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Samstag, 17. Februar 2018

Kohle

„Ich kann keine Eilbedürftigkeit erkennen“

Von Stephan W. Eder | 25. Januar 2018 | Ausgabe 04

Michael Vassiliadis, Chef der IG Bergbau Chemie Energie, vermisst die Sinndebatte.

w - Vassiliadis BU
Foto: Stefan Koch/IG BCE

Für das Braunkohlerevier in der Lausitz fordert IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis eine aktive Strukturpolitik, sonst sei es dort irgendwann „zappenduster“.

VDI Nachrichten: Herr Vassiliadis, was unternimmt die Stromwirtschaft heute schon, um sich auf den Strukturwandel bei der Kohle einzustellen – unbenommen kursierender Ausstiegsszenarien?

Vassiliadis: Der Strukturwandel in der Kohleverstromung ist längst in vollem Gange und der Pfad durch das Auslaufen von Genehmigungen, bereits angemeldete Stilllegungen und die Überführung von Kraftwerken in die Sicherheitsbereitschaft vorgezeichnet. Allein sechs Kohlekraftwerke sind im vergangenen Jahr vom Netz gegangen. Bis 2020 werden es noch einmal 14 sein.

Der Anteil der Kohle an der Stromversorgung ist allein 2017 um drei Prozentpunkte auf 37 % gesunken. Die Unternehmen planen im Kohlebereich keine neuen Projekte mehr. Weder werden Tagebaue neu aufgeschlossen noch neue Kraftwerke ertüchtigt.

Allein dadurch erfolgt die Reduktion von Erzeugungskapazitäten schneller als bis 2050, weil allein nach Ende der Lebensdauer der Kraftwerke die CO2-Last aus Stein- und Braunkohleverstromung bis 2028 um die Hälfte gegenüber heute sinken wird. Die Branche hat sich also längst auf den Strukturwandel eingestellt.

Jetzt wird gefordert, noch schneller die CO2-Emissionen aus der Kohleverstromung zu senken – mit Verweis auf den Pariser Klimavertrag ...

Im Verhältnis zu den globalen Treibhausgasemissionen wäre der Effekt eines übers Knie gebrochenen Kohleendes in Deutschland bedeutungslos – vor allem angesichts des ohnehin schon vorgezeichneten Wandels in der Kohleverstromung. Wenn ich meine Prioritätenliste für die klima- wie die energiepolitische Verantwortung heranziehe, dann kann ich schon deshalb nicht erkennen, warum man diese Forderungen bedienen muss. Außer vielleicht, dass die Politik ihre eigenen Ziele, die sie sich selbst ohne Not gesetzt hat, erfüllen will.

Nur muss sie wissen: Der ökologische Effekt wäre verschwindend gering – aber in ganzen Regionen würden Arbeitsplatzabbau und Strukturbrüche drohen. Ich kann keine Eilbedürftigkeit erkennen, denn auch die ohnehin auslaufende Kohleverstromung ist kompatibel mit Paris. Wir werden auch so unsere völkerrechtlich verbindlich eingegangenen Ziele einhalten.

Sie wollten mal alle fossil befeuerten Kraftwerke in eine Art zweite RAG stecken, um den Strukturwandel in der Energiewirtschaft sozialpolitisch und unternehmerisch besser steuern zu können. Bräuchte man das noch?

Das ist damals abgelehnt worden, weil uns unterstellt wurde, damit nur die Kohleverstromung langfristig stabilisieren zu wollen, anstatt aus ihr auszusteigen. Mein Ziel ist nicht, die Energiewende als solche zu attackieren. Ich attackiere die Art und Weise, wie sie organisiert wird. Und die Illusion, dass es nur so gehen kann.

Wenn wir das anders machen, wird es billiger, besser – und vielleicht machen es dann auch andere Nationen nach. Ich möchte den Kokon, in dem wir uns argumentativ selbst verheddert haben, loswerden. Dieses Denken ist mir als Gewerkschaftler fremd, weil ich immer die konkreten Auswirkungen auf die betroffenen Branchen vor Augen habe.

Welche Zukunft sehen Sie für die Kohle in Deutschland?

Wir müssen uns Optionen auf die stoffliche Verwertung von Kohle und auf eine in der Zukunft vielleicht noch mit ganz anderen Innovationen einhergehenden Nutzung von kohlenstoffhaltigen Grundsubstanzen zwingend offenhalten. Das ist natürlich bei der Braunkohle im Tagebau einfacher als beim Untertage-Steinkohlebergbau. Da müsste man wirklich im Fall der Fälle ein neues Bergwerk aufschließen.

Wir müssen uns fragen, ob wir es zulassen wollen, unser ganzes Know-how in der Bergbautechnologie – und darauf basierende Zukunftstechnologien – zu verschütten.

Der VDMA-Fachverband Mining hat gefordert, eine Art Versuchsbergwerk für die Technologieentwicklung offen zu halten. Dafür ist in Nordrhein-Westfalen Herr Pinkwart zuständig. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Noch nicht darüber, aber das ist ein wichtiger Aspekt. Ein zweiter ist die Frage nach den Exzellenzuniversitäten im Bergbau. Es gibt in Deutschland drei: Aachen, Clausthal-Zellerfeld und Freiberg. Mich wundert, dass man deren Zukunft nicht aktiver diskutiert. Denn Bergbau wird auf der Welt immer irgendwo betrieben werden. Manchmal hat man aber das Gefühl, die politisch Verantwortlichen wollen damit nichts zu tun haben.

Was erwarten Sie denn von Herrn Pinkwart?

Dass er genau diesen Fragen einen Stellenwert gibt. Manches können wir jetzt noch machen.

Was zum Beispiel?

Wenn man ein Bergwerk als eine Art Labor erhalten will, muss man sich heute die Frage stellen, was das heißt. Wenn man die Exzellenzforschung in Aachen und anderswo erhalten will, dann muss man das Thema aktiv angehen, sonst wird das irgendwann verdrängt werden. Noch sind zum Beispiel bei der RAG-Stiftung die nötigen Fachleute vorhanden, mit denen man darüber konkret sprechen kann.

Was können die Kumpels machen, damit die Braunkohle weniger klimaschädlich ist?

Es wurde ja früher bestritten, dass man Braunkohlekraftwerke nahe an Regelkraftwerke bringen kann. Das haben unsere Kolleginnen und Kollegen zusammen mit den Ingenieuren inzwischen fast geschafft. Wirkungsgrad und Steuerbarkeit haben sich deutlich verbessert. Das ist nicht nur eine großartige Leistung, sondern auch ein spürbarer Beitrag zum Klimaschutz.

Es ergibt keinen Sinn, diese funktionierende und im Vergleich zu anderen Energieträgern äußerst günstige Energieerzeugungsstruktur mit der Brechstange aushebeln zu wollen – weder energie- noch strukturpolitisch. Wenn man zum Beispiel in das Lausitzer Revier blickt, dann hängt dort die ganze Region – auch die mittelbare Wirtschaftsleistung – an diesem industriellen Kern des Braunkohletagebaus. Wenn man den herausnähme, dann wäre da zappenduster.

Dann müssen Sie sich doch heute Gedanken machen, was dort nach der Braunkohle kommt.

Ich setze mich schon lange dafür ein, dass der Staat die Region bei der Strukturförderung stärker in den Blick nimmt.

Was brauchen wir konkret?

Zum Beispiel neue Bahnlinien und eine neue Autobahn durch den Spreewald, um die Unternehmen anzubinden. Denn man braucht einen industriellen Kern in dieser Grenzregion, sonst ist sie nicht attraktiv. Man muss bereit sein, ganz konkret Ansiedlungspolitik zu machen – aber dann kommen wieder andere Probleme auf. Ich misstraue dem Konzept, dass man einfach nur Geld in die Hand nehmen müsste und dann wird alles gut. Es beweist nur, dass diejenigen, die einem vorzeitigen Ende der Braunkohle in der Region das Wort reden, das Ausmaß der sozial- und strukturpolitischen Herausforderungen nicht ansatzweise verstanden haben.

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