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Donnerstag, 21. März 2019

Coaching

Stresstraining beugt Ausfällen vor

Von Michael Sudahl | 12. Oktober 2012 | Ausgabe 41

Ingenieure kennen hohe Arbeitsbelastungen, denn oft ist in den Firmen die Personaldecke dünn. Wenn zum Alltagsstress noch zwischenmenschliche Konflikte kommen, ist der Arbeitsausfall programmiert.

Stresstraining beugt Ausfällen vor

"Vor etwa vier Jahren hatte die miese Stimmung in der Firmenleitung ihren Höhepunkt, wir gingen uns nur noch aus dem Weg", beschreibt Geschäftsführer Max Rößler der Münchner Firma Abele Rößler Technologies GmbH sein Schlüsselerlebnis. Die drei Führungskräfte Max Rößler, Andreas und Bärbel Abele, die seit mehr als zehn Jahren die Firma leiten, waren zu Einzelkämpfern mutiert.

Jeder erzielte zwar in seinem Bereich gute Ergebnisse, aber über den Tellerrand schaute keiner. "Damals war jeder unzufrieden, das bemerkten dann unsere Mitarbeiter", sagt der Wirtschaftsingenieur. Den Ausschlag zu einem Coaching bei der Trainerakademie Roots and Wings gaben zwei Faktoren: Zum einen hatte der Kollege Andreas Abele eine Coaching-Ausbildung dort absolviert und wusste, wie die Starnberger Trainer arbeiten. Dazu kam, dass ein Mitarbeiter, der nicht mehr ins Unternehmen passte, gekündigt werden sollte. Trotz jahrelanger Erfahrung als Führungskraft von heute sechs Mitarbeitern war das eine Belastungsprobe für die Beziehung der beiden Freunde.

"Bei Ingenieuren sehe ich einen enormen Weiterbildungsbedarf gerade bei der Kommunikationsfähigkeit und den Führungsqualitäten", sagt Heinrich Best, Consultant aus Darmstadt. Best veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Verband beratender Ingenieure (VBI) Weiterbildungen mit dem Schwerpunkt Kommunikation und Führungskompetenz. Vor allem Chefs im Projektgeschäft hätten Bedarf an Beratung zu Stressbewältigung und Burn-out-Vorbeugung, meint der 55-Jährige. Die Ausbildung deutscher Fachleute sehe solche Softskills nicht vor. Außerdem seien Ingenieure von Haus aus eher technikaffin und selten gesprächsbereit.

Externe Hilfe zu suchen, dazu hat sich Rößler von seinem Partner überreden lassen. Im Nachhinein ist er vom Führungskräfte-Coaching überzeugt: "Wir tragen nun unsere Entscheidungen gemeinsam und identifizieren uns als Team und nicht mehr als Einzelkämpfer. Das nimmt uns viel Stress", gibt Rößler zu.

Damals half das intensive Gespräch mit den Moderatoren, sich sauber vom Angestellten zu trennen. Im Abstand von drei Monaten nimmt das Dreiergespann nun regelmäßig Coachings bei Cornelia Spangler und Bernd Seidel in Anspruch. "Wir haben keine so großen Päckchen mehr zu bearbeiten, weil wir jetzt mehr miteinander reden", ist Rößler überzeugt.

Trainerin Spangler weiß, dass die Ingenieure, die ihren Kunden Hard- und Softwareprogramme im Bereich Telekommunikation und Netzwerk anbieten, mit ihrem Coaching genauso etwas für ihre Gesundheit tun. Denn schlechte Kommunikation bedeute immer Stress und zusätzliche Kosten: Eine Führungskraft, die drei Monate wegen Burn-out ausfällt, könne die Firma bis zu 1 Mio. € kosten. Ein investierter Euro ins Coaching sichere bis zu 7 € Umsatz durch effizienteres, weil gesünderes Arbeiten.

Die Weiterbildungen, die Peter Schröder besucht, sind oft vom Qualitätsmanagement initiiert, das sich am japanischen Verbesserungsmodell Kaizen orientiert. Den Schulungen zu Teamwork, Kommunikation und Konfliktmanagement liegt der Gedanke zugrunde, dass mit zwischenmenschlich reibungslosem Arbeiten die Qualität der Produkte und Dienstleistungen steigt.

Der 38-jährige Maschinenbau-Ingenieur, der bei Bosch in Stuttgart arbeitet, war zunächst schwäbisch-zurückhaltend, als ihn das Qualitätsmanagement aufforderte, im Rahmen des Continuous Improvement Process einen Fragebogen über seine Einstellung zur Arbeit auszufüllen. 15 Minuten investierte er für diese Erhebung. Schröder bewertete mehrere Aussagen mit Punkten von eins bis fünf. Daraus strickte die Agentur Insights aus Wiesbaden eine Präferenzanalyse. So lassen sich Persönlichkeit und charakterliche Eigenschaften des Mitarbeiters herausfinden.

Die ganze Abteilung mit 50 Mitarbeitern wurde derartig analysiert. Heraus kam, dass der interne Zulieferer des Technikunternehmens von sehr ähnlichen Menschen bevorzugt wird. "Wir waren im Farbmodell eigentlich alle zwischen grün und blau", erläutert Schröder. Das sind Experten (blau) mit hohem Harmoniebedürfnis (grün). Weil kaum einer den dominanten Anteil (rot) in sich trägt, gibt es zwar kein Kompetenzgerangel, aber auch wenige, die das Team anführen und voranbringen. "Das war erstaunlich, wie sehr die Einschätzung auf mich zutraf", ist Schröder überzeugt.

Heute weiß er, dass er ein sozialer Typ ist, der im Team am besten arbeitet, der Konflikte schlichten kann, aber bei Gehaltsverhandlungen leider zu schnell nachgibt. "Weil ich jetzt verstehe, wie ich und die Kollegen ticken, kann ich an der richtigen Stelle vorsichtiger vorgehen, kann aber nun zur richtigen Zeit auf den Putz hauen." Der Schwabe gibt zu, dass die Weiterbildung zur besseren Kommunikation in der Gruppe und zum Vorbeugen von Konflikten beigetragen hat.

"Ingenieure, die soziale Kompetenzen mitbringen, heben sich von anderen Experten ab. Sie sind besonders gefragt und steigen schnell auf", erläutert Best, dessen Büro im Jahr etwa 100 Ingenieure coacht. Projektgeschäft werde oft von äußeren Faktoren wie Zeit und Budget bestimmt, "das ist für Ingenieure, die gerne alles im Griff haben, echter Stress", analysiert der Berater mit Lehrauftrag an der FH Biberach.   MICHAEL SUDAHL