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Samstag, 20. Januar 2018

Arbeitsmarkt

Facharbeitermangel gefährdet Erfolgsmodell

Von Schmitz/Hd | 9. Mai 2014 | Ausgabe 19

Der Trend zur akademischen Bildung ist politisch beabsichtigt und wird von Schulabsolventen gerne aufgenommen. Schließlich verspricht ein akademischer Abschluss hohes Einkommen und eine sichere berufliche Position. Um Facharbeiter nicht ins berufliche Abseits zu stellen, empfehlen Wissenschaftler attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten und eine Öffnung der Hochschulen.

Bochumer Maschinenbauer Eickhoff
Foto: Weisflog

Damit Facharbeiter in der Metallbranche (hier beim Bochumer Maschinenbauer Eickhoff) künftig nicht zu einer aussterbenden Spezies gehören, müssen ihre Karriereperspektiven verbessert werden, empfehlen Bildungsforscher.

Misst man Studien an handfesten Ergebnissen, die die Zukunft planbarer machen, hinterlässt die Arbeit "Zur neuen Konstellation zwischen Hochschulbildung und Berufsausbildung" mehr Fragen als Antworten. Das aber hatten die Autoren des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) sowie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (Sofi) einkalkuliert.

Schließlich lässt sich nur vermuten, welche Bildungswege in den kommenden zwei Jahrzehnten Jugendliche und Weiterbildungswillige einschlagen und welche Bildungsangebote von Wissenschaft und Politik attraktiv ausgestaltet werden. Der demografische Wandel kommt der Planbarkeit nicht gerade erleichternd zu Hilfe.

Deshalb haben sich die Autoren weitgehend auf eine Bestandsaufnahme beschränkt, wobei sie Gefahren sowie Möglichkeiten skizzieren. Basis der Forschungen bildet das deutsche Produktions- und Innovationsmodell, das sich von dem anderer frühindustrialisierter Gesellschaften wie den USA, Großbritannien und Frankreich vor allem in seiner Belegschaftsstruktur unterscheide. Während in den genannten Ländern die Qualifikationsschere zwischen akademisch gebildeten Fachkräften und Zuarbeitern weit auseinanderklaffe, beruhe das deutsche Modell auf beiderseits hoch qualifizierten Fachleuten.

Weitere Kapitel dieser Erfolgsgeschichte aber seien gefährdet, wenn es nicht gelänge, eine ausreichende Masse an Fachkräften beider Niveaus zu gewinnen. "Dieses Potenzial könnte bei Verlängerung der in den beiden letzten Dekaden beobachtbaren Umschichtungen im Bildungs- und Ausbildungssystem gefährdet sein", schreiben die Wissenschaftler. "Zwischen den Bildungssektoren kommt es zu einem starken Anstieg der Zahl der Studienberechtigten auf über 50 % eines Altersjahrgangs, während gleichzeitig die Anteile der Schulabsolventen mit mittlerem und mit maximal Hauptschulabschluss deutlich zurückgehen." Die Folge: Zum ersten Mal in der deutschen Berufsbildungsgeschichte kam es 2011 zu einem quantitativen Gleichstand zwischen Studienanfängern und Auszubildenden in der dualen beruflichen Bildung.

Martin Baethge vom Sofi untermauert die Ergebnisse anderer Erhebungen: "Die Studie bestätigt, dass in den kommenden Jahren weniger mit einem Akademikermangel in den MINT-Berufen (mathematisch-naturwissenschaftlich-technischer Bereich, die Red.) als mit einem Mangel an Facharbeitern und -angestellten zu rechnen ist. Was nicht heißen soll, dass es in bestimmten Industrie-Branchen und Fachrichtungen nicht an Ingenieuren mangeln könnte."

Fachkräfte

Der Arbeitskräftebedarf nach Branchen: Beim Personalbedarf sind bis 2030 keine starken Verschiebungen zu erwarten, insbesondere im technischen Bereich nicht, prognostizieren Arbeitsmarktforscher. Der Trend zum Studium bringt aber die Ausbildungsniveaus ins Ungleichgewicht.

Fachrichtungsspezifische Engpässe seien bei Ingenieuren nicht ausgeschlossen, "dürften aber eher auf Präferenzen in der Studienwahl als auf einen allgemeinen Mangel an Studienberechtigten zurückzuführen sein", heißt es in der Studie.

Die Zahl derjenigen Studienberechtigten, die sich für eine Berufsausbildung entschieden, hat in den letzten Jahren abgenommen. Attraktiv waren für diese Gruppe nur vereinzelte kaufmännische Berufe sowie der unmittelbare Einstieg in die Informations- und Kommunikationsbranchen. Die Bevorzugung des akademischen Karriereweges verwundert die Forscher nicht. "Bei allen geprüften Indikatoren (Einkommen, berufliche Position, Ausbildungsadäquanz der Berufstätigkeit) bleiben die Effekte einer Berufsausbildung hinter denen eines Hoch- oder Fachhochschulstudiums deutlich zurück." Dazu passe, dass über die Hälfte der Studienberechtigten mit beruflicher Ausbildung eine Weiterbildung anstrebe, oft ein Studium.

Damit Berufserfahrene ohne klassische Studienberechtigung sich nicht in einer Sackgasse nach dem Motto "Bis hierhin und nicht weiter!" befinden, befürwortet der Soziologe Martin Baethge die politisch gewollte Durchlässigkeit vom Beruf zu den Hochschulen. Sie müsse nur gelebt werden. Vor allem Universitäten täten sich hier schwer. Die Möglichkeit, später einmal ein Studium aufzunehmen und dadurch die Palette der Karriereoptionen zu erweitern, trüge zur steigenden Attraktivität der dualen Berufsausbildung bei.

Bislang sei die Gruppe der weiterbildungswilligen Facharbeiter ohne "Hochschulreife" überschaubar, ergänzt Christian Kerst vom DZHW, sie zeige aber an, "in welche Richtung sich Weiterbildungsangebote möglicherweise entwickeln. Fachkräfte sind häufig an einzelnen Themen oder speziellen Modulen interessiert, nicht unbedingt an kompletten Abschlüssen". Ein Fernstudium berücksichtige den Dreiklang von Beruf, Familie und Lernen am besten.

Um die Zahl der Facharbeiter zu erhöhen und so eine gesunde Balance zwischen den Fachkräften wieder herzustellen, seien nicht nur Politik, Hochschulen und Jugendliche gefragt, meint Baethge: "Man muss leider feststellen, dass Engpässe im Bereich der Facharbeiter von den Unternehmen hausgemacht sind. Die Ausbildungsbetriebsquote ist im vergangenen Jahrzehnt um fast 10 % zurückgegangen. Hier sind eindeutig größere Anstrengungen bei der dualen Berufsausbildung, vor allem bei Metall- und Elektroberufen, nötig. Die Personalpolitik der Unternehmen ist nicht zukunftsorientiert genug, da sie allein vom aktuellen Bedarf ausgeht." WOLFGANG SCHMITZ/hd

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