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Donnerstag, 21. März 2019

Medizinische Informatik

Die Technikverträglichkeit der Medizin

Von Lisa Schneider | 6. Januar 2012 | Ausgabe 1

Mit dem Einzug immer neuer Informationstechnologien in das deutsche Gesundheitswesen mehrt sich der Diskussionsbedarf sowohl bei Ingenieuren als auch bei Medizinern. Deshalb lud der VDI Arbeitskreis Ethik des Ruhrbezirksvereins nach Essen.

Ohne technischen Fortschritt ist eine angemessene medizinische Versorgung nicht zu gewährleisten. In Anbetracht einer rapide alternden Gesellschaft, dem Ärztemangel in strukturschwachen Gebieten und einer stetigen Zunahme chronisch Kranker waren sich Ingenieure und Mediziner zumindest darüber einig. Über ihre Erwartungen tauschten sie sich kürzlich bei der Veranstaltung "E-Health – Potenziale, Chancen, Risiken und Ängste" aus, die unter der Leitung von Günter Ullrich, Vorsitzendem des VDI Arbeitskreises Ethik, stattfand.

"Technologie ist erstmal wertneutral. Nur was wir damit machen, ist wertebehaftet", leitete Peter Haas, Professor für medizinische Informatik an der FH Dortmund, die Diskussion ein. Er gebe seinen Studenten zu bedenken, dass Medizininformatiker menschliche Schicksale verwalteten, nicht leblose Datensätze. Beim richtigen Umgang mit Informationstechnik eröffneten sich jene Chancen, die das Gesundheitswesen dringend benötige. Durch eine weitreichende Vernetzung medizinischer Einrichtungen, aber auch von Ärzten und Patienten könne der zeitliche und finanzielle Aufwand auf beiden Seiten deutlich reduziert werden. Dadurch könne dem Patienten schneller geholfen und dem behandelnden Arzt könnten unnötige Voruntersuchungen abgenommen werden.

Diese Entwicklung sah Haas in den letzten Jahren neben der stetigen Leistungssteigerung vor allem durch zwei Trends in der Informatik begünstigt: durch die Miniaturisierung und die weltweite Vernetzung.

Auf den Trend der Miniaturisierung geht z. B. die Entwicklung biokompatibler RFID-Chips zurück, die vom Patienten geschluckt oder in die Haut implantiert werden. Von dort können sie das Verlassen des Krankenbettes oder den Gesundheitszustand registrieren und die Daten automatisch in die digitale Patientenakte eintragen.

Die weltweite Vernetzung kommt vor allem strukturschwachen Gebieten zugute. So kann sie Patienten mit dem Besuch bei ihrem Hausarzt den Zugang zu oft weit entfernten Spezialisten ermöglichen. Beispielsweise können Röntgenbilder vor Ort aufgenommen und zur Bildbefundung an Experten weitergeleitet werden – ohne eine sichere IT-Verbindung müsste der Patient lange Wege und Wartezeiten auf sich nehmen oder ganz auf die Meinung des Fachmannes verzichten. Doch neben den Vorteilen liegen auch die Risiken auf der Hand.

Bei aller technischen Entwicklung müsse die Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient immer im Vordergrund stehen, plädierte Christiane Groß, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit dem Schwerpunkt Psychotherapie. Als Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein argumentierte sie aus berufsethischer Sicht: "Die Fortentwicklung der elektronischen Patientenakte kann zu einem eingeschränkten Einfühlungsvermögen der Ärzte führen und die Arzt-Patient-Beziehung nachhaltig stören. Zudem erfordern die ärztliche Schweigepflicht und die Sensibilität der Daten ein besonders hohes Maß an Datensicherheit und Datenschutz, was vielfach noch nicht gegeben ist." Dies zu gewährleisten und die Ärzte im sicheren Umgang mit Patientendaten zu schulen, sei vorrangige Aufgabe, so Groß. Nur wenn die ärztlichen Bedenken hinsichtlich der Speichermöglichkeiten und der computergestützten Profilbildung eines Patienten ausgeräumt seien, könne sich die medizinische Informatik im Gesundheitswesen über die bereits bestehenden Verfahren hinaus etablieren.

"Die Telemedizin kann vieles noch sicherer machen, als es heute ist", bilanzierte Haas. Im Gegensatz zu telefonischen Anfragen von Ärzten an Krankenhäuser und Spezialisten, wie sie heute noch üblich sind, könnten Computer bei Anfragen nach sensiblen Informationen automatisch den Absender identifizieren. So würden die geforderten Unterlagen schnell, effizient und ressourcenschonend über ein verschlüsseltes System nur an berechtigte Antragsteller, in diesem Fall behandelnde Ärzte, weitergeleitet. Diesen Dienst an Patienten und Ärzten wollen die Ingenieure im Gesundheitswesen erbringen.   

  LISA SCHNEIDER