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Dienstag, 23. Januar 2018

Klimaforschung

Absehbare Schäden des Klimawandels

Von Katja Frieler | 11. Januar 2018 | Ausgabe 01

Während die einen streiten, was zu tun ist in puncto Klimaschutz, rechnen andere aus, was Nichtstun kostet.

w - Meinung Frieler BU
Foto: PIK

Forscherinnen wie Katja Frieler berechnen in globalen Forschungsnetzwerken, wie sich Klimawandel auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirkt.

Die Folgen des Klimawandels werden immer deutlicher sichtbar. Die Häufigkeit und Heftigkeit von Hitzewellen wie jenen in Arizona und Indien in den letzten zwei Jahren oder das Auftreten von Niederschlagsrekorden gehen bereits heute deutlich über das Maß hinaus, das ohne Klimawandel zu erwarten wäre. Das zeigt die Forschung sehr klar.

Katja Frieler

Der Meeresspiegelanstieg macht auch das Auftreten extremer Sturmfluten deutlich wahrscheinlicher. So steht in New York der Wasserpegel heute schon im Mittel alle 25 Jahre bei 2,25 m über Normal – das gab es unter vorindustriellen Bedingungen nur alle 500 Jahre. Schon bis Mitte unseres Jahrhunderts könnten diese Ereignisse alle fünf Jahre auftreten.

Gleichzeitig wird vor unseren Augen das Great Barrier Reef in Australien durch Korallenbleichen in bisher ungekanntem Ausmaß geschädigt, weil sich der Ozean erwärmt.

Mit diesen sichtbaren Folgen des physikalischen Klimawandels vollzieht sich gerade ein Klimawandel auch auf ganz anderer Ebene: der juristischen. Es geht ums Geld. Einerseits darum, wie viel uns der Klimawandel kostet, und zum anderen um die Investitionsrisiken, die sich aus einer Fehlbewertung fossiler Energiereserven ergeben. Das wollen Anleger wissen. Unternehmensleitungen dafür zu belangen, klimabezogene Geschäftsrisiken nicht für Investoren und Teilhaber offengelegt zu haben, schien dennoch vor einiger Zeit kaum vorstellbar.

Doch die Ermittlungen gegen Peabody Coal und Exxon Mobil belegen das Gegenteil. Beiden Unternehmen wird vorgeworfen, in ihren Jahresberichten solche Geschäftsrisiken nicht hinreichend dargestellt zu haben. Hier geht es vor allem um eine möglicherweise irreführende Überbewertung fossiler Energiereserven, deren Nutzbarkeit nicht mit der international vereinbarten Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C vereinbar ist.

Fehlten bisher grenzüberschreitende Standards zur Offenlegung von klimabezogenen Unternehmensrisiken, so könnte sich diese Situation mit den im Juli 2017 veröffentlichten Empfehlungen der „Task Force on Climate-Related Financial Disclosures“ an die G20-Staaten langsam ändern. Zwar wird die Übernahme der Empfehlungen ausdrücklich als freiwillig beschrieben, sie könnten aber dennoch zu einer Referenz für die Beurteilung der Risikoerfassung werden.

In den Empfehlungen geht es explizit auch um die Erfassung möglicher direkter oder indirekter Klimaschäden für die Unternehmen selbst sowie um Risiken, die etwa durch Schadenersatzforderungen an emissionsintensive Unternehmen entstehen.

Auch hier gibt es im Hintergrund erste Klagen, die zum Beispiel gerade in den USA gegen emissionsintensive Energiekonzerne wie Shell, Exxon und Chevron wegen durch den Meeresspiegelanstieg bedingter Küstenschäden eingereicht wurden. In Deutschland ist eine Klage gegen den RWE-Konzern, die das Landgericht Essen zunächst abgewiesen hatte, gerade vom Oberlandesgericht in Hamm zugelassen worden; es geht um die Übernahme von Kosten zum Schutz gegen das Abschmelzen eines Berggletschers in Peru.

Welche Rolle spielt die Klimafolgenforschung in diesem Prozess?

Die Entwicklung spiegelt die insbesondere in den Berichten des Weltklimarats IPCC zusammengetragene wissenschaftliche „Beweislast“ wider, die es nicht mehr erlaubt, Klimarisiken als unvorhersehbar zu behandeln. Es ist damit zu rechnen, dass Hitzewellen und Dürren, aber auch Überflutungen und Schäden an Ökosystemen weiter zunehmen werden.

Das Zerstörungspotenzial von tropischen Wirbelstürmen wird durch die Erwärmung der Wasseroberfläche, einer wichtigen Größe zur Bestimmung der potenziellen Windgeschwindigkeiten, und durch den Meeresspiegelanstieg weiter wachsen. Die Hurrikansaison 2017 in der Karibik liefert einen traurigen Vorgeschmack auf diese Entwicklung. So ist zum Beispiel Puerto Rico in seiner wirtschaftlichen Entwicklung um Jahre zurückgeworfen worden; auch in der US-Metropole Houston sind hohe Schäden entstanden.

Immer mehr Investoren, Teilhaber und Versicherer fordern nun eine unternehmensspezifische Ausweisung dieser Risiken ein. Diese Entwicklung könnte die Klimafolgenabschätzung auf deutlich mehr Schultern verteilen, wenn die Abschätzung individueller Geschäftsrisiken von Unternehmen selbst übernommen oder beauftragt wird.

Gleichzeitig hat die Wissenschaft die Aufgabe, vorhandene Ergebnisse leicht zugänglich zu machen. Hier geht es um Datenformate und einen einheitlichen Zugang zu unterschiedlichsten Simulationen, die unser aktuellstes Wissen beschreiben. Es reicht vom veränderten Auftreten von Waldbränden, Ernteeinbrüchen, Überflutungen durch Starkregen oder Sturmfluten über tropische Wirbelstürme, Austrocknen von Böden bis hin zum Risiko von Todesopfern durch Hitzewellen.

Unternehmerische und gesellschaftliche Risiken werden sich aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren ergeben und nur in seltenen Fällen auf einzelne Faktoren beschränkt sein. Wie groß ist das Risiko, dass die ökonomischen Gesamtschäden in einzelnen Jahren nicht mehr kurzfristig kompensiert werden können? Ist zu erwarten, dass sich die Ereignisse in einigen Regionen so häufen, dass keine Zeit zur Erholung mehr bleibt? Solche Fragen erfordern eine Summierung der Schäden über die verschiedensten Kategorien hinweg.

Eine offene Datenbank für Klimafolgenprojektionen

Für lange Zeit lag das Grundproblem zur Beantwortung dieser Fragen an einer verblüffenden Stelle: Die Übersetzung von Klimaänderungen in die beschriebenen Klimafolgen beruht auf sehr unterschiedlichen Modellen – so der Name der Computersimulationen, die auf Daten und Algorithmen beruhen.

Die einen Modelle beschreiben zum Beispiel den Einfluss des Wetters auf die Getreideernten, die anderen das Ausmaß von Überflutungen durch Starkregen. Weltweit wird die Entwicklung dieser Klimafolgenmodelle in unterschiedlichsten Arbeitsgruppen und Forschungsdisziplinen vorangetrieben.

Mit der Anzahl verfügbarer Klimaszenarien sank die Wahrscheinlichkeit, dass die unterschiedlichen Modellierungsgruppen sich für dieselben Szenarien entschieden, um diese in Klimafolgen zu übersetzen. Das macht zum einen die Modellrechnungen innerhalb der Disziplinen nicht direkt vergleichbar und zum anderen eine Summierung von jährlichen Gesamtschäden über die verschiedenen Ereigniskategorien hinweg unmöglich. Zudem wurden die Simulationen nicht zentral gesammelt.

Nun haben Klimafolgenforscher weltweit – in mehr als 100 Forschungsgruppen, koordiniert vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – in den letzten fünf Jahren einen gemeinsamen Katalog der Rahmendaten für Computersimulationen entwickelt. Auch haben sie die verschiedensten Klimafolgensimulationen in einem frei zugänglichen Archiv gesammelt.

Was nur einen kleinen Schritt für jeden einzelnen Klimafolgenmodellierer bedeutet, erlaubt einen großen Schritt für die Klimafolgenforschung. ISIMIP ist der etwas sperrige Name dieser Expedition ins Unbekannte: Intersectoral Impact-Model Intercomparison Project. Die Bedeutung z. B. für die Abschätzung von Risiken des Klimawandels für Unternehmen oder für die Beweisführung in Gerichtsverfahren könnte sich in naher Zukunft entfalten.

So sind wir jetzt nah daran, die unmittelbaren Verluste durch Extremwetterereignisse in ihrer Summe betrachten können. Kritisch ist hier noch die Methodik der Abschätzung direkter wirtschaftlicher Schäden und der Anzahl betroffener Menschen. Für einzelne Ereigniskategorien wie tropische Wirbelstürme und Überflutungen stehen dafür aber bereits aus vergangenen Ereignissen abgeleitete Schadensfunktionen zur Verfügung.

Letztendlich geht es dabei um die Möglichkeit, die Wirkung der verschiedenen Ereignistypen in ihrer Summe und auch in ihrer zeitlichen Abfolge und ihrem räumlichen Zusammenspiel untersuchen zu können. Damit kommen wir der Antwort auf die Frage nach den Kosten des Klimawandels – wie viel, wann und wo – erheblich näher.

Als ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt des ISIMIP hat sich die Schlagkraft einer ganzen Forschungsgemeinschaft erhöht. So ist es nun sehr viel schneller möglich, auf aktuelle Fragen wie die nach den Klimafolgen bei 1,5 °C globaler Erwärmung zu reagieren und entsprechende Abschätzungen zu liefern. Das ist wichtig, wenn im politischen Rahmen verhandelt wird und die Akteure die Risiken verschiedener Handlungsoptionen abschätzen müssen. Denn der Klimawandel ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis von Entscheidungen.

Die wahren Kosten des Klimawandels: Die Abschätzung der Risiken für Unternehmen ist nur ein Baustein zur Abschätzung der gesellschaftlichen Risiken des Klimawandels insgesamt. Die direkten Schäden durch Extremereignisse lassen sich relativ gut abschätzen.

Die zugrunde liegenden physikalischen oder biologischen Zusammenhänge sind im Wesentlichen in bestehenden Computersimulationen erfasst. Rückschlüsse auf die zu erwartenden wirtschaftlichen Schäden oder Opferzahlen lassen sich aus Beobachtungsdaten gewinnen.

Die Folgen des Klimawandels werden aber sehr viel weiter reichen. Für gesellschaftliche Prozesse wie Migrationsbewegungen müssen wir die genauen Zusammenhänge erst noch besser verstehen. Dies ist eine große Forschungsaufgabe, die in noch viel stärkerem Maße die Zusammenarbeit von Natur- und Sozialwissenschaftlern erfordert.

Es gibt zurzeit noch kein globales Modell, das potenzielle Migrationsbewegungen aufgrund von direkten Klimawirkungen wie Extremereignissen oder etwa aufgrund der Wirkung des Klimawandels auf nationale Einkommensunterschiede beschreibt. Zwar wissen wir, dass wetterbedingte Naturkatastrophen im Mittel über die letzten neun Jahre rund 21 Mio. Menschen pro Jahr gezwungen haben (meist innerhalb ihrer Länder) umzusiedeln. Zu klären ist aber zum Beispiel noch, wie dauerhaft diese Vertreibung ist.

Bisherige Studien deuten darauf hin, dass einzelne Extremereignisse eher nicht zu einer permanenten Umsiedlung führen, sondern dass diese möglicherweise eher auf langfristige Klima- und Umweltänderungen zurückgeht. Im Vergleich zur reinen Klimaphysik werden wir bei der Beschreibung gesellschaftlicher Veränderungen deutlich mehr auf empirische Studien zurückgreifen müssen, die auf eine Welt zurückgehen, die wir durch den Klimawandel selbst gerade verlassen.

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