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Mittwoch, 24. Januar 2018

Ingenieurhilfe

Und immer die Angst im Nacken

Von Peter Schwarz | 18. Dezember 2015 | Ausgabe 51

Ingenieure gestalten die Welt, sehen sich als Problemlöser. Doch in persönlichen Krisen sind sie oft besonders hilflos. Warum ist das so? Ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Eberhard Jung.

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Foto: PantherMedia/ Andriy Popov

Krisen kratzen am Selbstbild von Ingenieuren. Vielen fällt es dann schwer, um Hilfe zu bitten.

Wenn der Magen zwickt oder die Augen brennen, geht jedermann ohne Scheu zum Arzt. Ganz anders sieht´s aus, wenn die Psyche verrückt spielt. Vor allem Männern fällt es auch heute noch schwer, sich die eigene Not einzugestehen. Statt sich anderen Menschen anzuvertrauen, bekämpfen sie die Symptome mit Pillen und Tropfen, flüchten sich in Arbeit oder Alkohol. Ingenieure bilden da keine Ausnahme. Eher im Gegenteil, glaubt der Duisburger Psychotherapeut Eberhard Jung, der vor Monaten Workshops auf der Vertrauensleute-Tagung der Ingenieurhilfe leitete.

Ingenieurhilfe

„Ingenieuren unterstellt man, klug und stark zu sein. Leute, die das Leben zu meistern wissen. Doch wenn sie ein äußeres Ereignis trifft, wie Scheidung oder plötzliche Arbeitslosigkeit, erleben sie sich als hilflos.“ Viele liefen Gefahr, den Kopf in den Sand zu stecken. Kurzfristig funktioniere eine solche „Abschaltung“, aber das Problem gäre weiter. „Der Betroffene hat immer noch Zugang zu dem, was um ihn herum passiert, aber er kann die Ereignisse nicht mehr steuern“, sagt Jung.

Foto: Privat

Eberhard Jung, Psychotherapeut, bewundert die Ehrenamtler der Ingenieurhilfe.

Für den Therapeuten, der sich auf die Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen sowie Patienten mit Panikattacken und Burn-out spezialisiert hat, erweisen sich die traditionellen Statusverschreibungen im Krisenmoment als zusätzliche Belastung. „Für die meist männlichen Ingenieure ist es schwer, aus dem eigenen Mythos auszusteigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Ingenieurberuf Menschen anzieht, die ohnehin nicht besonders gerne über Emotionen reden. Die Abteilung Gefühl wird gerne ausgelagert – an Ehefrau, Kinder oder Freunde.“

Sind jüngere Ingenieure eher bereit, in seelischen Notlagen professionelle Hilfe zu nutzen? Der 61-Jährige, der nebenbei an der Ostfalia-Hochschule in Braunschweig lehrt, glaubt das nicht. „Nehmen wir die Studenten, die ich unterrichte. Die sind sehr von dem Gedanken getrieben, unabhängig zu werden. Aber nicht durch Selbstreflexion, sondern durch hohes Einkommen und entsprechenden Status.“

Zugleich sieht Jung eine Generation heranwachsen, die mehr denn je von Ängsten verfolgt wird. „Die meisten Menschen leben schon heute in großem Wohlstand. Die Angst, dass Erreichte zu verlieren, sitzt ihnen dabei immer im Nacken.“ Selbst höchst erfolgreiche Manager würden immer wieder von dieser Angst eingeholt, hat Jung in seiner Coaching-Praxis beobachtet.

Umso beeindruckter ist Jung davon, wie sich Ingenieure hierzulande als Berufsgruppe organisiert haben und wechselseitig unterstützen. „Der Ingenieur hat eine Idee von Zusammenhalt“, ist er überzeugt. Wie stark dieses Wir-gefühl ausgeprägt ist, hat Jung während der Vertrauensleute-Tagung der Ingenieurhilfe erlebt. Die Ehrenamtler leisteten eine fantastische Arbeit. „In viele Fällen ist es ein Vorteil, wenn Coach und Coachee der gleichen Profession angehören. Schließlich können sich Ingenieure am besten in andere Ingenieure hineindenken.“ Die meist älteren, ehrenamtlichen Helfer profitierten bei den Beratungsgesprächen von ihrer immensen Lebenserfahrung. „Auch wenn sie keine ausgebildeten Therapeuten sind, machen sie vieles intuitiv richtig. Die Weisheit und die Gelassenheit des Alters kommen ihnen dabei zugute.“

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