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Mittwoch, 24. Januar 2018

Gesundheit

„Rücksichtsloses Gewinnstreben hinterlässt Schäden“

Von Wolfgang Schmitz | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Globalisierung und Automatisierung erzeugen Unsicherheiten. Das kann Menschen krank machen, weiß der Arbeitsmediziner Johannes Siegrist.

Siegrist BU
Foto: panthermedia.net/Monkeybusiness images

Wieder eine schlaflose Nacht. Viele Deutsche nehmen den Stress mit ins Bett und stehen gemeinsam mit ihm auf.

VDI nachrichten: Herr Siegrist, eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse besagt, dass jeder Dritte in Deutschland schlecht schläft. Häufig deshalb, weil er den Arbeitsstress mit ins Bett nimmt.

Foto: Siegrist

Siegrist: Das ist keine neue Erkenntnis. Studien zu Schlafstörungen im Zusammenhang mit Arbeitsstress gibt es seit 20 Jahren. Ich finde aber gut, dass es jetzt wieder zum Thema gemacht wird.

Johannes Siegrist

Gibt es für die zunehmende Arbeitsbelastung eine empirische Evidenz? Oder handelt es sich um eine ideologische Position?

Die wirtschaftliche Globalisierung hat positive wie negative Folgen. Positiv ist das Wirtschaftswachstum, vor allen Dingen der Beschäftigungszuwachs in Schwellenländern und die Wohlstandsmehrung. Auf der anderen Seite gibt es neben den mit dem Wachstum einhergehenden ökologischen Gefährdungen auch negative Effekte auf Befinden und Gesundheit der Erwerbspersonen. Durch die Ausweitung des transnationalen Arbeitsmarktes ist die Konkurrenz größer geworden. Um die Kosten zu senken, hat sich die Lohnkonkurrenz in Hochlohnländern verschärft. Dahinter stehen Strategien wie Stellenabbau, Fusionen und Outsourcing. Mit zunehmender Arbeitsintensität steigt die Arbeitsplatzunsicherheit. Das hat allerdings nicht nur mit der wirtschaftlichen Globalisierung, sondern auch mit dem technischen Fortschritt zu tun, mit Automatisierung und Digitalisierung.

Seit wann gibt es diesen Trend?

Seitdem die wirtschaftliche Globalisierung Fahrt aufgenommen hat. Studien, die über Jahre Beschäftigte verfolgten, haben die zunehmende Arbeitsintensität dokumentiert. Panel-Studien, die in bestimmten Jahresrhythmen Beschäftigte befragen, bestätigen den Trend.

Zieht sich diese Entwicklung quer durch die Hierarchien?

Ja. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Ländern, etwa in Europa, oder nach Branchen, aber wir verzeichnen eine Zunahme von Arbeitsintensität und Arbeitsplatzunsicherheit. Das empfinden heute nicht mehr nur die Randbelegschaften so, die traditionell durch Arbeitsplatzunsicherheit gekennzeichnet sind, sondern zum Teil auch die Kernbelegschaften.

Leiharbeiter zählen zu Randbelegschaften?

Genau, aber auch Geringqualifizierte. Generell gilt: Je tiefer das Qualifikationsniveau, desto häufiger sind Arbeitsintensität und Arbeitsplatzunsicherheit. Bezüglich Arbeitsintensität sind allerdings auch bestimmte höher qualifizierte Gruppen betroffen – nehmen Sie Ärzte, Pfleger ...

Und Ingenieure?

Ingenieure gehören in der Regel zu Kernbelegschaften von Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen. Sie sind also nicht von der Gesamtentwicklung ausgeschlossen.

Wirken sich die gestiegenen Unsicherheiten auf die Gesundheit der Beschäftigten aus?

Allein die Tatsache, dass Intensität und Unsicherheit zugenommen haben, reicht nicht aus, dass Menschen massenhaft erkranken. Was zu Krankheiten führt, sind Konstellationen von stressevozierenden Arbeitsbedingungen. Um die zu identifizieren, braucht man ein sogenanntes theoretisches Modell. Das heißt, man muss aus der Komplexität der Vielfalt der Beziehungen oder der Arbeitsbedingungen diejenigen herausfiltern, die toxisch sind, die „unter die Haut gehen“.

Spielt nicht auch das Private mit hinein?

Ja. Wir fokussieren unsere Forschungen aber auf den Arbeitsbereich. Betroffen sind vor allem Jobs, in denen Zeitdruck und Arbeitsmenge sehr hoch sind und gleichzeitig der Entscheidungsspielraum, also der Kontrollbereich, über den die Person verfügt, begrenzt ist. Das trifft auf Fließbandarbeit zu, aber auch auf viele Dienstleistungsberufe, bei denen der Druck von außen groß ist. Bei diesen Beschäftigten ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Laufe der Jahre eine stressbedingte Erkrankung erleiden, deutlich erhöht.

Manager stehen auch unter Druck.

Ja, aber da sie selbst entscheiden und delegieren können, sind sie besser gewappnet, den Stress zu meistern.

Gibt es weitere Konstellationen, die häufig krank machen?

In unserer Gruppe haben wir das Modell beruflicher Gratifikationsgruppen entwickelt, also hohe Verausgabung bei geringer Belohnung. Belohnung betrifft das Gehalt, aber auch Aufstieg und Arbeitsplatzsicherheit sowie Anerkennung und Wertschätzung. Insgesamt handelt es sich um drei Aspekte: materielle, statusbezogene und sozio-emotionale. Kehren Negativsituationen geringer Belohnung bei hohem Arbeitseinsatz immer wieder, geht das Menschen unter die Haut.

Nicht jeder muss das mitmachen.

Davor zu fliehen, ist extrem schwierig. Viele Menschen haben keine Wahl. Da heißt es: Entweder, du machst das, oder du bist weg. Und es gibt Leute, die in hochkompetitiven Jobs arbeiten. Die sehen sich der Aufforderung gegenüber: Wenn du eine Chance bei uns haben willst, musst du erst mal powern. Dann gibt es Menschen, die sich selbst unter Druck setzen: Ich will der Beste und ganz vorne sein.

Welche gesundheitlichen Folgen sind unter diesen Bedingungen zu erwarten?

Leute, die Arbeitsstress nach den genannten Stressmodellen haben, entwickeln fast doppelt so häufig eine Depression wie Leute, die diesbezüglich nicht belastet sind.

Sie reden ausschließlich von Depressionen.

Der Zusammenhang gilt auch bei Herzinfarkt. Hier ist das Risiko geringer, aber die Erkrankungswahrscheinlichkeit ist etwa um 40 % erhöht. Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland hat einen kritischen Schwellenwert überschritten, bei dem wir von Gefährdung reden. Nach 20 Jahren Forschung können wir leider hierzulande nicht sehen, dass Arbeitsbedingungen verbessert worden sind, um Menschen lange gesund und produktiv zu halten – was nötig wäre, insbesondere vor dem Hintergrund einer rasch alternden Erwerbsgesellschaft.

Wie sieht die Realität in den Unternehmen und im Ländervergleich aus?

Die Situation in Süd- und Osteuropa ist schlechter als hier, Skandinavien ist weiter. In Dänemark werden Arbeitsschutzinspektoren trainiert, auch psychosoziale Aspekte zu berücksichtigen. Sie vergeben Noten an Betriebe, die im Falle einer schlechten Beurteilung Verbesserungen im Gesundheitsmanagement nachweisen müssen. In Deutschland lässt die Umsetzung des neuen Arbeitsschutzgesetzes noch zu wünschen übrig.

Den Betrieben ist Gesundheitsmanagement aber doch nicht unbekannt.

Viele individuelle Projekte sind eine gute Sache. Das ändert aber nichts an den verbesserungswürdigen strukturellen Bedingungen.

Welche Rolle spielt die Führung?

Man müsste nicht nur auf der Ebene der Personalleitung Bewusstsein für gesunde Arbeit schaffen, sondern auch auf der Ebene der Finanzvorstände. Studien haben nachgewiesen, dass schlechte Arbeitsbedingungen das Gewinnspektrum des Unternehmens längerfristig schädigen. Investitionen in gesunde Arbeit lohnen sich.

Großunternehmen bieten in der Regel Gesundheitsprogramme an. Sind die Großen attraktivere Arbeitgeber als die Kleinen?

Ich glaube nicht, dass es eine lineare Beziehung zwischen Umfang der Belegschaft und den Maßnahmen gibt. Kleinunternehmen haben häufig den Vorteil, dass man sich gut kennt und sich gemeinsam Lösungen erarbeiten lassen. Es gibt Zusammenschlüsse von KMUs, die Dienstleistungen wie Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin quasi kollektiv einkaufen. Allerdings sind ihre Ressourcen begrenzt, jede Investition muss sich sofort auszahlen. Deshalb sehen wir unter dem Strich in mittelgroßen Unternehmen die größte Problemverdichtung.

Sind deutsche Unternehmen generell auf einem guten Wege?

 Bewusstsein und Sensibilität gegenüber der Problematik nehmen zu. Wenn es aber eng wird auf dem Arbeitsmarkt, wenn sich Belastungen zuspitzen, wenn sich die Zweiteilung des Arbeitsmarktes in eine privilegierte, relativ gut verdienende Arbeitnehmerschaft einerseits und Randbelegschaften mit Leiharbeit, Zeitverträgen und diskontinuierlichen Arbeitskarrieren zuspitzt, wird es auch bei der Gesundheit eine Zweiklassengesellschaft geben.

Krankt das System?

Ich glaube, dass die hohe Zeit der privatkapitalistischen Wirtschaftsweise überschritten ist. Die Schäden, die wir durch rücksichtslosen Egoismus und rücksichtsloses Gewinnstreben erzeugt haben, werden zusehends größer. Die Einsicht aber, dass es so nicht weitergehen kann, wächst.

In den USA und Osteuropa sieht es aber nicht danach aus.

Was sich momentan in den USA unter Trump abspielt, ist tatsächlich sehr traurig. Meine Kolleginnen und Kollegen dort sind verzweifelt. Die Finanzierung von Forschungen wird erschwert und die meisten Initiativen werden ausgebremst.

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