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Donnerstag, 21. Februar 2019

Arbeitsmarkt

„Wir brauchen ein neues Leitbild für Manager“

Von Simone Fasse | 23. Oktober 2015 | Ausgabe 43

Die digitale Arbeitswelt bietet Frauen gute Chancen, Veränderungen in ihrem Sinne voranzubringen. Davon können auch Unternehmen profitieren, sagen die Sozialwissenschaftlerinnen Kira Marrs und Anja Bultemeier. Sie leiten ein neues BMBF-Projekt, das neue Arbeitsmodelle und die Chancen für die Karriere von Frauen in der IT-Branche und im Ingenieurwesen auslotet.

VDI nachrichten: Warum sehen Sie gerade jetzt einen guten Zeitpunkt, um Bewegung in die Karrieren von Frauen im IT- und Ingenieurbereich zu bringen?

Marrs: Wir sind mit der Digitalisierung der Wirtschaft an einem historischen Wendepunkt angekommen, an dem sich grundlegende Dinge verändern. Es herrscht eine Transformations- und Aufbruchstimmung, Unternehmen und Entwicklungsabteilungen befinden sich im Umbruch. Daraus ergeben sich völlig neue Chancen für weibliche Fach- und Führungskräfte.

Die Forscherinnen

Foto: ISF

 

Kira Marrs ist Wissenschaftlerin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München.

Foto: ISF

Anja Bultemeier forscht am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg.

Welche Chancen sehen Sie konkret?

Bultemeier: In Forschungs- und Entwicklungsabteilungen setzen sich immer stärker interdisziplinäre und agile Arbeitsformen durch, bisherige fachliche und funktionale Grenzen lösen sich auf. Die Softwareentwicklung gewinnt in allen technischen Bereichen an Bedeutung. Dies verändert auch Arbeitskultur und Berufsbilder im Bereich Hardware und macht diese für Frauen attraktiver.

Neue Rollenkonzepte und fachliche Anforderungen, wie sie die agilen Unternehmen von heute verlangen, bieten für Frauen ebenso neue Möglichkeiten wie Community-orientierte Formen von Kollaboration und Kommunikation.

Marrs: Durch die Digitalisierung rücken außerdem die Kundenbedürfnisse stärker in den Vordergrund. Daraus ergeben sich beispielsweise für Wirtschaftsinformatikerinnen und -ingenieurinnen neue Chancen, da sie neben den technischen Grundlagen auch kommunikatives und betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen, das jetzt gebraucht wird, völlig unabhängig von der Gender-Diskussion.

Müssen dafür Führungskräfte und CEOs umdenken?

Marrs: Die Veränderungen kommen initiativ aus den Fachabteilungen, denn hier fehlen die Fachkräfte. Der Wandel muss aber von oben unterstützt und vorgelebt werden, das ist kein Selbstläufer. Es wird Zeit, ein neues Leitbild für Manager zu entwickeln, denn in den Unternehmen verändert sich die Kultur – weg vom einsamen Entscheider und Kompetenz-Silos hin zu vernetzten und kooperativen Strukturen, in der Team und Kunde im Mittelpunkt stehen. Ein solches Leitbild gibt es noch nicht. Diese Debatte wollen wir anstoßen.

Bultemeier: Dieser Kulturwandel kann auch eine Verschiebung vom Leistungsnachweis durch Präsenzzeit zum ergebnisorientierten Erfolg mit sich bringen. Dies machen die digitalen Arbeitsmittel möglich, die nicht nur Frauen ein selbstbestimmtes Ausführen ihrer Tätigkeiten erleichtern, sondern auch für die „Millennials“ bereits selbstverständliche Begleiter sind. Allerdings bergen sie für die Beschäftigten Gefahren durch den Druck der ständigen Erreichbarkeit. Dafür müssen ebenfalls neue Lösungen gefunden werden.

Inwieweit können die von Ihnen geleiteten Forschungen dabei helfen?

Bultemeier: Unser Projekt setzt auf dem fünfjährigen wissenschaftlichen Projekt „Frauen in Karriere – Chancen und Risiken für Frauen in modernen Unternehmen“ auf. Daraus hat sich bereits ein sehr aktives Netzwerk aus Unternehmen und Verbänden gebildet, das wir nun in die neuen Forschungen einbeziehen. Gemeinsam mit den beteiligten Partnern führen wir derzeit Workshops durch, um konkrete Gestaltungsansätze auszuloten. Daraus soll eine Broschüre mit Handlungsempfehlungen entstehen, die wir im Frühjahr 2016 vorstellen werden.