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Sonntag, 24. Februar 2019

Arbeit

„Der Mensch kann Industrie 4.0“

Von Wolfgang Schmitz | 5. Juni 2015 | Ausgabe 23

Studien zu den Folgen der Digitalisierung für den Menschen sind häufig „fragwürdig“, meint die Soziologin Sabine Pfeiffer. „Ein Großteil der Beschäftigten ist fit für den Wandel“ – und werde auch gebraucht.

„Die Roboter kommen.“ Das ist nicht der Titel eines billigen B-Movie, sondern Überschrift einer Studie, in der Ökonomen der IngDiba-Bank ein düsteres Bild für den Arbeitsmarkt von morgen, genauer: für den von Industrie 4.0 geprägten Arbeitsmarkt, zeichnen.

Foto: ISF München

Sabine Pfeiffer, Soziologin: „Der Industrie-4.0-Diskurs ist sehr stark von IT dominiert.“

Zwar würde die technische Revolution viele neue Arbeitsplätze entstehen lassen. Zunächst aber seien 59 % oder über 18 Mio. Arbeitsplätze gefährdet, so die Ökonomen. Neben Sachbearbeitern und Hilfsarbeitern sähen auch Mechaniker und Maschinenbediener mit 69 %-iger Wahrscheinlichkeit der – zumindest vorübergehenden – Arbeitslosigkeit ins Auge. Die IngDiba-Bank ist mit dieser Prognose nicht allein. Doch für Sabine Pfeiffer sind solche Vorhersagen äußerst fragwürdig. „Ein Großteil der Beschäftigten ist fit für den Wandel“, so die Professorin für empirische Sozialforschung an der Universität Hohenheim. In den bisherigen Studien gingen die Autoren fahrlässig mit dem Wort „Routinearbeit“ um. Sie falle der Digitalisierung und Robotisierung zum Opfer, laute es in den Erhebungen lapidar, ohne dass der Begriff trennscharf umrissen und ohne dass eine „Einordnung nachvollziehbar“ vorgenommen werde.

In ihrer aktuellen Studie „Der Mensch kann Industrie 4.0“ widerlegt Pfeiffer die Auffassung, dass industrielle Produktionsarbeit in Deutschland jetzt und künftig mit leicht ersetzbarer Routinearbeit zu tun habe. In wettbewerbsrelevanten Branchen mit komplexen Produkten – beispielhaft in der Automobilindustrie – seien jetzt schon Arbeitsplätze die Regel, die „sich durch einen hohen Vernetzungsgrad, einen starken Robotik-Einsatz und durch die IT-gestützte Identifizierung jedes Produkts auszeichnen“. Von simpler Routine könne nicht die Rede sein.

Die große Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland verfüge nicht allein durch ihre fachliche Kompetenz über die erforderlichen Voraussetzungen, die hochkomplexen Anforderungen von Industrie 4.0 zu meistern. Erfahrungswerte der Beschäftigten seien nicht als eine statische Ansammlung von Routinen zu verstehen, „sondern als eine besondere Art, mit Dingen, Menschen und Situationen umzugehen. Auch und gerade in Arbeitsumgebungen von hoher Digitalisierung und Automatisierung spielen diese Qualitäten eines dynamischen Erfahrungswissens eine besondere Rolle – vom Teleservice bis zur Innovationsarbeit oder Software-Entwicklung“.

„Der Industrie-4.0-Diskurs ist sehr stark – wenn nicht zu stark – von einer IT dominiert, die den Werkshallenboden kaum kennt“, sagt die gelernte Werkzeugmacherin. Arbeitgeber müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, das Potenzial der Beschäftigten für die Gestaltung von Industrie 4.0 zu wenig zu nutzen. „Sie holen sich lieber Experten von außen, statt die Meinungen von ihren gut ausgebildeten Mitarbeitern einzuholen, die das Unternehmen, Kunden, Produkte und Märkte bestens kennen. Holt man die Innovationen auf den Hallenboden, kommen Lösungen heraus, die wettbewerbsfähig, weil einzigartig und auf das Unternehmen zugeschnitten sind.“

Es werde aber nicht nur Gewinner geben, warnt Sabine Pfeiffer. Und das, obwohl der Arbeitsmarkt wegen Fachkräftemangel und demografischer Entwicklung nahezu alle Arbeitskräfte braucht. „Man sollte darauf achten, dass der Mittelstand nicht im Zuge des Industrie-4.0-Prozesses von den global agierenden Konzernen abgehängt wird.“