Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

Unternehmenskultur

Sie haben Post – vom überforderten  Chef

Von Constantin Gillies | 12. Februar 2016 | Ausgabe 06

Manche Firmen verbieten, Mails nach Feierabend zu verschicken. Doch das bringt nichts, sagen Experten. Die Ursache für die E-Mail-Flut liegt laut Center for Creative Leadership in den USA in schlechtem Management.

Bildartikel zu panthermedia_B72739423_5184x3456.jpg
Foto: Panterhmedia/Goodluz

Das hätte so ein schöner Abend werden können, und dann plötzlich wieder eine Mail vom Chef.

Wenn das Diensthandy „Pling“ macht, schaut jeder drauf, egal wann und zu welcher Uhrzeit: Zwei Drittel aller deutschen Angestellten checken selbst abends noch dienstliche E-Mails, sagt eine Studie der Universität Kassel. Doch diese Neugier hat ihren Preis: Wer für den Job immer zu erreichen ist, schläft schlechter und hat miese Laune, so die Wissenschaftler.

Neue Technologie, alte Probleme

Um das zu verhindern, verordnen die ersten Konzerne ihren Mitarbeitern Funkstille: Volkswagen beispielsweise lässt zwischen 18.15 Uhr und 7 Uhr keine Nachrichten mehr auf die Diensthandys durch. Gewerkschaftler finden das vorbildlich und fordern schon für die gesamte Wirtschaft digitale Ruhezeiten über eine sogenannte Anti-Stress-Verordnung. Dabei gehen solche Zwangspausen wohl am Ziel vorbei. Das zumindest behauptet eine Studie des amerikanischen Center for Creative Leadership. Es hat 483 Führungskräfte befragt und kommt zu folgendem Schluss: Nicht das Smartphone ist das Problem, sondern schlechtes Management.

Experten überrascht diese Erkenntnis nicht. „Wo kann ich diese Aussage unterschreiben?“, sagt lachend Volker Nürnberg von der Unternehmensberatung Mercer. Er beschäftigt sich seit Jahren mit digitalem Gesundheitsschutz und hält nichts von starren Verboten. „Sie entmündigen die Mitarbeiter und funktionieren nicht.“ Nürnberg beobachtet, dass die digitalen Pausenzeiten im Zweifel ohnehin umgangen werden. „Dann leiten die Mitarbeiter Mails eben auf ihren privaten Account um und arbeiten weiter.“ Es sei eine Illusion, den Stress durch ständige Erreichbarkeit per Verordnung eindämmen zu können.

Dabei existiert schon eine Vorschrift, die Angestellte davor schützt, nach Feierabend gestört zu werden. Laut Arbeitszeitgesetz nämlich stehen jedem Angestellten pro Tag elf Stunden Ruhezeit zu. Dass das mit der Realität oft nichts zu tun hat, zeigt sich im Detail: So haben Richter entschieden, dass das Lesen einer E-Mail keine Unterbrechung der verordneten Ruhezeit darstellt, das Schreiben dagegen schon. Ein Unternehmen könnte also theoretisch in Haftung genommen werden, wenn der Mitarbeiter einen Unfall hat, während er – verbotenerweise – nach Feierabend eine dienstliche Nachricht verschickt. Theoretisch. Doch wenn die US-Studie Recht hat und pauschale Sende- und Empfangsverbote nicht funktionieren – was dann? „Ich rate zu individuellen Lösungen“, sagt Sabria David vom Slow Media Institut in Bonn. Die Wissenschaftlerin hilft Unternehmen dabei, Richtlinien zum digitalen Arbeitsschutz zu entwickeln.

Diese müssten vor allem zur Kultur des Unternehmens passen, betont David. „In einem globalen Konzern etwa ist es nicht praktikabel, die Server um 18 Uhr abzuschalten.“ Sie plädiert außerdem dafür, das Thema Erreichbarkeit zunächst in kleinen Schritten zu regeln, zum Beispiel auf Abteilungsebene. Oft helfe es auch schon, einmal klar zu stellen, was von wem erwartet werde, so David. „Außerdem sollten die Menschen lernen, sich gegenseitig vor unnötigen Mails zu verschonen.“

In die gleiche Kerbe schlägt Experte Nürnberg. „Was die Menschen vor allem belastet, ist die Flut von Mails.“ Nach zwei Wochen Urlaub 2000 Nachrichten in seinem Postfach vorfinden – das sei Stress. Deshalb rät er als Sofortmaßnahme, die Funktion „E-Mail an alle“ zu sperren. „Zumal 80 % bis 90 % dieser Nachrichten überhaupt nicht für alle relevant sind.“

Daneben empfiehlt Nürnberg den Führungskräften, nicht mehr ein und dasselbe Smartphone für berufliche wie private Kommunikation zu verwenden. Wer zwei Handys (oder eines mit zwei SIM-Karten) nutze, könne im Urlaub und am Wochenende auf Wunsch wirklich abschalten, so Nürnberg. Nebeneffekt: Geht eine Führungskraft mit gutem Beispiel voran, verbreitet sich ein gesunder Umgang mit dem Thema Erreichbarkeit in der ganzen Organisation.

Doch letztlich sind alle vermeintlichen E-Mail-Probleme nur ein Symptom. Das Dauerfeuer von beruflichen Nachrichten hat laut dem Center for Creative Leadership in „Always On, Never Done? Don’t Blame the Smartphone“ von Jennifer J. Deal eine andere Ursache jenseits der Elektronik, nämlich überarbeitete Führungskräfte. Die Analyse der Amerikaner: Weil immer mehr Stellen gestrichen werden, müssen die verbleibenden Manager oft die Arbeit von mehreren Kollegen übernehmen. Das geht natürlich nur, wenn auch abends und am Wochenende rangeklotzt wird. Also schieben die Manager Nachtschichten – und ihre Untergebenen wiederum hocken das ganze Wochenende vorm Smartphone und warten auf die alles entscheidende Freigabe. So tröpfelt das Problem von oben nach unten durch die Organisation.

Als zweites Übel haben die US-Wissenschaftler die grassierende „Absicheritis“ identifiziert. In der Umfrage des Center for Creative Leadership beklagten 90 %, dass zu viele Leute an Entscheidungen beteiligt seien. Einige Teilnehmer an der Umfrage gaben an, von drei Personen eine Freigabe einholen zu müssen, wenn sie eine Schachtel Büroklammern ordern wollen. Die Folge der ständigen Rückversicherung ist ein wahrer Berg von Abstimmungs-Mails, die während der regulären Bürozeit überhaupt nicht mehr abzutragen ist.

Bleibt die Frage: Wollen sich die Angestellten nach Feierabend überhaupt total ausklinken? Danach sieht es nicht aus. Laut der Umfrage der Universität Kassel nämlich sind nur 12 % der Angestellten unzufrieden oder sehr unzufrieden damit, nach Feierabend noch einen Blick aufs Display zu werfen. Die große Mehrheit tut das also gerne. Hier zeigt sich die Schizophrenie der digitalen Gesellschaft: Einerseits sind alle genervt von abendlichen Chef-Mails, andererseits mögen sie das so vermittelte Gefühl, bedeutsam zu sein und dazuzugehören. Viele Menschen hätten noch keine vernünftige Balance gefunden, eben weil das Medium Smartphone noch so neu ist, sagt Wissenschaftlerin David: „Wir müssen lernen, das Tolle an digitalen Medien zu nutzen, ohne uns im Kreis drehen zu lassen.“ 

CONSTANTIN GILLIES

stellenangebote

mehr