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Dienstag, 23. Januar 2018

Finanzierung

"Das Vorkrisenniveau haben wir noch nicht wieder erreicht"

Von Dieter W. Heumann | 27. September 2013 | Ausgabe 39

In den vergangenen Jahren haben sich deutsche Mittelständler mit Investitionen stark zurückgehalten. Währungskrise und Rezession in weiten Teilen Europas sorgten in vielen Chefetagen für Verunsicherung. Löst sich der Investitionsstau jetzt auf? Welche Erwartungen haben die Unternehmer an die neue Bundesregierung? Fragen an den Ifo-Forscher Klaus Wohlrabe.

"Das Vorkrisenniveau haben wir noch nicht wieder erreicht"

Erwartungen: Von Angela Merkel, der alten und vermutlich auch neuen Kanzlerin, erhoffen sich Mittelständler eine Steuerreform und eine besser gemanagte Energiewende. Foto: action press

VDI NACHRICHTEN: Herr Wohlrabe, die Bundestagswahl ist gelaufen. Was wünschen sich die Mittelständler jetzt von der neuen Regierung?

Wohlrabe: Unsere Unternehmensumfragen beschäftigen sich nicht mit den wirtschaftlichen Wünschen der Unternehmer. Aber grundsätzlich gilt: Wirtschaftspolitik sollte vorausschaubar sein und gut erklärt werden. Im Einzelnen stehen heute Investitionen in die Infrastruktur ganz oben auf der Prioritätenskala, weil sie eine breite Wirkung für die gesamte Wirtschaft haben. Und mittelfristig erwarten die Unternehmen mit Sicherheit, dass – mit Blick auf die Arbeitsplätze – das Demografieproblem angegangen wird.

In den vergangenen Jahren haben die meisten Firmen kaum investiert. Wird sich das bald ändern?

Die Ausrüstungsinvestitionen sind seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 in der Tat stark eingebrochen. Das Niveau, das wir vor der Krise hatten, ist bis heute noch nicht wieder erreicht worden. Im vergangenen Jahr sind die Ausrüstungsinvestitionen sogar nochmals um real 4 % zurückgegangen.

Woran liegt das?

Die Wirtschafts- und Finanzkrise sowie die Schuldenkrise im Euroraum haben bei den Unternehmen zu einer großen Unsicherheit geführt. Aufgrund der ungewissen Zukunft wurden größere Investitionen zurückgestellt. Es wurden nur noch unaufschiebbare Investitionen, wie etwa Erhaltungs- und Ersatzinvestitionen, vorgenommen.

Neben der Unsicherheit hat aber auch der kalte, bis tief in das Jahr 2013 hineinreichende Winter die wirtschaftliche Tätigkeit ganz allgemein belastet.

Hängt die Verunsicherung nicht auch damit zusammen, dass Schwarz-Gelb die versprochene Steuerreform verschoben hat und die Energiewende nicht gerade rund läuft?

Ja, eine umfassende Steuerreform war angekündigt worden, wurde aber bisher nicht umgesetzt. Die Forderung der Wirtschaft wird aber auf der Agenda bleiben. Ich glaube aber nicht, dass wegen der ausgebliebenen Steuerreform Investitionen unterdrückt worden sind.

Und die Energiewende? Belastet sie das Investitionsklima in Deutschland?

Nein, auch in Irritationen durch die Energiewende sehe ich keine allgemein belastende Investitionsbremse. Anders sieht es bei den unmittelbar Betroffenen aus, also etwa Energieunternehmen. Aber man wird natürlich abwarten müssen, wie sich der Strompreis entwickelt.

Angela Merkel ist gestärkt aus der Wahl hervorgegangen. Aller Voraussicht nach bleibt sie Kanzlerin. Werden die angesprochenen Reformen in den nächsten vier Jahren angepackt?

Da wird man zunächst die Regierungsbildung abwarten müssen. Derzeit ist nur so viel klar, dass die bisherige Regierung nicht fortgeführt wird. Bei den schwierigen Mehrheitsverhältnissen könnte die Regierungsbildung spannend werden und viel Zeit benötigen.  

Nach einer Ifo-Umfrage von Ende 2012 wollten die deutschen Industrieunternehmen ihre Investitionen in diesem Jahr eigentlich steigern und die Produktionskapazitäten erhöhen. Davon spürt man noch nichts, oder?

Das lässt sich schwer beurteilen. Dazu müssen erst die Zahlen für das komplette Jahr abgewartet werden. Ein Aufholprozess bei den Investitionen hat zwar begonnen, aber wie stark er sein wird, bleibt abzuwarten.

Gibt es Branchen, die sich zuletzt mit Investitionen besonders zurückgehalten haben?

Nein, aus den vorliegenden Daten lässt sich das nicht ableiten. Wie gesagt, in den Hauptinvestitionsbranchen Metallverarbeitung, Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektro und Chemie läuft die Produktion noch nicht wieder auf Vorkrisenniveau.

Wie entwickeln sich die Investitionen deutscher Unternehmen außerhalb der Eurozone? In welchen Regionen liegen die Schwerpunkte?

Die Investitionsschwerpunkte hiesiger Unternehmen liegen in den USA, Europa, Asien und Südamerika. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Unternehmen zunehmend im Ausland produzieren. Zum Teil ist dafür die Kundennähe ausschlaggebend. Zum Teil liegt der Grund auch darin, dass für Importe hohe Zölle bezahlt werden müssen. Das gilt etwa für China.

Investitionen werden vielfach von Banken finanziert. Wie leicht kommen industrielle Mittelständler derzeit an Kredite?

Die Kredithürde, die wir monatlich ermitteln, liegt seit etwa zwei Jahren konstant auf relativ niedrigem Niveau. Nur etwa 20 % der befragten Unternehmen berichten über Schwierigkeiten, an benötigte Kredite zu gelangen.

Auch die Kreditzinsen kommen den Firmen entgegen. Sie liegen seit Längerem auf historisch niedrigem Niveau. Dennoch klagen viele Banken über eine schwache Kreditnachfrage. Weshalb?

Weil die jeweiligen Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen nur ein Punkt sind. Wichtiger für die Aufnahme von Krediten sind oft die Ertragsaussichten. Investitionen müssen sich rentieren. Wie schon gesagt waren sich die Unternehmer bis in die jüngste Vergangenheit unsicher beim Blick in die Zukunft. Allerdings steigt derzeit vor allem bei mittelständischen Unternehmen die Nachfrage nach günstigen Geldern aus öffentlichen Förderprogrammen, etwa der KfW.

Aber immer mehr Firmen sind auch in der Lage, Investitionen aus dem zu finanzieren, was sie erwirtschaften. Stirbt der Bankkredit auf lange Sicht?

Nein, der klassische Bankkredit wird auch weiterhin seinen festen Platz in der Finanzierungsstruktur der Unternehmen haben. Auch deshalb, weil er flexibel den individuellen Erfordernissen der Unternehmen angepasst werden kann. Viele andere Finanzierungsformen – vor allem wie wir sie am Kapitalmarkt vorfinden – sind gerade für mittlere und kleine Unternehmen selten oder gar nicht zugänglich.

Wie entwickeln sich die Kreditzinsen? Am langen Ende des Marktes sind sie in den letzten Monaten ja bereits spürbar gestiegen...

Das ist richtig, aber ich glaube, da hat der Markt die Erwartungen an die US-Notenbank Fed vorweggenommen. Man dachte, dass die Notenbanker Mitte September die Ära des billigen Geldes beenden würden. Eingetreten ist aber genau das Gegenteil: Unter Notenbankchef Ben Bernanke wird die Fed in unvermindertem Umfang weiterhin Staatsanleihen ankaufen. Die Märkte werden anhaltend mit Geld geflutet. Ich erwarte daher zunächst keinen – zumindest keinen größeren – Zinsanstieg.   DIETER W. HEUMANN

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