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Dienstag, 23. Januar 2018

Work-Learn-Life-Balance

Lernen im Projekt systematisch fördern

Von Dagmar Hess | 9. Mai 2014 | Ausgabe 19

Wissensarbeiter, die dem Burn-out entgehen wollen, sollten nicht nur Privatleben und Arbeit ins Gleichgewicht bringen. Sie sollten auch klare Vorstellungen davon haben, wie sie das Lernen in ihren Alltag integrieren und im Beruf up-to-date bleiben. Eine Forschergruppe rund um den Psychologen Conny H. Antoni von der Universität Trier rät deshalb zu einer "Work-Learn-Life-Balance" in der Wissensarbeit und hat vier Typen gefunden, die unterschiedlich damit umgehen.

Auf die Balance kommt es an, im Leben und im Berufsalltag
Foto: alimdi.net/Westend61/Stefan Kranefeld

Auf die Balance kommt es an, im Leben und im Berufsalltag. Jeder muss für sich herausfinden, was gut ist und sich Grenzen und Ziele setzen. Wieviel Arbeit lasse ich ins Privatleben und umgekehrt - eine Typentscheidung.

VDI nachrichten: Was hat man sich unter einer Work-Learn-Life-Balance vorzustellen?

Antoni: Wissensarbeit heißt, komplexe Lösungen zu entwickeln. Dazu braucht man viel Wissen, aus dem man dann wieder neues Wissen erzeugen kann. Weil häufig in Projekten und unter Zeitdruck gearbeitet wird, ist es schwierig, bei der Balance von Arbeit und Privatleben auch noch das Lernen zu berücksichtigen. Aber Wissensarbeiter sind auf den zentralen Input-Faktor Wissen angewiesen und müssen ihn aktuell halten.

Wie baut man intelligent Lernprozesse in seine Arbeit oder in seine private Zeit ein, um möglichst stressfrei auf dem Laufenden zu bleiben?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Man kann nur zu einer klaren Aufgaben- und Terminplanung und zur Prioritätensetzung raten.

Betroffene müssen überlegen: Welches Wissen brauche ich unmittelbar für eine Aufgabe, welches mittelbar? Es gilt, eine Aufwandskalkulation zu betreiben und mit sich selbst zu vereinbaren, wann man sich für das Lernen Zeit reserviert. Genauso wichtig ist es, Lernzeiten mit Kollegen und Vorgesetzten abzusprechen. Das Lernen sollte nicht nur klassisch in Form von Kursen oder als PC- oder webbasiertes E-Learning stattfinden.

Gerade für die Wissensarbeit, die gemeinsam mit anderen in Projekten erledigt wird, ist das kollektive Lernen wichtig. Dabei ist nicht unbedingt ein Externer gefordert, sondern zum Teil sind das erforderliche Wissen und wichtige Informationen in der Arbeitsgruppe vorhanden und bedürfen nur der rechtzeitigen Kommunikation zwischen den Projekt-Mitarbeitern.

Für solche gemeinsamen Lernprozesse muss man sich Zeit nehmen.

Besteht nicht die Gefahr, dass man wichtige Entwicklungen verschläft, wenn man nur die Wissenslücken stopft, die sich gerade im Tagesgeschäft auftun?

Conny H. Antoni
Foto: privat

Der Psychologe Conny H. Antoni von der Universität Trier sagt, es gibt kein Patentrezept für Stressfreiheit.

Beides hat seine Berechtigung: die bewusste, systematische Gestaltung und Reflexion von Lernen im Prozess der Arbeit, aber auch die strategische Weiterbildung. Deren Inhalte ergeben sich, wenn man das weiterspinnt, was man heute tut. Das Drängende aus dem Tagesgeschäft darf den Blick nicht verstellen auf die mittel- und langfristige Ausrichtung des Lernens.

Sie haben vier unterschiedliche Typen von "Entgrenzungs-Management" gefunden – von der strikten Trennung von Arbeit und Privatem bis zur völligen Verschmelzung dieser Bereiche. Welches Verhalten ist am günstigsten und wie kommt man dahin?

Der Typus, der Privates sehr streng von den Bereichen Arbeiten und Lernen trennt, ist meist mit seinem Privatleben zufrieden, erlebt aber die Arbeit nicht als befriedigend. Daraus ergeben sich Reibungspunkte mit den Kollegen: Die Arbeit drängt, aber der Typ-1-Mitarbeiter geht trotzdem pünktlich um 16.30 Uhr nach Hause. Wer dem Privatleben bewusst Priorität einräumt und wenig sensibel gegenüber den täglichen Anforderungen am Arbeitsplatz ist, muss wissen, dass das mit Spannungen im beruflichen Umfeld einhergeht.

Der zweite Typus, den wir gefunden haben, lässt durchaus kleinere Überschneidungen der Lebensbereiche zu, sodass die Konfliktlinien weniger deutlich sind. Wer flexibler ist und damit auch besser das Gleichgewicht hält, muss allerdings aufpassen, dass nicht doch der ein oder andere Lebensbereich Überhand gewinnt. Dazu bedarf es klarer Absprachen und Kommunikation. Weil Wissensarbeit meist Projektarbeit ist, gibt es natürlich keine hundertprozentige Planbarkeit. Aber die Grenzen der geforderten Flexibilität sollten klar gezogen sein.

Das andere Extrem ist die völlige Entgrenzung der Bereiche. Manche Mitarbeiter nehmen das bewusst für eine bestimmte Zeitspanne in Kauf. Sie wollen Karriere machen, aber die Verschmelzung der Bereiche ist nicht auf Dauer ihr Lebensmodell. Man sollte dann aber der Familie klar kommunizieren, wie lange man bereit ist, so etwas zu machen.

Und der vierte Typ?

Ein Spezialfall sind leitende Führungskräfte, die ihr Leben um den Beruf herum konstruiert haben. In unserer Untersuchung waren das 5 % der Befragten. Die leben davon, dass sie es geschafft haben, ein funktionierendes Unterstützungssystem um sich herum aufzubauen. Gleichzeitig ist das ein hoch gefährdetes Modell, weil diejenigen, die länger so leben, unter Erschöpfungssymptomen leiden. Sie verausgaben mehr Energie, als sie wieder aufbauen können und brennen damit aus.

Sie haben über 400 Wissensarbeiter dazu befragt, wie sie Arbeiten, Lernen und Privatleben unter einen Hut bekommen. Was waren die wichtigsten Ergebnisse? Was hat Sie überrascht?

Wir haben eine Rollenunklarheit beobachtet. Nicht immer war klar, was eigentlich gemacht werden muss: Wer macht was, bis wann und mit welcher Priorität? Der Austausch und das gemeinsame Lernen im Team werden dagegen als Unterstützung wahrgenommen. Überrascht hat uns, dass die Fähigkeit, durch kreative Problemlösung komplexe Aufgaben zu bewältigen, in sehr vielen Unternehmen der zentrale Schlüssel zum Unternehmenserfolg war. Nachholbedarf gab es sowohl in der klassischen Form der Personalentwicklung, dem Aufbau mittelfristig erforderlicher Qualifikationen, als auch bei der systematischen Unterstützung von Lernprozessen und Austausch im Projekt.

Was können Vorgesetzte dazu beitragen, dass ihre Mitarbeiter genügend Ausgleichs- und Lernmöglichkeiten haben?

Entscheidend ist, dass man vor dem Hintergrund der beruflichen und privaten Situation des Mitarbeiters gemeinsam ganz konkret vereinbart, wie das Zeitfenster für eine mittelfristig notwendige Schulung freigeschaufelt wird. Diese Maßnahme muss dann verbindlich festgelegt werden.

Wie können Freelancer ihr notwendiges Lernen eintakten?

Sie müssen klare, langfristig tragfähige Strategien erarbeiten. Wenn sie allein arbeiten, müssen sie dafür sorgen, dass sie – neben den eigenen Aha-Erlebnissen – fachliche Inputs bekommen, indem sie sich Netzwerken anschließen und sich mit Kollegen treffen. Dafür müssen sie sich kontinuierlich Zeit reservieren. Es ist sicherlich auch vernünftig, sich bei einem Jour fixe den Erfahrungsaustausch mit anderen Freelancern oder Kollegen im Projektteam zu gönnen. Zusätzlich muss man sich mindestens ein oder zwei Wochen im Jahr freihalten, um sich jenseits des Tagesgeschäfts mit neuen Entwicklungen vertraut zu machen. Das geht nur, wenn man Ein- oder Zwei-Jahrespläne aufstellt.   DAGMAR HESS

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