Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

50 Jahre Universität Bochum

Studium statt Stahl

Von Wolfgang Schmitz | 19. Juni 2015 | Ausgabe 25

Die Gründungsväter der ersten Universität im Ruhrgebiet setzten ein Zeichen, dem viele Städte folgten: Die Campus-Universität sollte die Ingenieurwissenschaften näher an die Geisteswissenschaften rücken. Eine Annäherung im Schritttempo.

Bochum BU
Foto: RUB

Rektor Elmar Weiler vor dem Audimax der Ruhr-Universität Bochum. Der Schriftzug „How Love Could Be“ des britischen Künstlers Tim Etchells steht für die Zukunft Bochums, das leuchtende Rot symbolisiert die Leidenschaft für Lernen, Lehren und Forschen.

Die Ruhr-Universität Bochum ist mehr als eine Hochschule. Sie ist ein wesentliches Kapitel deutscher Bildungsgeschichte. Die im Stadtteil Querenburg angesiedelte Universität steht vor allem für Aufbruch und Strukturwandel im Ruhrgebiet.

Die größte Arbeitgeberin in Bochum

Während des Festakts zum 50. Geburtstag der Ruhr-Universität adelte Bundespräsident Joachim Gauck sie vor wenigen Tagen mit dem Titel „Motor des Wandels“. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft beschrieb die RUB als „Wissensschmiede, die die Stahlschmieden abgelöst hat“.

Die erste deutsche Universitätsgründung nach dem ersten Weltkrieg war ein Politikum. Die Stahl- und und Kohlekrise ab 1957 drängte zum Handeln, neue Konzepte waren gefragt. Und die sollten akademischen Köpfen entstammen.

Foto: privat

Wilfried Krätzig: „In Bochum lebten die Wissenschaften nebeneinander und nicht miteinander.“

Sowohl der wilhelminische Staat als auch die Nationalsozialisten hatten eine Universität im Ruhrgebiet abgelehnt. In der „Waffenschmiede des Reiches“ sollte hart malocht werden, aufmüpfige Studenten sollten Arbeitern keine politischen Flausen in die Köpfe setzen. Die Gründung der RUB war insofern sowohl das Signal für mehr Bildungsgerechtigkeit in einer fundamental demokratischen Gesellschaft als auch für eine wirtschaftlichen Neuorientierung.

Leitgedanke war die „Universitas“. Die Einheit der Wissenschaften sollte auf dem Campus mit eng beieinander liegenden Fakultäten Ausdruck finden. Erstmals wurden die Ingenieurwissenschaften in Deutschland aus den Enklaven der Technischen Hochschulen herausgeholt und in den Kanon anderer Disziplinen integriert.

In seinen Planungen umriss der nordrhein-westfälische Kultusminister Werner Schütz 1960 seine konzeptionellen Vorstellungen für eine „Universität neuen Typs“: Der Bedarf an Diplomingenieuren sei zwar „anhaltend“, rechtfertige aber noch keine weitere Technische Hochschule. Der Christdemokrat wünschte sich stattdessen eine technische Fakultät, die „eingebettet“ werden müsse „in die Ebene allgemein wissenschaftlicher Überlieferung“. Diese Integration sowie der komplette Neubau einer Campus-Universität war deutschlandweit ein Novum.

Der politische Wille, die Jugend des Ruhrgebiets in großer gesellschaftlicher Breite akademisch zu bilden, um alle Bildungsreserven zu nutzen, wurde Wirklichkeit. Der Anteil der Studierenden aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien war in den Gründungsjahren mehr als doppelt so hoch wie an anderen Universitäten. Die große Zahl der aus der näheren Umgebung nach Querenburg fahrenden Studenten hatte zur Folge, dass das Leben eher dem Ruhrgebiets-Arbeitsalltag glich als einem typischen Studentenleben fern der Heimat: Anfahrt, Lernen, Heimfahrt. Der wissenshungrige Ruhrpott-Nachwuchs musste nicht mehr an die aus allen Nähten platzenden Universitäten nach Köln, Münster oder Bonn.

Die wissenschaftliche Ballung in der riesigen Bochumer „Betonburg“ interpretierten einige Medien als gesellschaftliche Isolation, die zwangsläufig zu Depressionen führen müsse. Der Freitod einiger Studenten nährte diese These und mündete in den Ruf der „Selbstmord-Uni“. Mitte der 70er-Jahre schrieb „Die Zeit“: „Festgefroren auf der grünen Woge der Ruhrberge droht die Ruhr Universität Bochum. 13 Gebäude mit Balkons, die niemand betritt. Fenster, die niemand wäscht. Professoren, die keiner kennt. 19 600 Studenten, die niemand tröstet.“

Das politische Leben indes blühte. Der damalige Asta-Vorsitzende Roland Ermrich schildert die Stimmung: „Der studentische Alltag ab 1969 war von Machtkämpfen und Auseinandersetzungen der linken K-Gruppen geprägt. Doch damit wurde man dem realen studentischen Leben an der RUB in keiner Weise gerecht. Hier herrschte mehr die Mentalität des Ruhrgebietsmenschen, die von Pragmatismus geprägt ist.“ Und dennoch waren die „neuen“ Kinder des Ruhrpotts anders als ihre Eltern. Die Querenburger Kneipiers taten sich entsprechend schwer mit der jungen Kundschaft. Roland Ermrich: „In einer Kneipe waren lange Haare nicht willkommen.“

Den Fortschritt konnten aber auch die Wirte nicht aufhalten. Das Rektorat der Ruhr-Universität lockte renommierte Wissenschaftler von weither nach Bochum. Unter ihnen Wilfried Krätzig, ab 1970 Professor für Konstruktiven Ingenieurbau und Leiter des Lehrstuhls für Statik und Dynamik. „Die Ingenieurprofessoren sahen ihre Aufgabe darin, Bildung auf möglichst hohem Niveau zu vermitteln“, erzählt Krätzig. „Deshalb hat man mich aus Berkeley, einer der besten Universitäten der Welt, nach Deutschland zurückgeholt. In Berkeley hatte die Einheit von Geistes- und Ingenieurwissenschaften große Tradition.“

Vor dem industriellen Hintergrund und dem sich anbahnenden Strukturwandel wollten die Gründer die technischen Wissenschaften an die klassischen universitären Disziplinen heranrücken. Krätzig: „In Bochum musste ich aber erkennen, dass die Wissenschaften trotz aller Absichtsbekundungen nebeneinander und nicht miteinander lebten.“

Das sieht Ulrich Suerbaum in der Rückblende ähnlich. Der Philologe wurde 1963 als erster Professor an die noch nicht existente RUB berufen. „Maschinenbau blieb Maschinenbau“ und damit für alle Geisteswissenschaftler ein fremdes Wesen.

Mit der Einbettung in andere Fachbereiche wollte man die Ingenieurwissenschaften breiter aufstellen, sie nicht abwerten, denn ihrem Gewicht für die Region war man sich bewusst. Krätzig: „Die Ingenieurwissenschaften hatten im Ruhrgebiet einen exzellenten Ruf, weil man um ihre Bedeutung für den Aufbau Deutschlands im Allgemeinen und für den des Ruhrgebiets im Besonderen wusste. Bauingenieure spielten dabei naturgemäß ein dominante Rolle. Man brachte die Ingenieurwissenschaften aber noch nicht so sehr wie heute mit Zukunftsfragen in Verbindung.“

Vielleicht ist diese gering ausgeprägte Weitsicht ein wesentlicher Grund für die mangelhafte Kooperation der Disziplinen in den ersten Jahrzehnten. Rektor Elmar Weiler sieht seine Universität im interdisziplinären Dialog inzwischen viel weiter als noch vor 50 Jahren: „In einem vergleichsweise kurzen Zeitraum hat sich die RUB zu einer internationalen Forschungsuniversität entwickelt.“ 

stellenangebote

mehr