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Dienstag, 23. Januar 2018

Mobile Payment

Chic statt dick: Smartphones sollen Geldbörsen ersetzen

Von Frank Erdle | 1. August 2014 | Ausgabe 31

Ein stark fragmentierter Markt machte bisher die digitale Geldbörse in Deutschland zum Flop. Groß angelegte Kooperationen zwischen Finanzdienstleistern, Telekommunikationsanbietern und Handelskonzernen sollen den Durchbruch bringen. Es gibt vielversprechende Konzepte.

Einer im Juli veröffentlichten Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zufolge sind aktuell etwa 80 Unternehmen im Mobile-Payment-Markt vertreten. "Es gibt eine starke Fragmentierung und nur wenige Nutzer ", berichtet PwC-Partner Nikolas Beutin. Auch ein B2B-Markt, beispielsweise für den Vertrieb von Auto- oder Industrieersatzteilen, sei derzeit kaum existent. Deshalb erwartet PwC eine Konsolidierungswelle. Nur drei bis fünf Anbieter hätten die Chance, sich bis 2020 zu etablieren.

Aber wer zählt am Ende zu den Gewinnern? Von der deutschen Kreditwirtschaft hat man zum Thema M-Payment zuletzt ziemlich wenig gehört. Die Sparkasse hat 2012 mit dem Roll-out der kontaktlosen Geldkarte "Girogo" begonnen, mit der sich Rechnungsbeträge bis 20 € ohne PIN-Eingabe begleichen lassen.

Die Aktion verläuft zwar nach Plan, wann das System aber im großen Stil auf Mobiltelefone übertragen wird, kann der verantwortliche Öffentlichkeitsarbeiter beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband nicht sagen: "Die Einführung der NFC-Technologie erfolgt schrittweise über mehrere Jahre", so Alexander von Schmettow.

Wesentlich weiter sind da schon die amerikanischen Finanzdienstleister Mastercard und Visa. Mastercard hat bekanntgegeben, dass der Nahfunk NFC bis 2018 von allen 700 000 deutschen Akzeptanzstellen unterstützt werden muss, damit dort auch mit dem Smartphone bezahlt werden kann. Bisher sind weniger als 10 % der Kassen entsprechend ausgerüstet.

Darüber hinaus steht Mastercard ("PayPass") hinter dem Telekom-Dienst "MyWallet", der mit 22 NFC-Handys und 35 000 Akzeptanzstellen in Deutschland wirbt, darunter Filialen von Kaufhof, Aral oder Starbucks. Laut Telekom-Sprecherin Verena Fulde soll diese Zahl bis Ende 2015 auf 200 000 ausgeweitet werden.

Grafik mobile payment

Mobile Payment: Mehr Nutzer, weniger Anbieter. In Deutschland werden bis 2020 immer mehr Menschen mobil bezahlen, sagt eine Studie von PricewaterhouseCoopers. Gleichzeitig werden viele Anbieter von Zahlungslösungen vom Markt verschwinden.

"Schon jetzt können mehr als zwei Millionen Kunden unsere App als mobile Brieftasche nutzen", freut sich Fulde. Wie viele es tatsächlich tun, verrät sie nicht. Auch die anderen Mobilfunkanbieter buhlen mit virtuellen NFC-Geldbörsen um Kundschaft. Vodafone kooperiert mit Visa ("payWave") und bietet 15 NFC-fähige Geräte plus 40 000 Akzeptanzstellen. Telefónica (O2) setzt auf das offene System "mpass" und kooperiert mit Mastercard – genau wie die E-Plus-Marke Base, die gerade ihre eigene "Wallet" gestartet hat.

Noch ist Mobile Payment kein Massenphänomen. "Die Kunden haben klare Anforderungen, die für einen Marktdurchbruch erfüllt sein müssen", weiß der Mobile-Business-Experte Key Pousttchi von der Forschungsgruppe wi-mobile. Der Bezahlvorgang müsse unkompliziert und schnell von der Hand gehen. Außerdem müssten die Daten zu Einkäufen und zugehörigen Kontobewegungen vor dem Zugriff Dritter geschützt sein.

Doch genau diese Daten sind begehrt. Laut Pousttchi geht es um "die Empfehlungsmacht über die Einkäufe des Kunden". Marketingspezialisten sprechen in diesem Zusammenhang von "Predictive Analysis": Wer weiß, was ein Kunde bisher gekauft hat, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen, wofür er sich als nächstes interessiert – und entsprechende Werbung betreiben.

Auch an anderer Stelle wird der Handel eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung des mobilen Bezahlens spielen: an der Kasse. Wer schon mal versucht hat, mit seinem NFC-Handy zu bezahlen, weiß, dass nur wenige Mitarbeiter mit dem Verfahren vertraut sind und fast jedes Funk-Terminal anders aussieht. Hinzu kommt, dass Konsumenten eine ganze Ladung Apps vorhalten müssen, um überall mit dem Smartphone bezahlen zu können, wo die Technik dafür bereitsteht. Selbst die Edeka-Gruppe als größter Verbund im hiesigen Einzelhandel leistet sich für die eigene Marke und die Netto-Märkte zwei Anwendungen. Die bieten immerhin den Vorzug, dass sie mit allen Smartphones nutzbar sind, also ohne NFC-Anbindung.

Vor der Installation jeder Bezahl-App empfiehlt sich allerdings dringend ein Blick auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Anbieters. Nutzer der Netto-App müssen sich beispielsweise mit der Erstellung von personenbezogenen Nutzerprofilen einverstanden erklären. Dazu zählen neben dem Ort und Zeitpunkt jedes Einkaufs auch die erworbenen Waren. Womit wir bei einem der umstrittensten Aspekte des Bezahlens per Handy wären: der Sicherheit.

Tatsächlich sitzt das Misstrauen bei vielen Konsumenten tief: Laut einer Umfrage von TNS Infratest unter 1000 Mobiltelefonbesitzern betrachtet nur gut jeder Fünfte NFC als sichere Technik für das M-Payment. Den relativ weit verbreiteten QR-Codes und dem noch jungen Standard Bluetooth Low Energy misstrauen sogar 90 % der Befragten. Da können die Experten aus der IT oder Finanzwirtschaft noch so oft verkünden, die verfügbaren Funktechnologien erfüllten die höchsten Sicherheitsstandards – König Kunde wartet ab und zückt lieber die vertraute Bankkarte.

Dabei steht die nächste technologische Innovation schon bereit: Paypal gestattet Besitzern eines Samsung Galaxy S5 neuerdings in 25 Ländern, darunter auch Deutschland, Österreich und der Schweiz, ihre Rechnung mit einem simplen Fingerabdruck zu begleichen. Bei der Kommunikation zwischen dem im Gerät verbauten Sensor und dem Cloud-basierten Service von Paypal wird nach Angaben der Ebay-Tochter lediglich ein verschlüsselter Code übermittelt, um die Identität des Nutzers zu prüfen.

Biometrischen Authentifizierungsverfahren gehört die Zukunft – aber wo bleibt Apple? Der iPhone-Erfinder aus Cupertino hat im vergangenen Jahr mit der Einführung der Beacon-Technologie in seinen amerikanischen Shops einen Hype losgetreten.

Inzwischen sind die kleinen Datensender, die über den stromsparenden Bluetooth-Low-Energy-Standard kommunizieren, auch in Europa präsent, zum Beispiel auf der Londoner Einkaufsmeile Oxford Street. Befürworter rühmen die Chancen des "unsichtbaren Bezahlens", das derzeit unter anderem von Paypal getestet wird. Hat der Kunde einmalig per App eingecheckt, kann er nach dem Betreten eines Ladens vom Verkaufspersonal über ein Foto identifiziert werden und muss nur noch mündlich der Bezahlung des gewünschten Artikels zustimmen. Datenschützer kritisieren die Beacons wegen der Lokalisierung jedoch als weiteren Schritt zum gläsernen Kunden.

Dem NFC-Funk hat sich Apple bisher verweigert, aber den Sprung auf den Fahrt aufnehmenden M-Payment-Zug trauen dem Konzern trotzdem viele Insider der IT-Branche zu: Schließlich verfügt der Konzern neben der 2013 eingeführten Fingerprint-Technik TouchID über die Kontodaten von 800 Mio. iTunes-Kunden. Verhandlungen mit prominenten Finanzdienstleistern sollen angeblich schon laufen. Es bleibt also spannend im Kampf um die Handy-Geldbörse.   FRANK ERDLE

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