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Samstag, 23. Februar 2019

Chemie

Ingenieure in der Welt der Polymere

Von Manfred Burazerovic | 11. Oktober 2013 | Ausgabe 41

Völlig verschont bleibt auch die Kunststoffindustrie von der aktuellen Krise nicht. Aber dennoch benötigt die Branche nach wie vor in jedem ihrer Segmente Ingenieurinnen und Ingenieure mit einem breiten Know-how aus verschiedenen Fachrichtungen. Insbesondere mittelständische Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, qualifizierte Ingenieure zu finden.

Ingenieure in der Welt der Polymere

Für die Kunststoffindustrie ist die Sicherung des Fachkräfte-Angebots ein entscheidendes Thema. Foto: Visum

Die deutsche Kunststoffindustrie hat einen Anteil von rund 6 % an der gesamten Industrieproduktion. Rund 7000 Unternehmen aus der Kunststofferzeugung, der Kunststoffverarbeitung und dem Kunststoffmaschinenbau erwirtschafteten 2011 nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Kunststoff (WVK) einen Umsatz von über 90 Mrd. €. Über 380 000 Mitarbeiter sind in überwiegend mittelständischen Unternehmen beschäftigt. Nach der Verpackungsindustrie (rund ein Drittel) und der Bauindustrie (ein knappes Viertel) ist die Fahrzeugindustrie mit einem Anteil von 9,9 % die wichtigste Branche, in der Kunststoff verarbeitet wird.

"Die größten Herausforderungen im Moment, denen wir uns zu stellen haben, sind Veränderungen in den Kostenstrukturen am Standort Deutschland. Das betrifft insbesondere die Energiekosten, die sich in den vergangenen Jahren im Zuge der Energiewende verändert haben. Damit müssen wir umgehen und das ist nicht immer einfach, da wir im internationalen Geschäft stehen und deshalb natürlich in Betracht ziehen müssen, dass es Unternehmensstandorte gibt, wo eben mit anderen Energiekosten produziert werden kann", erklärt Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer des GKV (Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e.V.). Mittelfristig sei natürlich die Nachfrage nach Fachkräften und die Sicherung des entsprechenden Fachkräfteangebots ein weiteres entscheidendes Thema.

Vor allem den Mittelständlern falle es schwer, die wirklich guten Ingenieure für sich zu gewinnen. "Oft ist es so, dass Ingenieure erst über Umwege zu uns kommen, weil sie feststellen: Das ist einfach ein spannender Bereich, aber nach dem Studium habe ich gar nicht darüber nachgedacht, weil ich diese Branche nicht so kannte, geschweige denn die Mittelständler. Das ist eine Hürde, die für uns spürbar ist", so Möllenstädt. Die Kunststoffbranche sei immer offen für gute Ingenieure, die aus einem anderen fachlichen Segment kommen. Schon jetzt gäbe es eine große Vielfalt an beruflichen Lebensläufen in dieser Industrie.

Die Marktlage sei aktuell so, dass die Hochschulen die momentane Nachfrage der Unternehmen nach Ingenieuren nicht befriedigen können, bestätigt Christian Hopmann, Professor und Leiter des Instituts für Kunststoffverarbeitung (IKV) an der RWTH Aachen. Es gebe kein anderes Land in der Welt, in dem die Rohstofferzeuger, die Maschinenbauer und die Verarbeiter in der Dichte und auf einem so hohen Kompetenzniveau vertreten sind wie in Deutschland. "Aber aus dieser Dichte heraus entsteht nicht nur Wettbewerb, nicht zuletzt ein Wettbewerb um die Köpfe, sondern es entstehen auch viele Kontakte, Vernetzungen, gemeinsames Know-how, das man in diesen Netzwerken teilt. Und insofern hat die Szene in Deutschland schon ein Alleinstellungsmerkmal. Und das Ganze wird flankiert von einer hervorragenden Forschungs- und Ausbildungsszene", sagt Hopmann. Im deutschsprachigen Raum kooperierten zudem viele Forschungsinstitute, die sich mit Kunststoff beschäftigen, in besonderer Weise mit den Unternehmen. Die deutsche Kunststoffszene ist somit durchaus selbstbewusst, glaubt noch ein bisschen, die Nase vorn zu haben, wenn es um Hightech-Lösungen, um wirklichen Innovationsfortschritt geht. Etwa 6 % des Erdölverbrauchs gehen in die Kunststoffproduktion, vor allem in Nordamerika ist Erdgas ebenfalls ein wichtiger Rohstoff.

Die Forschung über Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wird zwar intensiviert, aber sie steckt noch in den Kinderschuhen. Durch diese neuen Rohstoffe werden die Kunststoffe selbst weiter ausdifferenziert werden müssen. Unabhängig von der Rohstofffrage ist auf jeden Fall sowohl bei den Stoffen als auch bei den Fertigungsprozessen mit neuen Innovationen zu rechnen.

So werden die Werkstoffeigenschaften von Polyamid weiter modifiziert, um beispielsweise den Anforderungen neuer Motoren gerecht zu werden. "Die Motoren werden kleiner, die Leistungsdichte steigt, gleichzeitig werden die Motorräume besser gekapselt, aus aerodynamisch-akustischen Gründen, die Temperatur unter der Motorhaube steigt also weiter, darauf muss die Rohstoffindustrie Antworten finden – und das tut sie auch, indem sie Werkstoffe weiterentwickelt. Aber gleichzeitig greift die Produktentwicklung auch in die Konstruktion ein, um die Wärme im Motorraum unter den veränderten Bedingungen abführen zu können", erläutert Christian Hopmann.

Die Kunststoffbranche benötigt in jedem Segment Ingenieurinnen und Ingenieure mit einem breiten Know-how aus verschiedenen Fachrichtungen: Mal steht eher die Konstruktionserfahrung im Vordergrund oder das Werkstoff-Know-how, mal die Prozesstechnik, für die Elektrotechnik-Ingenieure ebenso benötigt werden wie Informatiker. Auch für die Verfahrenstechniker sei es keine unabdingbare Voraussetzung, die Vertiefungsrichtung Kunststofftechnik gewählt zu haben, um später bei einem Kunststoffhersteller arbeiten zu können. Es komme sehr darauf an, die grundsätzliche Prozesstechnik verstanden zu haben und von chemischen, großchemischen Prozessen Hintergrundwissen nachweisen zu können. Die spezifischen Kenntnisse von den jeweiligen Werkstoffen können im Berufsalltag erworben werden, das müsse nicht unbedingt im Studium geschehen, erklärt Christian Hopmann.

"Die Ingenieure, die bei uns tätig sind, haben in der Regel in den meisten Unternehmen einen sicheren Arbeitsplatz in einem spannenden Umfeld. Ich kann Ingenieure nur ermuntern, sich vielleicht mal mit der Branche Kunststoff zu beschäftigen", konstatiert Oliver Möllenstädt. MANFRED  BURAZEROVIC