Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Sonntag, 24. Februar 2019

Kooperation

Virtuelle Arbeit bedroht Arbeitnehmerrechte

Von Wolfgang Schmitz | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Der Mensch arbeitet dank neuer Kommunikationsmedien selbstbestimmter. Ihm droht aber, die Kontrolle über die Verwertbarkeit seiner Arbeit verlieren. Szenarien kooperierender Arbeitswelten beleuchteten Gewerkschafter und Wissenschaftler auf einer Engineering-Tagung in Berlin.

Virtuelle Arbeit bedroht Arbeitnehmerrechte

Christiane Benner fordert ein zeitgemäßes Leitbild für die Digtalisierung von Dienstleistungen und Arbeit. Foto: IGM

Gute Kommunikation baut Missverständnissen vor und Ängste ab. Das weiß jetzt auch der neue Siemens-Chef Joe Kaeser. Das Streichkonzert im Konzern in Höhe von 15 000 Stellen, um milliardenschwere Sparziele zu erreichen, sorgte am Wochenanfang für große Verunsicherung in der Belegschaft.

Dass Siemens Stellen abbauen will, ist schon länger bekannt. Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler kritisiert aber die Vorgehensweise. Es sei der Eindruck entstanden, es handele sich um ein neues und dramatisches Abbauprogramm. "Das hat Zehntausende Siemensianer verunsichert."

"Jobwunder" nicht auf andere Länder übertragbar

Davon wussten die Teilnehmer der Engineering-Tagung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vergangene Woche noch nichts – auch wenn sie bei Siemens in Berlin stattfand und "Kooperation" und "Zusammenarbeit" die zentralen Begriffe waren.

Gerade in Zeiten, in denen die Mensch-mit-Mensch-Arbeit unter die Räder zu kommen drohe, müssten Werte wie Solidarität, Anerkennung und Wertschätzung kommuniziert werden, meinte Universitäts-Professor Bernhard Badura. Sie machten auch ökonomisch Sinn. "Unternehmen, in denen Angstfreiheit herrscht, sind definitiv die erfolgreicheren Unternehmen."

Die Arbeitswelt habe sich in den zurückliegenden Jahren grundlegend verändert, von der Hand- zur Kopfarbeit, von der fremdbestimmten zur selbstbestimmten Arbeit, zeichnete der Spezialist für betriebliches Gesundheitsmanagement die Entwicklung nach. "Die Führungskultur hat damit nicht Schritt gehalten." Wenn sich etwas getan habe, dann oft in die falsche Richtung: Traurig sei, dass sich mancher Industrie-Manager das Menschenbild der Finanzwelt zum Vorbild nähme.

Führungsqualität bestimme die Unternehmenskultur und die ginge den Mitarbeitern im wahrsten Sinne des Wortes "durch Kopf und Magen". Schlechte Führung und unzureichende Kommunikation machen krank, kann Badura wissenschaftlich belegen. "Dienst nach Vorschrift und innere Kündigung sind in Deutschland weit verbreitet." Auch Schlafstörungen und Depressivität beeinflussten die Produktivität. Bei der "beschwerdefreien Lebenserwartung" liege Deutschland bei den Männern 14 Jahre (Frauen: elf Jahre) hinter Schweden, sagte Badura.

Wenn etwa Ingenieure die Schwächen eines Projekts kennen, sie aber nicht offen kommunizieren dürfen, liege die Wurzel des Übels im Management. Wichtige Entscheidungen seien nur im persönlichen Gespräch zu treffen. Badura: "Je weniger Zeit man jemandem im Gespräch schenkt, desto mehr muss sich derjenige um Präzision bemühen. Das ist schwierig, kostet Kraft und geht auf die Psyche." Und damit steigt die Fehlerwahrscheinlichkeit. Gemeinsame Ziele und Werte könnten solche Entwicklungen verhindern. "Die Menschen wollen beteiligt werden."

Und sie wollen ihre Meinungen in sozialen Netzen verbreiten. Arbeitgeber möchten Social Media auch für sich nutzen, wissen nur nicht immer, wie. "Das Management macht mit, weil man Angst hat, die Entwicklung zu verschlafen", berichtete der Betriebsrat eines deutschen Konzerns.

Peter Wedde könnte Abhilfe leisten. Der Frankfurter Professor für Arbeitsrecht und Recht der Informationsgesellschaft ist großer Anhänger sozialer Netzwerke, weil sie "Kommunikationsmöglichkeiten in ungeahntem Ausmaß" bieten. Wedde warnte aber auch vor großer Arbeitsverdichtung, der Entgrenzung von Privat- und Arbeitsleben und der Undurchschaubarkeit des Informationsflusses. So drohte ein mittelständisches Unternehmen einem Zulieferer mit dem Ende der Partnerschaft, falls der Zulieferer einen bestimmten Bewerber einstellte. Eine undichte Stelle im Netz hatte preisgegeben, wie der junge Mann über den Mittelständler gelästert hatte.

In der "schönen neuen" Kommunikationswelt haben es Crowd-Worker besonders schwer. Beim Crowdsourcing zapfen Firmen für Problemlösungen online Quellen an. Die Lösung mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis erhält den Zuschlag.

Alle anderen gehen leer aus. "Wir brauchen auch dort Mindeststandards", forderte IG Metall-Vorstand Christiane Benner. Abschreckendes Beispiel seien die USA, wo den Crowd-Workern "elementare Rechte entzogen werden. Wir brauchen ein menschliches, demokratisches, soziales und ökologisches Leitbild für die Digitalisierung von Produktion, Dienstleistung und Arbeit".

Die Tatsache, dass geistige Produkte wahllos im Netz abgreifbar seien, drücke über kurz oder lang die Löhne von IT-Fachleuten, befürchtet der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber. Die Bedeutung von Arbeitsverträgen werde so ad absurdum geführt.

Globale Märkte machten Gewerkschaftsarbeit nicht leichter, war einhelliger Tenor in Berlin. "Die zahlreichen Standorte erschweren das soziale Miteinander in unserem Unternehmen", so Betriebsrätin Astrid Granzow vom französischen IT-Dienstleister Atos. "Die Arbeit im Betrieb, von zu Hause aus, beim Kunden – und dann die Arbeitshäufung auf wenigen Schultern: Da bleibt kaum noch Zeit für den Austausch."

Bei aller kulturellen Vielfalt müssten sich Arbeitnehmer international auf eine gemeinsame Sprache einigen, meinte Birgit Steinborn, stellvertretende Vorsitzende des Siemens-Gesamtbetriebsrats. Vorbilder müssten her, wie es etwa das deutsche Mitbestimmungsmodell sein könnte. In anderen Ländern hätte man gestaunt, wie Deutschland damit aus der Finanzkrise gekommen sei.

Paradoxon und gleichzeitig Fazit der Tagung war: Mehr technische Kommunikationskanäle sind noch kein Garant für besseren Austausch. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb das gewerkschaftliche "Gemeinsam sind wir stark" auf der Engineering-Tagung erst spät zu hören war. Das aber umso trotziger. WOLFGANG SCHMITZ