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Samstag, 20. Januar 2018

Whistleblowing

Informantenschutz fehlt in Deutschland

Von Michael Sudahl | 13. November 2015 | Ausgabe 46

Nestbeschmutzer oder Denunziant – wer in deutschen Firmen Fehlverhalten seines Arbeitgebers aufdeckt, hat einiges zu verlieren: den Job und den guten Ruf. Deshalb riskieren Beschäftigte es nur selten, über Fehler und Fehlverhalten, Betrug oder Schmiergeldzahlungen zu informieren.

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Foto: Panthermedia/Andriy Popov

Bloß nichts sagen! Doch das kann für Firmen teuer werden, siehe VW-Skandal.

Woher kommt die Kultur des Schweigens und Wegsehens in Deutschland? Einen Verdacht hat Johannes Ludwig. Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur Kultur des Whistleblowings: „Anders als etwa in den USA gibt es in Deutschland keinen Informantenschutz für Menschen, die in der Wirtschaft Missstände ankreiden.“

Selbst wenn es Ombudsmänner innerhalb der Unternehmen gibt, an die sich Hinweisgeber wenden können, reicht oft der Schutz nicht aus. Denn wenn herauskommt, wer der Informant ist, riskiert er seinen Ruf. „In Deutschland wird Hinweisgeben oft als Nestbeschmutzung gesehen“, sagt Rainer Nübel. Der renommierte Stern-Redakteur hat bei Siemens und Daimler schon vor Jahren Skandale etwa zu schwarzen Kassen aufgedeckt. Zwar würde die Gesellschaft allmählich erkennen und es honorieren, wenn in Industrie und Bankenwelt Fehlverhalten öffentlich gemacht werde – doch innerhalb der Firmen herrsche nach wie vor eine Kultur der Ächtung, ist Nübels Ansicht.

VW ist ein passendes Beispiel. Wer schon einmal durch Wolfsburg gefahren ist und mit den Leuten redet, erkennt, dass die ganze Stadt, die komplette Region vom Autobauer abhängig ist. Zudem sorgt VW dafür, dass der Konzern fast „familiär“ geführt und wahrgenommen wird. Wer schlecht über das Unternehmen redet, wird als Image-Demolierer bezichtigt. Dabei läuft es genau anders herum, wie nun zu sehen ist. Der Abgasbetrug kostet den Konzern voraussichtlich Milliarden, Schadenersatzklagen in den USA drohen bereits.

Darin wiederum sieht Ludwig den ökonomischen Grund für den Schutz der Informanten – zumindest in der US-Wirtschaft. Bei Militär- und Staatsfragen sieht es bekanntlich anders aus, wie der Fall Edward Snowden belegt.

Dennoch: In den USA wird Whistleblowing innerhalb der Unternehmen gefördert, denn damit wahren sich Firmen die Chance, Imageverlust und Megaklagen abzufangen. Dem gegenüber steht in Deutschland die Kultur, Betriebsgeheimnisse zu schützen. Vergleichsweise schwach ausgeprägt sei hingegen das Verhältnis zur Informations- und Aufklärungspflicht, wie Rechtsanwalt Björn Rohde-Liebenau in seinem Buch „Whistleblowing“ schreibt. Hinzu kommt: „Wirtschaftskriminalität ist alljährlich die schadensträchtigste Form der Kriminalität“, führt der Jurist aus. Die Täter seien überproportional oft im Management zu finden. Jedoch hinkt die Aufklärungsquote weit hinter anderen Deliktstypen her.

Gewerkschaften wiederum stufen Whistleblowing laut Rohde-Liebenau als „wichtiges Frühwarnsystem“ ein. Allerdings sehen die Arbeitnehmervertreter darin ein zweischneidiges Schwert: Der Einsatz für einen verbesserten Schutz der Hinweisgeber könnte letztlich zu einem schlechteren Kündigungsschutz führen. Das sei womöglich der politische Preis, den die SPD ihrem Koalitionspartner CDU für die Aufnahme ins Gesetz bezahlen müsse.

„Der bessere Schutz wäre jedoch die Pflicht“, bilanziert Ludwig als stellvertretender Vorsitzender des Whistleblower-Netzwerkes. Doch Deutschland setze internationale Vorgaben zum Whistleblower-Schutz schlicht nicht um. Dabei hat der Europarat schon vor zwei Jahren empfohlen, die Tippgeber besser zu schützen. Naheliegend wäre, den Whistleblower-Schutz als Wahlkampfthema zu besetzen. Aber die Regierungspartei SPD überlässt das Territorium Bedenkenträgern wie dem Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen. Er warnte unlängst auf einer Sicherheitstagung vor „Innentätern“ in Unternehmen. Er unterscheidet damit nicht zwischen Spionen und Saboteuren auf der einen und Whistleblowern auf der anderen Seite.

Aber es gibt sie dennoch: Deutsche Firmen, die eine Fehler- und Aufdeckkultur fördern. Lufthansa Technik gehört dazu. Thomas Erich gibt Einblicke: „Drei bis fünf Insidertipps bekommen wir pro Quartal aus den eigenen Reihen“, so der Pressesprecher. Der Grund für den Einsatz eines intranetbasierenden Tippgebersystems liegt im Geschäftsmodell. Eine Airline kann es sich nicht leisten, dass Flugzeuge abstürzen. Es geht um Menschenleben. Zudem ist die mediale Aufmerksamkeit bei einem Absturz enorm. Der damit drohende Imageschaden ebenso.

Seit 13 Jahren setzt Lufthansa Technik daher eine Reporting-Software ein, bei der unter Wahrung der Anonymität die rund 8000 technischen Mitarbeiter Missstände benennen können. Fällt einem Kollegen etwa beim Durchsehen seiner Werkzeugkiste auf, dass ein Schraubenzieher fehlt und der womöglich im Getriebe einer Boeing 747 steckt, kann er das anonym melden, verdeutlicht Matthias Boller, der den elektronischen Briefkasten betreut.

Der Angst vor Mobbing, Karriereknick oder Kündigung wirkt dieses System entgegen. Das Flugzeug wiederum kann sofort aus dem Verkehr gezogen und der Fehler gesucht werden.

Bei Lufthansa Technik gibt es den elektronischen Briefkasten, der anonyme Meldungen ermöglicht

Hinzu kommt: Lufthansa Technik veröffentlicht alle Missstände in einem internen Schulungsmagazin. „Damit Fehler nicht doppelt gemacht werden“, wie Redakteur Boller verdeutlicht. Durch diese Transparenz entstehe eine Fehlerkultur. Hinweisgeber müssten keine negativen Konsequenzen fürchten.

Dass immer mehr Firmen und Konzerne sich einer gelebten Fehlerkultur besinnen, beobachtet auch Kenan Tur, Gründer und Vorstand der Business Keeper AG. Seine Software setzen Großunternehmen, Behörden und Landeskriminalämter ein. „Für mich haftet dem Hinweisgeber nie das Nestbeschmutzertum an“, sagt er. Seit knapp zehn Jahren nimmt der stellvertretende Leiter der Arbeitsgruppe Hinweisgeber bei Transparency Deutschland das Umdenken wahr. Zu seinen Kunden gehören inzwischen „Dickschiffe“ wie Telekom oder die Deutsche Bahn.

Auch eine Umfrage des Magazins Capital bestätigt Turs‘ Wahrnehmung. Das Wirtschaftsmagazin hat Dax-Konzerne befragt, ob sie Anlaufstellen für Whistleblower geschaffen haben und wie diese frequentiert werden. In Summe liefen bei den Unternehmen knapp 1600 Beschwerden und Meldungen über mutmaßliche Verstöße gegen Compliance-Vorschriften, gesetzliche Normen oder generelles Fehlverhalten auf. Spitzenreiter sind die von Stern-Redakteur Nübel aufgespießten Konzerne: Daimler berichtet von 779 und Siemens von 653 Meldungen, die das Geschäftsjahr 2014 betreffen.

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