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Samstag, 17. Februar 2018

Seitenhieb

Alltag ohne Avatar

Von Wolfgang Schmitz | 25. Januar 2018 | Ausgabe 04

Hallo, ich weiß, Sie kennen mich jetzt auch nicht unbedingt immer als Ausbund des perfekten Benehmens. Aber jetzt will ich doch mal möppern, es reicht mir mal.

Foto: VDIn/Zillmann

Claudia Burger, kennt sich nicht super mit Knigge aus. Aber auf so ein paar Grundregeln legt sie Wert.

Und das, obwohl ich seit Jahrzehnten Nutzerin des öffentlichen Nahverkehrs und daher Kummer gewohnt bin. Wenn Sie auch zu den Arbeitnehmern gehören, die nicht ins eigene Auto steigen und auch nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, wissen Sie, was ich meine. Man ist einiges an gewöhnungsbedürftigen Eigenheiten der lieben Mitfahrer gewohnt. Dass man angerempelt wird ohne Entschuldigung: Alltag. Dass einem auf die Füße getreten wird ohne Entschuldigung: Alltag. Dass einem schon früh am Morgen die vermeintlichen Probleme anderer Leute in allen Einzelheiten lautstark in Gesprächen mit einem unsichtbaren Gegenüber am Handy mitgeteilt werden: Alltag. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Manchmal glaube ich, die Leute meinen, in der virtuellen Welt unterwegs zu sein und Held in einem ausgesprochen schlechten Computerspiel. Da ist man doch froh, wenn man in einem ehrenwerten Haus einen Termin hat und mit dem Fahrstuhl fährt. Nette Menschen steigen ein, sie grüßen freundlich. Einige steigen aus und eine nette junge Dame und ich bleiben als einzige stehen. Es geht nach oben. Und dann passiert es: Die junge Dame holt eine Bürste aus ihrer Tasche und bürstet sich in aller Seelenruhe ihr Haar. Direkt vor meiner Nase. Ich finde das nicht so toll. Ich bin erstaunt und kriege keinen Ton raus. Wähnt sie sich in virtuellen Welten? Hält die mich für einen Avatar oder was? Da hat sie Glück, dass ich keiner bin. Wenn ich einer wäre, hätte die Gute nichts zu lachen, dann wäre ich sehr wütend und überaus unfreundlich und unhöflich. Aber ich bleibe realistisch und ignoriere ihre fragwürdige öffentliche Körperpflege und hoffe, dass sie nicht noch die Nagelfeile herausholt oder den Hornhauthobel.

Ob das verhinderte Rapunzel seine überzähligen Keratinprodukte noch aus der Bürste gekratzt hat und sie dann auf den Boden geworfen hat, weiß ich nicht. Ich bin mit dem Abschiedsgruß „Einen schönen Tag noch“ ausgestiegen. Aber ich halte es, ehrlich gesagt, für sehr wahrscheinlich.

Wie heißt es in den Computerspielen immer,wenn die nächste höhere Stufe erreicht wird? Next level. Please. cer

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