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Dienstag, 23. Januar 2018

Frauenstudiengänge

"Wir dümpeln nicht in einem Frauen-Biotop"

Von Ruth Kuntz-Brunner | 23. März 2012 | Ausgabe 12

Wenn angehende Ingenieurinnen unter sich sind und männliche Kommilitonen vor dem Hörsaal bleiben müssen, fördert das Interesse und Leistung. Trotzdem setzt sich das Angebot an deutschen Hochschulen nicht in breitem Maße durch.

Haben Sie schon einen Computer auseinandergeschraubt? Wenn nicht, dann sind Sie in guter Gesellschaft. Selbst Informatikstudenten kennen das Innenleben ihres Arbeitsgeräts oft nicht. Viele fürchten, dass sie die Hardware beim Zerlegen beschädigen oder die Teile anschließend nicht mehr richtig zusammensetzen können. "Diese Ehrfurcht vor der Technik demontieren wir bei den Frauen gleich zu Beginn des Studiums", schmunzelt Gerlinde Schreiber, Professorin und Leiterin des Internationalen Frauenstudiengangs Informatik an der Hochschule Bremen.

Ihre Erstsemester bauen nicht nur Computer auseinander und wieder zusammen. Sie sind auch zu einer "Installationsparty" geladen, zu der die Studentinnen ihre Notebooks mitbringen und die Software selbst installieren, die sie im Studium brauchen. Diese curricularen Freiheiten sind möglich, weil der Bremer Frauenstudiengang eigenständig und damit auch eigens akkreditiert ist.

Eine Ausnahme, denn die anderen frauenspezifischen Angebote laufen parallel zu "gemischten" Studiengängen. Dadurch steht Bremen unter besonderem Rechtfertigungsdruck. Die Hochschule Furtwangen hatte einst dem Druck nachgegeben und bietet ihren erst nur für Frauen konzipierten Studiengang heute auch koedukativ an.

Jedenfalls fangen sich die Bremer Studentinnen schon mal Sticheleien von wegen "weichgespültem Studium" ein. "Doch heute sind das eher Rituale, mit denen die Frauen souverän umgehen", so Schreiber. Vielleicht beneiden Männer auch ihre Kommilitoninnen, da im Frauenstudiengang Fragen explizit erwünscht ist. Schreiber: "Wer fragt, ist nicht doof, sondern will verstehen."

Ab dem dritten Semester können die Studentinnen in gemischten Wahlpflichtveranstaltungen beweisen, dass sie fachlich mindestens ebenso fit sind wie die Kommilitonen. Im 14-wöchigen Betriebspraktikum und im Auslandssemester an einer Partnerhochschule ist ohnehin gemischtgeschlechtlicher Alltag angesagt. "Wir dümpeln also nicht in einem Biotop", resümiert Schreiber. "Wir machen nur einiges anders." Für Frauen wohl auch besser, wie die Akzeptanz beweist. Die jährlich angebotenen 30 Studienplätze sind immer besetzt.

Begleitstudien zeigen die Gründe: In Frauenstudiengängen erfahren Studentinnen jenes Lernklima, das sie motiviert – themenorientiert statt rollenzentriert, ohne störendes Konkurrenz- oder Imponiergehabe anderer. "Wenn Frauen zu Beginn des Studiums psychische Schützenhilfe bekommen, bauen sie ein Selbstvertrauen auf, das sie durchs ganze Studium trägt", berichtet Ulrike Schleier, Professorin an der Jade-Hochschule Wilhelmshaven.

Sie leitet den ersten an deutschen Hochschulen etablierten Frauenstudiengang. Rund 30 Frauen wählen jährlich dieses Studium, den "gemischten" Parallelstudiengang nur wenige. Doch die Pionierarbeit war hart, musste sie sich doch auch gegen weibliche Vorbehalte durchsetzen. Manche Frauen witterten im frauenspezifischen Angebot Verrat an der Emanzipation, einer Emanzipation, die sich im alltäglichen Kampf um Gleichberechtigung stählt.

Inzwischen sind die Fronten aufgeweicht. Schließlich belegen Evaluationen und letztlich auch Women’s Colleges in aller Welt, dass durch "Abwesenheit des zweiten Geschlechts die ständige Selbst- und Fremdverortung in den Hintergrund treten" und sich selbstbewusste, durchsetzungsfähige Frauen entwickeln können, so Ulrike Teubner, Professorin an der Hochschule Darmstadt. Fähig sind sie allemal: Bei identischen Aufgaben schrieben Wilhelmshavener Studentinnen bessere Klausuren als Kommilitoninnen des koedukativen Parallelstudiengangs.

"Wir bringen Frauen in Naturwissenschaft und Technik", freut sich Schleier. Und die Angebote sind flexibel. Das frauenspezifische Angebot der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin berücksichtigt die Lebensbedingungen von Frauen durch Kita-Plätze und höhere E-Learning-Anteile. Dass – bis auf Bremen – die Hochschulen nur mit Wirtschaft kombinierte MINT-Fächer für Frauen anbieten, wertet Schleier positiv: "Selbst Frauen, die gut in Mathe waren, möchten erst einmal ausprobieren, ob’s im Studium klappt." Wenn nicht, könnten sie von Wirtschaftsingenieur besser auf Betriebswirtschaft umsteigen. Außerdem, so die Genderforscherin Sigrid Metz-Göckel, "wollen Frauen nicht eingleisig fahren, sondern mit Verstand und Sinn studieren".

Trotzdem machen nur wenige Hochschulen mit. Universitäten fehlen völlig. Sie versuchen eher, durch Informationsveranstaltungen das Interesse von Mädchen und Abiturientinnen an Naturwissenschaft und Technik zu wecken.

Letztlich aber halten Frauenstudiengänge die Studentinnen stärker bei der Stange. "Die Initiative für frauenspezifische Angebote aber scheitert oft schon an den Kosten", erzählt Schleier. "Und endgültig an der Angst vor einem Image-Verlust, weil das Weibliche die Hochschule abwerten könnte" – das ultimative Argument für Frauenstudiengänge. RUTH KUNTZ-BRUNNER

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