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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Industriegeschichte

Durch die Glühbirne ging Emil Rathenau ein Licht auf

Von Johannes Wendland | 19. Juni 2015 | Ausgabe 25

Am 20. Juni 1915 verstarb im Alter von 76 Jahren Emil Rathenau. Er hatte die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) gegründet. Der Maschinenbau-ingenieur hatte eine fast untrüglichen Nase für Geschäftsideen. Als er 1881 bei einer Ausstellung in Paris Edisons Glühlampe kennenlernte, witterte er das Potenzial, das in der Elektrizität steckte.

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Foto: Electrolux Hausgeräte, Markenvertrieb AEG

Werbung der AEG aus dem Jahr 1911: Die Bandbreite der Haushaltsprodukte war beachtlich.

Es war eine der größten Menschenansammlungen, die der Stadtteil Schöneweide im Südosten Berlins jemals erlebt hatte. Die Beerdigung des Industriellen Emil Rathenauvor genau 100 Jahren bewegte die ganze Stadt. Tausende kamen, um dem am 20. Juni 1915 im Alter von 76 Jahren verstorbenen Unternehmensgründer der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) das letzte Geleit zu geben. Der Sarg war in einer Halle des Kabelwerks Oberspree aufgebahrt worden, natürlich einer Gründung des Industriellen mit etwa 8000 Beschäftigten. Der Weg führte durch die heutige Rathenaustraße zum Waldfriedhof Oberschöneweide in der Wuhlheide. Dort hatte Emil Rathenau 1904 von dem Berliner Bildhauer Alfred Messel eine Familiengrablege in strengen, sachlichen Formen errichten lassen.

AEG heute

Wer heute vor diesem Grab steht, vermisst jedoch jeglichen Hinweis auf Emil Rathenau. Stattdessen erinnert eine große Platte an den Sohn, den von Rechtsradikalen 1922 ermordeten Industriellen und Politiker Walther Rathenau. Für ihn hat das Land Berlin ein Ehrengrab eingerichtet – eine Würdigung, die im Falle von Emil Rathenau noch aussteht und höchst überfällig ist.

Foto: Electrolux Hausgeräte, Markenvertrieb AEG

Emil Rathenau (undatiert) wurde 1838 in Berlin in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie geboren.

Emil Rathenau, der 1838 in Berlin als Sohn in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie geboren wurde, war Maschinenbauingenieur und Unternehmer. Aber eigentlich muss die Reihenfolge dieser Bezeichnungen umgekehrt lauten. Anders als der Zeitgenosse und größte Konkurrent Werner von Siemens war Rathenau weniger Erfinder und Konstrukteur, als ein Mann mit einer fast untrüglichen Nase für Geschäftsideen. In der Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit der Elektrifizierung und der Kaskade an neuen Erfindungen und Weiterentwicklungen bewegte sich Emil Rathenau wie ein Fisch im Wasser. Es waren Gründer und Unternehmer wie Emil Rathenau, denen die „Elektropolis“ Berlin, in der sich in wenigen Jahrzehnten Entwicklung, Fertigung und Einsatz neuer Technologien fast überschlugen, ihre Existenz verdankte.

Nach einem Maschinenbaustudium am Polytechnikum in Hannover schloss Rathenau 1862 ein Aufbaustudium an der ETH Zürich als Diplomingenieur ab. Nach einer Anstellung in der Lokomotivfabrik von August Borsig ging er für zwei Jahre nach England, um in den dortigen hochmodernen Maschinenfabriken den Stand der Technik zu studieren. 1865 übernahm er zusammen mit einem Freund eine Maschinenfabrik in Berlin, in der er erfolgreich transportable Einheitsdampfmaschinen fertigen ließ. Der Betrieb ging in der Gründerkrise 1873 in die Brüche.

Es begann eine Zeit der Suche. Rathenau bereiste die Welt und studierte dabei vor Ort die rationellen Fertigungsverfahren, die in den USA entwickelt wurden. Als er 1881 bei einer Ausstellung in Paris Edisons Glühlampe kennenlernte, witterte er das Potenzial, das in der Elektrizität steckte. Er erwarb die Patente von Thomas Edison für den deutschen Markt und gründete zunächst eine Studiengesellschaft, aus der 1883 die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ als Aktiengesellschaft hervorging.

1887 stockte Rathenau das Kapital der Gesellschaft auf und löste sie von der Edison-Gesellschaft. Als Kapitaleigner des Unternehmens, das offiziell als Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft firmierte, stießen Siemens und Halske und die Deutsche Bank hinzu. Rathenau und Siemens grenzten ihre jeweiligen Interessen dabei vertraglich ab, was der Expansion der Unternehmen zugute kam. Der Vertrag wurde 1894 aufgelöst, nachdem sich die beiden Unternehmen wiederholt in Preiskämpfe verstrickt hatten.

Zunächst war es der Bedarf des Reichs an Kapazitäten bei der Stromübertragung, mit dem die AEG wuchs. 1891 gelang es der AEG, Strom, der in einem Kraftwerk in Lauffen am Neckar erzeugt wurde, über eine 175 km lange Freileitung nach Frankfurt zu übertragen, wo im Rahmen einer elektrotechnischen Ausstellung 1000 Glühbirnen und ein künstlicher Wasserfall angetrieben wurden. Eine Sensation – und der Beginn der allgemeinen Elektrifizierung des Reichs mit Wechselstrom.

Ab Mitte der 1890er-Jahre begründete der Industrielle das große Fabrikkonglomerat im damals noch dörflichen Oberschöneweide am oberen Lauf der Spree. Der Architekt Peter Behrens baute dort die großen Hallen und Verwaltungsgebäude des Kabelwerks und Transformatorenwerks, die heute unter Denkmalschutz stehen.

Die Tätigkeit der Gesellschaft weitete sich auf immer neue Geschäftsfelder aus. Neben der Fertigung von Dampfturbinen, Dieselmotoren, Kabeln und – in der Neuen Automobil-Gesellschaft (NAG) in Oberschöneweide – sogar Automobilen umfasste der AEG-Konzern auch Glühlampen-, Apparate- und Maschinenfabriken für Elektromotoren und Transformatoren. 1903 war Emil Rathenau zusammen mit Werner von Siemens an der Gründung der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H., System Telefunken beteiligt. Kaiser Wilhelm II. hatte auf diesen Schritt gedrängt, damit sein Reich bei der drahtlosen Nachrichtenübertragung die Nase vorn behält.

1912 zog sich Emil Rathenau aus dem Alltagsgeschäft zurück, vor 100 Jahren starb er. Der Geist der Gründerjahre, für den Rathenau so unvergleichbar stand, ist in Oberschöneweide zwischen den großen Kathedralen der Berliner Industriegeschichte noch immer zu spüren.  

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