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Samstag, 20. Januar 2018

Schule

Jugend forscht im Internat

Von Christine Demmer | 24. Juni 2016 | Ausgabe 25

Eine neue Bildungsinitiative soll begabte Neun- bis Zwölftklässler für Technik motivieren. Drei deutsche Internate fördern die Talente vier Jahre lang in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften. Unter den Gründungspartnern ist auch der VDI.

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Foto: Casio/Markus Hertrich

Im Internat Louisenlund können sich begabte Schüler über den normalen Unterricht hinaus mit ihren Leidenschaften Mathematik und Naturwissenschaft beschäftigen.

Roland Gersch wollte schon in der Grundschule Astrophysiker werden. „So erzählt es jedenfalls meine Mutter“, sagt der 37-Jährige und lächelt. Gerschs Talent blieb nicht verborgen. Er erfuhr in der Schule eine besondere Förderung; eine ideale Grundlage, um Physikstudium und Promotion zu meistern. Nach einigen Jahren in der Industrie gründete er ein Unternehmen. Damit erforscht der Physiker heute Geschäftsmodelle für die intelligente Batteriesteuerung – genau das, was der Automobilstandort Deutschland dringend braucht.

Wo Talente gefördert werden

Seit Jahren fällt die exportorientierte Wirtschaft vor Talenten wie Roland Gersch auf die Knie: Hört doch auf, Kulturmanagement oder was mit Medien zu studieren. Wir brauchen Mathematiker und Ingenieure im Maschinen- und Fahrzeugbau! In der Informatik! In den Naturwissenschaften! Überhaupt: in der Technik! Zweifellos stehen die Mint-Fächer für Wachstum. Nur nicht an vielen Hochschulen. Die Zahl der Studienabbrecher ist trotz aller Bemühungen immer noch vergleichsweise hoch. Nach Ansicht von Bildungsexperten braucht die Motivation für das anspruchsvolle Ingenieurstudium einen Unterbau aus pädagogisch geweckter Neigung.

Der wird künftig in drei deutschen Internaten gezimmert. Als Gründungspartner des Vereins zur Mint-Talentförderung e. V. beteiligt sich der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) an einer bundesweiten Bildungsinitiative, die Top-Talente in den Mint-Disziplinen von der neunten bis zur zwölften Klasse in Mint-Leistungszentren fördern soll. Lars Funk, Leiter des Bereichs Beruf und Gesellschaft beim VDI in Düsseldorf, ist nicht nur Bildungsfachmann, sondern auch Vater eines 14-jährigen Sohnes. Funk weiß: „Spaß an Mathematik und Technik bildet sich in frühen Jahren und sollte dann auch gefördert werden.“

Mit von der Partie sind die Siemens-Stiftung sowie die Internate Louisenlund in Schleswig-Holstein, Sankt Afra in Sachsen und Birklehof in Baden-Württemberg. Das Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel begleitet als Partner aus der Wissenschaft.

Mit Dutzenden von jungen Tüftlern war am Anfang nicht zu rechnen. Im kommenden Schuljahr wird aber eine ganze Mint-Klasse mit 16 Schülerinnen und Schülern in Louisenlund in Güby im Kreis Rendsburg-Eckernförde zum Unterricht antreten. Unter ihnen der 13-jährige Björn Lucas aus Hamburg, dem, wie er sagt, „vier Wochenstunden Mathe in der Schule nicht genug sind“. Außerdem möchte Björn gerne mit Kindern in eine Klasse gehen, die ähnliche Interessen haben wie er.

Das hört man oft von spezial begabten Kindern und Jugendlichen. An solche richtet sich die Hochbegabtenschule Sankt Afra in Meißen, die im Herbst zwei Mint-Stipendiaten begrüßen wird. Zu den Aufnahmebedingungen gehört ein IQ von mindestens 130. Der Birklehof in Hinterzarten will sich erst im Schuljahr 2017/18 anschließen. Jedes dieser Internate bietet spezielle Förderung für besonders talentierte Kinder und Jugendliche an.

Die vom Verein zur Mint-Talentförderung e.V. ins Leben gerufene Initiative unter dem Vorsitz von Peter Rösner, dem Schulleiter von Louisenlund, stieß auf offene Ohren – zumal die deutschen Internate ohnehin in einem harten internationalen Wettbewerb stehen.

„Die Idee für das Plus-Mint-Internatsstipendium ist so einfach wie überzeugend“, sagt der gelernte Physiker Rösner. „Wir haben in Deutschland 54 Nachwuchs-Leistungszentren für den Fußball – und wir freuen uns über die sportlichen Erfolge der Nationalmannschaft. Unser Ziel ist es, in jedem Bundesland künftig wenigstens ein Nachwuchs-Leistungszentrum für die Top-Talente im Mint-Bereich zu haben. Wir wollen Mädchen und Jungen, deren Talent Mathematik oder Technik ist, ebenso konsequent fördern, wie es der Sport im Fußball auch tut.“

Als Idealschüler hat Rösner junge Menschen vor Augen, die schon einmal erfolgreich bei Jugend forscht oder bei der Mathematik-Olympiade teilgenommen haben. Zumindest aber sollten sie erstklassige Noten in Mathematik und Naturwissenschaften sowie eine Empfehlung ihrer Schule vorweisen können. Anhand der schriftlichen Bewerbung sowie ihrer Leistungen und ihrer Selbstdarstellung in einem Assessment-Center werden die künftigen Mint-Schüler einmal im Jahr ausgewählt. Für den Unterricht und die Internatsunterbringung müssen die Eltern nichts bezahlen. Die Internate stellen hierfür Stipendien bereit.

Plus-Mint beginnt in der neunten und endet nach der zwölften Klasse mit dem Abitur. Die von Louisenlund ausgewählten Schülerinnen und Schüler erhalten wesentlich mehr Unterricht in Mathematik, Informatik und den Naturwissenschaften als ihre Jahrgangskollegen. In den anderen Schulfächern lernen sie zusammen mit Gleichaltrigen.

In Sankt Afra werden die Mint-Stipendiaten in sämtlichen Fächern ebenso anspruchsvoll wie alle anderen Schüler unterrichtet. Der Vorteil eines Internats: Auch in der Freizeit ist viel Raum für Experimente und spielerisches Entdecken von technischen und naturwissenschaftlichen Zusammenhängen. Louisenlund ist stolz auf ein eigenes Forschungsschiff, auf dem meeresbiologische Versuche angestellt werden können. Die Schüler in Sankt Afra können bereits in der Oberstufe Universitätskurse besuchen und Credit Points sammeln.

Der VDI fördert Mint nicht nur in Internaten, sondern bringt Kindern und Jugendlichen Technik in allen Schulformen und Jahrgangsstufen nahe. „Beim Thema Mint sind wir sowohl in der Breite als auch in der Spitze aktiv“, sagt Lars Funk und weist auf die Perspektiven von Plus-Mint hin: „Wenn das funktioniert und gut ankommt, können öffentliche Schulen davon nur profitieren.“

 

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