systems, das derzeit vom Hyperboom getragen wird. „Sollte diese Blase platzen, hat das fatale Konsequenzen, wie eine völlige Überschuldung der Mittelklasse, die dann ihre teuren Immobilien und die Ausbildung ihrer Kinder in Privatschulen nicht mehr finanzieren könnte.“ Doch so weit ist es noch nicht. Vielmehr entstehen immer mehr Start-ups, die häufig von Großkonzernen als „Putzerfische“ gehalten werden und mit immer größeren Summen agieren können, um Innovationen voranzubringen. Dabei werden auch die Kapitalgeber professioneller. „Die Start-up-Kultur ist das Plankton dieses neuen Ökosystems, die Risikokapitalgeber sind die Gatekeeper, die entscheiden, welche Start-up-Unternehmer gefördert werden. Das Risikokapital versucht bewusst, das Plankton zu züchten, zu füttern und zu verwerten.“ Dabei stehe nicht das Erzielen von Gewinn an erster Stelle. Vielmehr gehe es wie bei Savvy darum, gemeinsam eine Idee groß zu denken und groß zu machen, so Boes. In Deutschland dagegen verwenden Gründer häufig zunächst eigenes Kapital und stellen das Geschäft entsprechend schlank auf.

Auch bei neuen Arbeitsformen setzt das Valley Trends: „Es sind neue Formen der Arbeitsorganisation zu beobachten wie Crowdsourcing-Plattformen, die mit unseren sozialen Strukturen gar nicht kompatibel sind“, so Boes. Eine höhere Flexibilisierung muss nicht zwangsläufig negativ sein, meint der Experte. „Auch wir haben nun die Chance, Arbeit neu zu organisieren, wir müssen dies jedoch mit neuen Regularien und einem sozialen System unterfüttern.“

Ist das Valley also unsozial? „Ja und nein“, erklärt der Forscher. „Wer der hoch qualifizierten Gruppe der Professionals angehört, bewegt sich in einer angenehmen und freundlichen Umgebung mit ausgeprägtem Sozialverhalten und einer Sharing-Kultur. Weniger qualifizierte Menschen jedoch werden zu Dienern dieser Klasse, sie werden zunehmend aus dem Valley oder auch aus San Francisco vertrieben und an den Rand der Bay Area gedrängt. Zudem gibt es immer mehr Obdachlose. Mit dieser Spaltung können Angehörige des Inner Circle kaum umgehen – die Bindung zwischen den Seiten geht zunehmend verloren.“

 

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