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Freitag, 18. Januar 2019

Personalpolitik

Generation Y – Sinnvolle Arbeit gesucht

Von Peter Ilg | 27. September 2013 | Ausgabe 39

In den nächsten Jahren werden europaweit rund 50 Mio. junge Arbeitskräfte der Generation Y ins Arbeitsleben einsteigen und auf die Generation X treffen. Die gilt als hart, auch zu sich selbst. Die Generation Y als weich, auch zu sich selbst. Familie und Sinn in der Arbeit sind ihnen wichtiger als Karriere um jeden Preis. Die Unternehmen denken um - und stellen fest: Die Generation Y ist besser als ihr Ruf.

Generation Y – Sinnvolle Arbeit gesucht

Karriere um jeden Preis? Nicht mit mir. Ein Vertreter der Generation Y sieht zu, dass die eigenen Bedürfnisse befriedigt werden und stellt so manches infrage. Foto: Fotolia

Die amerikanischen Historiker Neil Howe und William Strauss haben die zwischen 1980 und 2000 Geborenen als "die nächste große Generation"‘ bezeichnet, die Generation Y.

Im Englischen wird Y ausgesprochen wie why, das englische Wort für warum. Das passt ja. Diese Generation stellt so ziemlich alles infrage: Hat der Chef recht, nur weil er Chef ist und ist das gut, dass gerade er Chef ist und was er sagt? Warum sollten Familie und Karriere nicht vereinbar sein? Kritiker aus den Generationen davor werfen ihnen mangelnden Ehrgeiz vor und stellen sie als Selbstverwirklicher und Traumtänzer dar, die eine Wohlfühlatmosphäre suchen, in der sie weiterhin verwöhnt werden. In den Unternehmen prallen Welten aufeinander.

Frontalzusammenprall vermeidbar

"Die Unternehmen stellen Regeln für die neue Generation der Berufstätigen auf und belassen die der ‚Alten‘ bei den Alten", sagt Reinhard Scharff, geschäftsführender Gesellschafter von Personal Total, Stuttgart-Mitte. Die Personalberatung hat 30 Niederlassungen in Deutschland und 2012 nach eigenen Angaben gut 800 geeignete Kandidaten für vakante Stellen in Unternehmen gefunden.

Scharff und seine Kollegen kennen die Generation Y daher sehr gut. Sie wissen sehr genau, was ihre junge Kundschaft will. Und wie die Unternehmen reagieren oder reagieren sollten. Manche tun das schon in Ansätzen, nämlich dort, wo Knappheit an Bewerbern herrscht, also bei Praktikanten und Auszubildenden. "Dort sind die ersten demografischen Bremsspuren angekommen." Noch nicht bei den Hochschulabsolventen, von denen gibt es nach Meinung von Scharff noch ausreichend. Nicht aber bei Facharbeitern und in den MINT-Mangelberufen, allen voran Ingenieuren.

Unternehmen, die sich der jungen Generation stellen, geben soziale Medien für den Arbeitsplatz frei, bieten Computer-Spiele, Sportmöglichkeiten, Auslandsaufenthalte, planen schon für den Berufseinstieg gemeinsam mit den Kandidaten Karrieren und besprechen die Teilnahme an MBAs. "Den Unternehmen bleibt letztendlich gar nichts anderes übrig, als ein Zwei-Klassen-System zu fahren", sagt Scharff. Die ‚Alten‘ seien so anders in ihren Aktivitäten. Das passe nicht mehr zu den New Talents, "die die Unternehmen und wir als Gesellschaft für die Zukunft brauchen".

Dass sie gebraucht werden, dessen ist sich die Generation der Infragesteller bewusst. Teilweise herrscht schon ein Arbeitskräftemangelmarkt zugunsten der Generation Y. Und die ist nach Meinung von Scharff viel besser als ihr Ruf: Sie ist gut ausgebildet, viele haben ein Hochschulstudium. Und sie zeichnet sich durch eine technologienaffine Lebens- und Arbeitsweise aus es ist die erste Generation, die mit Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. Deshalb werden sie auch als Digital Natives bezeichnet – denen es leichter fällt in virtuellen Teams anstatt tiefen Hierarchien zu arbeiten.

Familie, Freunde, Selbstverwirklichung, persönliche Freiheit, Work-Life-Balance und eine feste Partnerschaft sind mit großem Abstand die wichtigsten Dinge im Leben der Generation Y. "In einer Zeit, die gefühlt immer schneller verrinnt, jeder materielle Wert nur einen Mausklick entfernt ist, in der wir gestern noch über Facebook unsere Freundschaften pflegten und heute über Pinterest unser Leben mit Millionen anderer teilen, ist es verständlich, dass der Wunsch nach Beziehungen und Ankerpunkten im realen Leben wächst", sagt Melanie Vogel. Sie ist Geschäftsführerin der Agentur ohne Namen und Initiatorin der Studie "Student Survey 2013", durchgeführt unter rund 400 Studierenden. 70 % der Frauen und 72 % der Männer erwarten, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich ist. Sowohl Männer (72 %) als auch Frauen (64 %) streben nach Führung und Verantwortungsübernahme – allerdings nicht um jeden Preis. Einbeziehen in Entscheidungen und Lob sind aus Sicht der Befragten die wichtigsten wertschätzenden Handlungen, die Arbeitgeber der Generation Y entgegenbringen können.

Und dass die nur kuscheln will: Weit gefehlt! "Bewerber der Generation Y zeigen Leistungsbereitschaft und wollen Verantwortung übernehmen", sagt Astrid Geissler, im Personalmarketing der Bayer AG unter anderem zuständig für Talent-Management. Die Andersartigkeit von Generationen sei eine Facette von Vielfalt, wie auch unterschiedliche Nationalitäten, Geschlechter, Altersgruppen. "Das fördern wir, weil Vielfalt Bestandteil unserer Unternehmens- und Führungskultur ist."

Der größte Unterschied zwischen den Generationen, den die Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) bisher feststellen konnte, ist das ausgeprägte Sinnbewusstsein der jungen Menschen von heute. "Ihnen ist es sehr wichtig, mit ihrer Arbeit und ihrem Team etwas zu bewegen und einen wirklichen Impact zu schaffen", sagt Carsten Baumgärtner, Partner bei BCG und verantwortlich für das Recruiting. Ein substanzielles Umdenken sei nicht erforderlich, allerdings entwickle sich das Unternehmen mit der Zielgruppe weiter. Wie das viele andere auch tun werden.

Für Reinhard Scharff musste die Generation Y einfach kommen, nach Managern, die nie Zeit hatten für ihre Familien und Burn-out, "um richtig zu machen, was ihre Väter falsch gemacht haben". Sich selbst eingeschlossen.   PETER ILG