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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

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Leichtathletik

Weitenjäger mit Handicap

Von Wolfgang Schmitz | 19. Juni 2015 | Ausgabe 25

Markus Rehm ist ein Ausnahmespringer. Und das nicht nur wegen seiner Acht-Meter-Sätze. Wenn der Orthopädiemechaniker-Meister Ende Juli bei den deutschen Meisterschaften an den Start geht, wird die Diskussion über Beinprothesen im Sport erneut hochkochen.

Rehm BU
Foto: imago/Sebastian Wels

Weite Sätze will Markus Rehm auch künftig machen – egal, zu welchen Ergebnissen die Untersuchungen zur Effektivität der Sprungprothese kommen.

Für Markus Rehm muss es ein Gefühl wie Fliegen gewesen sein. Bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 2014 in Ulm katapultierte sich der Weitspringer auf die persönliche Bestweite von 8,24 m und damit 29 cm über seine bisherige Bestleistung hinaus. Weltrekord! Weltrekord? Den hält doch der US-Amerikaner Mike Powell mit 8,95 m. Aber nicht bei den Behinderten.

„Vorteil der Prothese ist nicht nachgewiesen“

Es ist der 10. August 2003. Der 14-jährige Markus Rehm verliert beim Wakeboarden auf dem Main die Zugleine, beim Auftauchen gerät sein rechtes Bein in die Schiffsschraube eines Bootes. Der leidenschaftliche Wellenreiter verliert nach drei Tagen des Hoffens und Bangens seinen rechten Unterschenkel. „Sechs Wochen verbrachte ich im Krankenhaus, fünf Wochen in der Reha, dann unternahm ich die ersten Gehversuche, nach einem halben Jahr habe ich wieder mit Sport angefangen.“ Die Bemühungen, sich wie mit einem natürlichen Bein zu bewegen, seien ein schleichender Prozess – und ein dauerhafter. „Daran arbeite ich auch heute noch.“

Und das äußerst erfolgreich. Markus Rehm scheint mit seiner Behinderung weniger Probleme zu haben als andere. Lieber als über seine Behinderung würde er über seine Erfolge reden, seine Goldmedaille bei den Paralympics 2012 im Weitsprung, den dritten Platz in der 4 x 100 m Staffel oder über die Weltrekorde. „Ich habe kein Problem, wenn ich darauf angesprochen werde. Es ist nur schade, wenn man an ,Markus Rehm’ immer ein ,aber’ anhängt: Aber das ist doch der mit der Prothese.“ Denn ohne das Thema Prothese scheint es in den Medien nicht zu gehen. Meist schwingt ein deftiger Schuss Skepsis mit: Geht bei der Karbonprothese alles mit rechten Dingen zu?

Schließlich hatten Biomechaniker ermittelt, dass Markus Rehm kurz vor dem Absprung deutlich langsamer ist als andere Springer mit vergleichbaren Weiten, er beim Absprung aber eine höhere Vertikalgeschwindigkeit erreicht, die ihn inzwischen sogar auf die neue Weltrekordweite von 8,29 m trug. Die Folge: Rehm darf weiterhin gegen Nichtbehinderte antreten, aber seine Leistungen werden getrennt gewertet. Nachgewiesen sind Vorteile aufgrund der Prothese allerdings nicht.

Der 1,85 m lange Athlet vom TSV Bayer 04 Leverkusen will aus der Technik keinen Vorteil ziehen, andererseits ist der Schützling der ehemaligen Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius auf sie angewiesen. „Ich kann die Behinderung nicht wegzaubern. Ich trainiere genauso hart wie andere Hochleistungssportler.“

Würde die Konkurrenz mit der gleichen Karbonprothese ähnliche Weiten erzielen, könnte das auf Wettbewerbsverzerrung hindeuten, „aber der Zweitplatzierte auf der Weltrangliste der Behinderten liegt einen guten Meter hinter mir“, betont Rehm.

„Mein Beruf ist hoch technisch und wird es wohl immer stärker werden“

Wenn er gemeinsam mit Steffi Nerius an etwas tüftele, dann an Anlauf und Sprungtechnik, nicht an der technischen Verfeinerung der Prothese. Und das, obwohl Markus Rehm ein Händchen dafür hat – sogar ein staatlich zertifiziertes. Als Jahrgangsbester absolvierte der heute 26-Jährige seine Meisterprüfung zum Orthopädiemechaniker. Rehm hat sich – was läge näher – auf Beinprothetik spezialisiert. Die Doppelbelastung Ausbildung/Sport habe ihn damals körperlich stark belastet. Ohne die Deutsche Sporthilfe wäre der Stress noch größer gewesen. Dank ihrer Unterstützung ließ sich Rehm auf das Abenteuer Spitzensport ein. „Dadurch konnte ich halbtags arbeiten und brauchte keine Existenzängste zu haben.“

Denn halbe Sachen macht der leidenschaftliche Wakeboarder nicht. „Ich bin kein Typ, der sagt: Hauptsache durchkommen. Ich will alles besonders gut machen.“ Das galt für Markus Rehm schon in jungen Jahren, als er akribisch an Modellflugzeugen bastelte. „Werkeln, löten – das macht mir heute noch Spaß, allerdings fehlt mir die Zeit dazu.“

Ursprünglich wollte er „irgendwas mit Elektrotechnik machen“, dann kamen der Unfall und das Interesse an Prothesen. „Mein Beruf ist aber auch hoch technisch und wird es wohl immer stärker werden.“ So sei die Entwicklung bei elektronischen Kniegelenken fortgeschritten, biete aber noch reichlich Spielraum für Kreatives. Ein Studium will Rehm nicht ausschließen, der Meisterbrief biete ihm da alle Möglichkeiten.

Überhaupt schaut der Göppinger lieber nach vorne als sich in Rückblenden mit dem Was-wäre-wenn zu beschäftigen. Und er schaut nicht nur auf sich. Als eine Art Botschafter der körperlich Behinderten geht Markus Rehm in Krankenhäuser und spricht Amputierten Mut zu. Als er 2014 zum Behindertensportler des Jahres gewählt wurde, sagte er die Feierlichkeiten nach Absprache mit dem Deutschen Behindertensportverband ab, um sich vor der Kamera mit TV-Moderator Stefan Raab beim Turmspringen zu messen. „Das sollte kein Affront gegen die Auszeichnung gewesen sein. Ich hielt den Fernsehauftritt für eine gute Gelegenheit, für den Behindertensport zu werben. Die Reaktionen von Behinderten wie Nichtbehinderten haben das bestätigt.“

Sollte die Wissenschaft nach intensiver Prüfung zu dem Urteil gelangen, die Beinprothese verschaffe behinderten Sportlern einen Vorteil, werde er sich nicht dagegen sträuben, so Markus Rehm. „Ich bin stolz darauf, paralympischer Athlet zu sein – und das werde ich auch immer bleiben.“

Dass Markus Rehm bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Behinderten vom 21. bis 23. Juni in Berlin ganz oben auf dem Siegertreppchen steht, dürfte außer Frage stehen. 

 

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