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Freitag, 22. Februar 2019

Industriegeschichte

Ein Ire im Revier

Von Ken Fouhy | 18. März 2016 | Ausgabe 11

Vor 160 Jahren siedelte William T. Mulvany nach Deutschland über. Mit seinen Erfahrungen aus Großbritannien hat der Ingenieur den Kohlebergbau im Ruhrgebiet wesentlich geprägt.

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Foto: imago/blickwinkel

Grün wie die Insel: Der Förderturm von Zeche Erin kündet vom irischen Erbe des Unternehmers Mulvany.

Shamrock, Erin, Hibernia: Namen von großen Zechen im Ruhrgebiet, die mit dem irischen Ingenieur William T. Mulvany verbunden sind. Geboren am 11. März 1806 im Dubliner Vorort Sandymount, hatte Mulvany bereits eine Karriere als Bauingenieur hinter sich, als er 1855 nach Deutschland übersiedelte.

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In seiner Heimat war Mulvany Bauingenieur beim Landesbauamt (Board of Works) für Wasserstraßen, Überschwemmungsschutz und Entwässerung zuständig gewesen. Unter seiner Leitung wurden viele große Projekte verwirklicht. Unter anderem wurde ein 63 km langer Kanal im Norden des Landes gebaut, um Lough Erne mit dem größten Fluss des Landes, der Shannon, zu verbinden.

Foto: Foto: Montanhist. Dokumentationszentrum/Dt. Bergbau-Museum/Bergbau-Archiv 32/4486

„Ich sagte auf der Stelle, diese Leute verstehen nicht, welchen Schatz sie hier haben.“ Der Unternehmer William T. Mulvany über seine ersten Eindrücke vom Ruhrgebiet im Jahr 1854.

Die Entwässerungsprojekte führten schließlich dazu, dass Mulvany aus dem öffentlichen Dienst ausschied. Die meisten Ländereien Irlands waren zu der Zeit in den Händen des britischen Adels. Streit um die Finanzierung von Entwässerungsprojekten führte zur Einberufung eines Untersuchungsausschusses im britischen Parlament. Obwohl Mulvany freigesprochen wurde, trat er mit vollen Bezügen in Pension. Danach suchte der autodidaktische Ingenieur nach interessanten Projekten. Er bereiste den Norden Englands, wo die Industrialisierung bereits in vollem Gange war, und wohnte für kurze Zeit in London. Dort traf er einen Bekannten aus Irland wieder, der seine Expertise als Entwässerungsexperte nutzen wollte. Michael Corr van der Maeren hatte in Gelsenkirchen in ein Steinkohlebergwerk investiert. Das Eindringen von Grundwasser hatte zu massiven Problemen geführt. Mulvany bot an, sich die Situation vor Ort anzuschauen.

Zu der Zeit war das Ruhrgebiet noch eine ländliche Idylle. Gelsenkirchen zählte 800 Einwohner und war vom Wald umringt. Die Industrialisierung hatte jedoch begonnen. Die Reise Mulvanys fand zur richtigen Zeit statt, um sich als Pionier einbringen zu können. Und er brachte die Erfahrungen aus Großbritannien mit. „Ich hatte gesehen, wie mangelhaft in jenen Tagen ihre Eisenbahn, wie unvollständig die Kanäle und die Transportmittel ausgelastet waren, und sagte auf der Stelle, diese Leute verstehen nicht, welchen Schatz sie hier haben“, meinte Mulvany nach einer Überlieferung aus dem Stadtarchiv Düsseldorf.

Nach seiner ersten Visite in Gelsenkirchen entschied Mulvany, in den Bergwerken zwischen Emscher und Ruhr tätig zu werden. Er ging nach Irland zurück, organisierte Wagniskapital. Am 17. März 1856, dem irischen Nationalfeiertag, nahm die Firma Hibernia mit dem Erkundungsschacht in Gelsenkirchen ihre Aktivitäten auf. Anteilseigner waren sieben Iren, unter anderem Mulvany und Corr van der Coren. Sie hatten zwei kleinere Bergwerke, Christiansglück und Ludwigsglück in Gelsenkirchen übernommen. Mulvany wurde mit der Leitung des Unternehmens beauftragt.

In der Zwischenzeit hatte Mulvany nochmals das Bergbaugebiet im Nordosten Englands zusammen mit Bergwerksingenieur Louis König bereist, um die modernen Produktionsverfahren kennenzulernen. So hatte er die Wichtigkeit der Anbindung der Bergwerke an das Eisenbahnnetz erkannt. In Deutschland musste die Kohle noch mit Pferdekutschen an Sammelstellen zum Weitertransport verfrachtet werden. Mulvany sorgte dafür, dass sein Bergwerk direkt an die neue Eisenbahnstrecke Köln-Minden angebunden wurde.

Er übernahm auch Neuerungen aus dem britischen Untertagebau. Das Tübbing-System von William Coulson, nach dem Tunnelauskleidungen vorgefertigt werden, hatte er in Gelsenkirchen implementiert und Coulson für das Projekt verpflichtet. Mehr als 300 Mitarbeiter rekrutierte Mulvany in den folgenden Jahren von der Insel. Er sorgte auch für das seelische Wohl, indem er protestantische sowie katholische Prediger mit importierte. Der Legende nach sind diese Kumpel der Ursprung für die starke Fußballtradition der Region.

15 Monate nach dem ersten Erkundungsschacht förderte Hibernia seine erste Kohle aus 111 m Tiefe. Nach einigen Monaten förderten die 200 Bergleute 200 t pro Schicht. Bis 1872 erreichte die jährliche Produktion mit 852 Kumpeln 140 000 t. 1866 kaufte Mulvany zwei weitere Schächte in Castrop sowie drei Hochöfen in Duisburg. Die Bergwerke führte Mulvany unter den Namen Erin zusammen. Sie lieferten bis 1983 Kohle.

Ende Oktober 1856 übernahm Mulvany zwei weitere Bergwerke. Aus Merkania 1 und 2 in Herne formte er Shamrock. Bereits 1858 förderten 200 Kumpel 23 000 t, das Bergwerk wurde eine der wichtigsten im Gesamtrevier des Ruhrgebiets.

Mulvany führte nicht nur Technik und Kapital für seine Bergwerke ein. Er war auch gesellschaftlich engagiert und war 1858 einer der Gründungsmitglieder des Bergvereins in Dortmund. 1871 gründete er den „Verein zur Wahrung der Gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rheinland und Westfalen“ in Düsseldorf mit. Ziel des Vereins war der Ausbau der Infrastruktur, um die Industrialisierung voranzutreiben.

Mulvany starb am 30. Oktober 1885 in Düsseldorf und ist auf dem Nordfriedhof der Stadt begraben. Am 1. Juli will der Verein „Irish Business Network“ in Düsseldorf die Verdienste Mulvanys mit einer Veranstaltung würdigen (www.irishbusinessnetwork.de/mulvany).  KEN FOUHY

Quellen: Breaking Ground, John J. O’Sullivan, ISBN 1–85635–427-XDr. Paul Kauhausen, Rede zum 50. Todestag Mulvanys, Düsseldorfer Stadtarchiv.