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Samstag, 23. Februar 2019

VDI-GPL

Einzelstücke zum Serienpreis

Von Rudolf Schulze | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Wie können Unternehmen in Deutschland mit vorhandenem Personal und begrenzten Ressourcen im globalen Wettbewerb bestehen? Diese Frage diskutieren Mitglieder und Gremien der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik. Eine Lösung: mit hoher Flexibilität einzelne Produkte zum Preis fernöstlicher Serienfertigung herstellen.

Eine alternde Bevölkerung, Wertewandel und wachsende Unsicherheiten auf den Märkten kennzeichnen das Umfeld für die Industrienationen. Die amtierende Bundesregierung suchte nach Orientierung und hatte dazu das Programm "Wie wird die Industrie 2050 aussehen?" aufgelegt.

Die VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL) gibt sich bescheidener. Ihr Prognosehorizont reicht nur bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts. "Welche Trends werden sich bis zum Jahr 2025 umgesetzt haben?", wollte die GPL von rund 800 Entscheidungsträgern in der Automobil- und der Stahlindustrie, bei Werkzeugmaschinenherstellern und Hochschulinstituten wissen.

Trend bis 2025. Einige Ergebnisse der Umfrage:

- Die primär lohnkostenorientierte Produktionsverlagerung wird abgelöst von der absatzmarktorientierten Produktion. Das heißt, es wird dort produziert, wo die Märkte sind.

- Lebenslanges Lernen mit Unterstützung der Unternehmen und eine altersgerechte Arbeitsplatz- und auch Arbeitszeitgestaltung werden auf dem personalpolitischen Maßnahmentableau ganz nach oben rutschen.

- Die Digitalisierung des Konsums wird Handel und Distribution weiter revolutionieren. Die Bündelung von Warenströmen, Intermodalität und umweltfreundlicheren Transportmitteln werden 2025 zum Alltag gehören.

"Aus der Sicht eines Ingenieurs, der strategisch denkt, heißt die konkrete Herausforderung: Wie können wir im eigenen Lande mit hohem Automatisierungsgrad einzelne Produkte, personalisierte Produkte, zu Preisen fertigen, die gegen die in Niedriglohnländern wettbewerbsfähig sind", umreißt Jean Haeffs, Geschäftsführer der VDI-GPL, das Problem.

Haeffs spricht lieber von flexibler Produktion und Wandlungsfähigkeit als von Industrie 4.0, wie es heute üblich ist: "Das Konzept von Industrie 4.0 hieß vor 30 Jahren CIM, Computer Integrated Manufacturing. Doch damals war die Computertechnik noch nicht reif dafür. Heute müssen wir zusehen, dass wir es besser machen."

Haeffs ist sicher, dass dieser Wandel kommen wird. Und mit der richtigen Technik werde er auch funktionieren. Damals wären Rechengeschwindigkeiten und Speicherkapazitäten zu gering gewesen. Heute seien Sensorik, Funkverbindungen und Computer in allen Varianten greifbar.

Gremienarbeit: Die bekanntesten Arbeitsergebnisse aus den Fachausschüssen der GPL, die sich auch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit eingegraben haben, sind der sogenannte Gabelstaplerführerschein und die Richtlinie zur Ladungssicherung. Umgangssprachlich wird diese Richtlinie auch als Bibel der Lkw-Fahrer und der Autobahnpolizei bezeichnet. Denn in Deutschland prüft die Autobahnpolizei die Ladungssicherung auf den Lkw nach VDI 2700.

Nach dieser VDI-Richtlinie wird in Deutschland aufgrund eines Beschlusses der Landesinnenminister weiter kontrolliert, obwohl die EU-Kommission vor einem Jahr europäische Richtlinien zur Ladungssicherheit erlassen hat. Diese EU-Vorgaben müssen noch in nationales Recht umgesetzt werden. Nach Ansicht von Haeffs enthalten die EU-Richtlinien allerdings sehr viel schwächere Vorschriften als die nationale Richtlinie.

Die VDI-Richtlinie 2700 dient der Sicherheit von Mensch und Gut auf der Straße. Auch ausländische Spediteure werden in Deutschland danach geprüft.

Weitere Experten arbeiten in den Fachausschüssen für Fabrikplanung und -betrieb. Sie suchen Antworten auf die Frage: Wie wird eine Fabrik geplant und wie wird sie im Laufe ihres Bestehens an sich ändernde Anforderungen angepasst?

Die Fertigung in möglichst kurzer Zeit umzustellen, sieht Haeffs als eine der großen Herausforderungen für Produzenten in Deutschland. Produkte sollen nach Kundenwunsch hergestellt, auch kleine Serien oder sogar Einzelstücke sollen zu Großserienpreisen gefertigt werden. So individuell wie ein Auto, das oft weltweit einmalig ist.

Haeffs: "Wenn wir eine Industrieführerschaft im Fertigungsbereich behaupten wollen, sollten wir diese Flexibilität beherrschen."

Nicht nur die konventionellen Fertigungsprozesse stehen auf der Tagesordnung der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik, auch das Rapid Prototyping gewinnt an Bedeutung. Dabei trägt der Drucker, wie mit der Heißklebepistole, direkt aus den Konstruktionsdaten der CAD-Anlage geschmolzenes Material räumlich auf oder ein Laser schmilzt Granulate, die sich zu einer Form fügen.

Allerdings: "Rapid ist das nicht unbedingt", schmunzelt Haeffs. Etwa einen Tag benötige der Drucker, ein Modell mit den Abmessungen eines DIN-A4-Klotzes zu fertigen. Aber es geht schneller als mit bisherigen Verfahren. "Vor allem benutze ich direkt CAD-Daten und brauche daraus nicht erst noch CNC-Steueralgorithmen für Bearbeitungsmaschinen zu entwickeln."

Die VDI-Mitglieder, die sich der GPL zugeordnet haben, 48 Ausschüsse und die drei Fachbeiräte mit jeweils 15 bis 20 Experten sowie die acht Vorstandsmitglieder werden in Düsseldorf von vier Mitarbeitern betreut.: Dipl.-Ing. Jean Haeffs, Dipl.-Phys.-Ing. Volker Kirsten, Dr.-Ing. Erik Marquardt, Dipl.-Geogr. Josefa Wolf.

"Unsere ehrenamtlichen Experten", erklärt Haeffs, "kommen aus unterschiedlichen Welten, aus Hochschulen, von Herstellern, Anwendern oder aus Beratungsunternehmen, die bei technischen Entwicklungen ganz vorne mit dabei sind. Über uns können sie sich auf kurzem Weg austauschen über Themen, zu denen sie sonst Berater oder Hochschulinstitute kostenpflichtig hinzuziehen müssten."

Maßstäbe für die EU: Richtlinien, die aus den Arbeiten der GPL entstehen, werden in Deutsch und in Englisch veröffentlicht. Haeffs: "Wir liefern damit auch eine Vorlage für internationale Regeln." Was an Richtlinien und Vorgaben von der EU oder anderen internationalen Gremien kommt, gefällt den deutschen Experten nicht immer.

Haeffs weiß aus Erfahrung: "Wenn das Thema einer unserer Richtlinien als europäisches Regelwerk bearbeitet zurückkommt, ist der Inhalt oft viel schlechter als das, was wir in Deutschland zum Stand der Technik aufgezeigt haben." Deswegen versuchen Haeffs und seine Kollegen, das Niveau, das hierzulande gilt, möglichst ohne Einschränkung in der EU umzusetzen.

Trotz vieler Probleme ist VDI-GPL-Manager Jean Haeffs um den Produktionsstandort Deutschland nicht bang: "Wir sind in Deutschland nicht die Dienstleistungsgesellschaft geworden, wie es mancher gerne wünscht. Das wäre aus unserer Sicht wirtschaftlich eine Katastrophe, weil Wertschöpfung mit der industriellen Produktion und der Werkstofffertigung anfängt." Damit das so bleibt, setzt er auf weitere erfolgreiche Arbeiten der Experten.    RuS

www.vdi.de/uploads/media/2012_GPL-Studie_Produktion_und_Logistik_in_Deutschland_2025_07.pdf