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Samstag, 20. Januar 2018

Bildung

 Tablets zum Schulstart

Von Wolfgang Schmitz | 11. September 2015 | Ausgabe 37

Deutsche Schüler gehen weniger gekonnt mit dem Internet um als Kinder in anderen Ländern. Bildungspolitiker fordern deshalb den PC bereits für die Grundschule. Der Medienwissenschaftler Gerald Lembke hält dem entgegen: „Mit digitalen Medien verlernen Grundschüler das Lernen.“ Das Hirn werde überfordert, Konzentrations- sowie Kritikfähigkeit würden unterdrückt.

Schüler BU
Foto: action press/Robin Utrecht

„Schulunterricht für ein neues Zeitalter“ lautet das Motto der niederländischen Steve-Jobs-Schulen. Das iPad ist in Deutschlands Grundschulen hingegen Mangelware. Das soll sich baldmöglichst ändern, fordert die SPD.

Die Frage nach dem „Ob“ stellt sich bei den Drei- bis Achtjährigen nicht mehr. Rund 1,2 Mio. Kinder dieser Altersklasse bewegen sich bereits autark in der digitalen Welt, wie eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet ergab. „Um unser Bildungssystem den Realitäten der digitalen Gesellschaft anzupassen“, fordert die SPD jetzt in einem Papier einen Staatsvertrag für digitale Bildung. Dazu gehöre „an allen Schulen und in allen Schul- und Altersstufen ein verpflichtender Informatikunterricht“.

Informatik im Sachunterricht

Haben Schulen und Schulpolitik die Entwicklung vollends verschlafen? Werden Kinder und Jugendliche zu einem kritischen und wissenden Umgang mit den Neuen Medien angehalten? Laut ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) belegen deutsche Schüler der Jahrgangsstufe acht im Blick auf ihre Medienkompetenzen im Vergleich zu 21 anderen Ländern lediglich mittlere Plätze. „Hierzulande lernen Schüler den Umgang mit Computern trotz Schule“, lautet der bitter-böse Kommentar von Studienleiter Wilfried Bos. Der Bildungsforscher erhält vom Vorsitzenden des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, Rückendeckung. Die Schulen seien mangels zeitgemäßer Ausstattung gezwungen, die Schüler mit „mittelalterlichen Methoden“ auf die Zukunft vorzubereiten.

Die Internetbotschafterin der Bundesregierung, Gesche Joost (SPD), fordert die Vermittlung von Programmierkenntnissen bereits im Grundschulalter. Die Professorin für Designforschung rät zu einem Blick nach Großbritannien, wo das Programmieren in Grundschulen verpflichtend ist. Deutschland zeige sich in der Diskussion zu zurückhaltend und abwartend: „Selbst wenn wir jetzt ein Konzept schreiben, würde die Umsetzung Jahre dauern. Wir müssen heute anfangen, die bestehenden Initiativen auszubauen und in die Fläche zu bringen.“

Die Gefahr des gläsernen Schülers

Das bedürfe keines eigenständigen Schulfachs und keiner Hexerei. Gesche Joost: „Es gibt viele einfache Beispiele für Programmiersprachen, die wie Lego funktionieren: Ich stecke die Module zusammen, und schon habe ich ein kleines Programm erstellt. Apps werden mit Jugendlichen in Workshops an einem Wochenende entwickelt. Diese tolle Erfahrung sollte man früh machen.“

Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Telekom-Stiftung und einstige Bundesminister Klaus Kinkel sieht auch die Grundschulen in der Pflicht, frühzeitig digitale Pflöcke einzuschlagen. Er kreidet ihnen geringe Bereitschaft an, den „von der deutschen Bevölkerung“ gewünschten Einsatz von Computern im Unterrichtsalltag umzusetzen. Die Zweiteilung der Kinderwelt sei nicht nur nicht nachvollziehbar, sie sei auch inakzeptabel: Einerseits nutzten und beherrschten Kinder die digitalen Medien in ihrer Privatsphäre, während sich die Schule andererseits dieser Welt verschließe.

Eine Allensbach-Umfrage im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung bestätigt Kinkels These. Kita-Fachkräfte und Grundschullehrer bezweifeln zwar die Bedeutung der Neuen Medien nicht, befürchten aber durch digitale Medien eine Informationsüberflutung und Überforderung. 35 % der befragten Erzieher sind der Ansicht, dass der Einsatz digitaler Medien die Talente von Kindern eher verkümmern lässt als dass sie deren Entwicklung fördern (7 %). Den größten Nachteil sehen Lehrer wie Eltern darin, dass bei den Schülern das Bewusstsein, selbst Wissen aufbauen zu müssen, verloren geht.

Kinkel glaubt, den Grund für die Skepsis der Lehrerschaft zu kennen: „Die Schüler sind digital erheblich besser unterwegs als viele ihrer Lehrer.“ Und welcher Lehrer lässt sich schon gerne von seinen Schützlingen belehren.

Der Ex-Minister macht es sich zu einfach, findet Gerald Lembke, Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Der Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing fordert: raus mit den Computern aus der Grundschule! Erst ab dem zwölften Lebensjahr seien Kinder aus neurowissenschaftlicher und entwicklungsbiologischer Sicht fähig, Computer für das Lernen zu nutzen. Bis dahin seien durch digitale Medien keine positiven Effekte auf das Lernen zu erkennen. Im Gegenteil: Sie weichten die Medienkompetenz auf und führten dazu, Lernen zu verlernen.

Das Hirn werde überfordert, Empathie, Konzentrations- wie Kritikfähigkeit würden unterdrückt. „Schüler sollen schreiben, anfassen, die physische Welt kennenlernen. Kinder brauchen eine starke Verwurzelung in der Realität, bevor sie sich in virtuelle Abenteuer stürzen.“ Das Arbeiten mit physischen Quellen liefere eine andere Wissensnachhaltigkeit als digitale Medien, sagt Lembke, Autor des Buches „Die Lüge der digitalen Bildung“. Kinder sollten besser im Matsch spielen als mit Tablets. Das sei der beste Start, um für das digitale Zeitalter fit zu werden.

Der öffentliche Diskurs um die digitale Schule und den globalen Bildungswettbewerb erwecke den Eindruck, als sei der intellektuelle Verfall nur noch mit radikaler Technikaufrüstung aufzuhalten. Lembke kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es in erster Linie um einen Milliardenmarkt für die IT-Industrie geht, dem pädagogische Konzepte als Deckmantel dienen.

Technik ja, aber beizeiten, sagt Lembke. Erzieher, Lehrer und Dozenten seien vor allem in der Grundschule weder durch den Computer zu ersetzen noch zu pädagogischen und wissenschaftlichen Notfallambulanzen mit Medienwissen zu degradieren.

 Gerald Lemke redet nicht wie der Blinde vom Sehen. Der Professor setzt wissenschaftliche Erkenntnisse im Hörsaal um. In den digitalen Masterstudiengängen hat er den Computer inzwischen abgeschafft. „Zu Beginn war das eine Katastrophe, weil sich viele Studenten ihrer Freiheit beraubt gefühlt haben.“ Schließlich räumten die meisten Studierenden aber ein, den Laptop während der Vorlesung für Facebook und nur sekundär zum Mitschreiben zu benutzen. „Inzwischen laufen Vorlesungen wieder ruhiger und konzentrierter ab.“

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