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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Ausstellung

Vom Arbeitsmigranten zum Mitbürger

Von Hermann Horstkotte | 19. Juni 2015 | Ausgabe 25

„Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“: Unter dieser Überschrift läuft bis zum 9. August in Bonn eine historische Ausstellung mit mehr als 800 Exponaten. Mehr als 70 000 Besucher haben sie sich bereits angesehen. Vom 7. Oktober bis 17. April nächsten Jahres ist die Museumsschau in Leipzig zu sehen.

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Foto: Haus der Geschichte/Axel Thünker

Diesen Ford Transit kaufte Sabri Güler 1980 für sein Lebensmittelgeschäft und nutzte ihn auch für Reisen in die Türkei.

„Immer bunter? Einwanderungsland Deutschland?“ Nein, in ihrem offiziellen Titel setzt die historische Rückschau im Bonner „Haus der Geschichte“ keine Fragezeichen. Doch zeigt sie, wie umstritten der Ausländerzustrom in den vergangenen 60 Jahren war. Wie es in Wirklichkeit dazu kam, kann zugleich eine Lehre für immer offene Zukunftsfragen sein.

Einwanderungsland Deutschland im Rückblick

„Deutschland ist kein Einwanderungsland“, hieß es 1983 im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP für die Bildung der Bundesregierung unter Helmut Kohl. Damals gab es 4,6 Mio. Gastarbeiter nebst zugezogenen Familienangehörigen. Acht Jahre später, bei inzwischen 5,4 Mio. Zuwanderern, verkündete Kohls Parteifreund Heiner Geißler: „Wir sind ein Einwanderungsland.“ Heute kann davon jeder Fünfte erzählen, von sich selbst, den Eltern oder Großeltern. 667 000 Menschen zogen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den ersten sechs Monaten 2014 in die Bundesrepublik. Nach den USA ist Deutschland das beliebteste Ziel für Ausländer, die Arbeit in einer neuen Heimat suchen.

Eine Statue am Eingang zur Bonner Ausstellung zeigt, wie vor 60 Jahren alles anfing: Da wartet „Der Ausländer“ als Mann mit Hut, hochgeschlagenem Jackenkragen und gesenktem Blick, einen Koffer vor sich, ein Reisender wie bestellt und noch nicht abgeholt. Auch andere Objekte stehen für eine ganze Geschichte: ein Moped Zündapp Sport Combinette etwa, das die deutschen Arbeitgeberverbände 1964 dem einmillionsten Gastarbeiter bei seiner Ankunft in Köln schenkten; oder der blau lackierte Ford Transit mit Dachgepäckträger und eingebauten Schlafplätzen, die sich etwa Familie Güler 1980 für den jährlichen Heimaturlaub anschaffte. Hingegen ist es für die Enkel heute ganz selbstverständlich, bis Istanbul zu fliegen. Überhaupt erscheint es ihnen fremd, wie die Großvätergeneration sich in Deutschland einlebte: zunächst in „Gemeinschaftsunterkünften“ mit Mehrbettzimmern und einem kleinen Spind für jeden, oft in Holzbaracken auf Firmengelände, nahe am Arbeitsplatz. Die Ausstellung zeigt einen beklemmenden Nachbau.

Zudem zeigen historische Fernsehbilder und Schnappschüsse den Alltag, etwa vom Montageband für den VW Käfer in Wolfsburg oder der Freizeit im italienischen Fußballverein. Ein Schulkind hält auf einer Demo ein Plakat hoch: „Ich kann nicht richtig Griechisch, ich kann nicht richtig Deutsch.“ Die Klage stammt (schon) aus den 80er-Jahren.

Foto: Haus der Geschichte/A. Thünke

Kopftuchstreit: Die Aktivistin Emel Zeynelabidin, Tochter einer Türkin und eines Irakers, legte 2005 ihr Kopftuch ab.

Die Geschichte lehrt, dass anscheinend brandaktuelle Probleme oft „nur“ Neuauflagen altbekannter Herausforderungen sind. So zitiert das Begleitbuch einen Beamten im italienischen Außenministerium, der vor Jahrzehnten klarstellte: Wenn die Bundesrepublik weiter in den Süden der europäischen Partnerländer exportieren wolle, dann müsse sie etwas gegen die dortige Arbeitslosigkeit tun, also Gastarbeiter beschäftigen. Zumeist waren es un- oder angelernte Schwerarbeiter, die seit Mitte der 50er-Jahre etwa unter Tage oder auf dem Bau gefragt waren. Anfang der 70er arbeiteten 40 % der männlichen Ausländer in der Eisen- und Metallindustrie. Seitdem zu Dotcom-Zeiten mit der „Greencard“ IT-Spezialisten aus dem Ausland angelockt werden sollten, liegt der Fokus auf Fachkräften.

Indes wurden die Eingeladenen schon 1983 wieder ausgeladen: mit einer gesetzlichen Rückkehrerprämie von mehr als 10 000 DM, die gut 100 000 Arbeitnehmer nahmen. Nach 30 Jahren freigegebene Akten des britischen Nationalarchivs enthüllen: Bundeskanzler Kohl hielt es im Gespräch mit seiner Amtskollegin Margaret Thatcher „für unmöglich, die Türken in ihrer gegenwärtigen Zahl zu assimilieren“. Wie ein Echo klingt ein Zitat des türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan, das die Ausstellung als Wandinschrift präsentiert: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Foto: Historisches Museum Hannover

Arbeiterwohlfahrt, Caritas und Diakonie riefen in den 1970er-Jahren zur Förderung von Gastarbeiterkindern auf.

Lange hielt die deutsche Politik das Phantombild vom „Gastarbeiter“ auf Zeit hoch – während die Wirtschaft schon wegen der Einarbeitungskosten auf Weiterbeschäftigung und Zuwanderung in die Stammbelegschaft drängte. Ein leitender VW-Manager stellte bereits 1964 klar: „Der Betrieb hat selbstverständlich Interesse daran, auch Italiener, die sich bei der Arbeit bewährt haben, als Dauerarbeitskräfte zu behalten.“ „Einwanderer“ im Sinne der Ausstellung sind nicht nur Arbeitsmigranten mit ausländischem Pass. Dazu zählen auch deutschstämmige Aussiedler und Spätaussiedler aus Osteuropa und Russlands. Das sind seit Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als 4,5 Mio. Menschen wie Fußballweltmeister Lukas (geb. Lukasz Józef) Podolski. Oft schlugen und schlagen ihnen Angst und Vorurteile entgegen. Symptomatisch dafür ist etwa ein plakativer Magazin-Titel von 1991: „Treck aus dem Osten. Millionen Rußland-Deutsche kommen.“ Die Probleme ihrer Eingliederung waren nicht neu. Die Ausstellung verweist auf die „Ruhrpolen“, die Ende des 19. Jahrhunderts den „Pott“ zum Kochen brachten. Das waren meist preußische Staatsangehörige polnischer Sprache und Kultur. Ihr Beispiel zeigt, dass soziale Integration keine Frage des Passes ist. 

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