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Mittwoch, 17. Januar 2018

Versicherung

Ruhe vor dem Beitragssturm

Von Stefan Terliesner | 28. August 2015 | Ausgabe 35

In der privaten Krankenversicherung ziehen Gewitterwolken auf. In zwei bis drei Jahren könnten die Beiträge kräftig steigen. Daher dringen die Versicherungsmathematiker auf eine Reform: lieber viele kleine Beitragserhöhungen als eine heftige Entladung mit Blitz und Donner.

BU PKV
Foto: DAK

Die private Krankenversicherung wird teurer. Schuld ist die Niedrigzinsphase.

Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) ist eine mächtige Interessenvertretung. Oft folgt Berlin den Ratschlägen der Versicherungsmathematiker. Diese Tatsache verleiht auch ihrer jüngsten Forderung in Sachen Beitragsstabilität in der privaten Krankenversicherung (PKV) Gewicht. Im Zuge der Reform des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG-Novelle) soll die Beitragsentwicklung verstetigt werden, heißt es in einem aktuellen Schreiben der DAV.

60 Jahre den gleichen Zins

Konkret sollen die „zwei auslösenden Zustände, in denen ein Versicherer die Beiträge überprüfen und gegebenenfalls anpassen muss“, um einen „zusätzlichen auslösenden Faktor“ ergänzt werden. Der Referentenentwurf zur VAG-Novelle gehe in diese Richtung und werde von den Aktuaren „begrüßt“. Die derzeit vom VAG definierten auslösenden Zustände sind: die Abweichung der erwarteten von den einkalkulierten Leistungen um mehr als 10 % und die Abweichung der erforderlichen von den kalkulierten Sterbewahrscheinlichkeiten um mehr als 5 %.

Das Problem der aktuellen Regelung sei die isolierte Betrachtung der Zustände. Auf diese Weise würden die jeweils einzelnen Schwellenwerte teilweise über Jahre nicht erreicht. Dies führe dazu, dass Beitragsanpassungen oft erst spät durchgeführt werden dürften, dann aber deutlich ausfielen. „Dieser Mechanismus benachteiligt insbesondere ältere Versicherte, die bei jeder Beitragssteigerung eine große Erhöhung der Alterungsrückstellung nachfinanzieren müssen“, schreiben die Aktuare. Auf Anfrage sagt Roland Weber, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DAV, dass er in zwei bis drei Jahren einen „starken Beitragssprung“ erwarte. Der Grund sei das Dauerzinstief.

Tatsächlich stammen die Mittel zur Finanzierung der Leistungen aus zwei Quellen: den Erträgen des jeweiligen Versicherers am Kapitalmarkt sowie den Beiträgen seiner Versicherten. Da die Erträge aus der Anlage der Kundengelder wegen der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank wie Schnee in der Sonne schmelzen, nimmt der Aufwärtsdruck bei den Beiträgen zu. In der PKV haben die Anbieter mit jedem Kunden Leistungen vereinbart, die sie nicht kürzen dürfen. Bei den Verwaltungs- und Vertriebskosten der Versicherer ist zwar noch Luft, aber ohne ausreichende Kapitalerträge führen auf Dauer nur höhere Beiträge aus der Klemme. Auch die Ratingagentur Assekurata warnt inzwischen: „Durch Kosteneinsparungen allein lässt sich die Zinsentwicklung nicht vollends auffangen.“

Deshalb schlagen die Aktuare vor, als „zusätzlichen auslösenden Faktor“ für Beitragserhöhungen das Zinsniveau zu berücksichtigen. Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt. Vermutlich wird der Gesetzgeber dem Ersuchen der Mathematiker nachkommen. Die Finanzaufsicht bestätigte bereits: „Noch 2015 will die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht im Rahmen ihres Mandats für den kollektiven Verbraucherschutz und die faire Behandlung der Versicherungsnehmer eine neue Initiative zum Komplex stabile Beiträge auf den Weg bringen.“ Dabei setze sich die Behörde auch mit den Überlegungen der DAV auseinander.

In den vergangenen zwei Jahren gab es in den Haupttarifen kaum Beitragserhöhungen. 2015 gab es sogar etliche Senkungen (Tabelle). Ein Grund ist die Einführung der Unisex-Tarife zum 21. Dezember 2012. Seitdem kalkulieren fast alle Versicherer neue Tarife mit einem Rechnungszins von 2,75 % – also deutlich konservativer als bisher. Die Beiträge der meisten Altverträge werden über ihre Laufzeit mit dem Höchstrechnungszins der Kalkulationsverordnung in Höhe von 3,5 % verzinst. Diesen Satz zu erwirtschaften, fällt den Versicherern immer schwerer – schließlich laufen hochverzinste Altanlagen aus und in der Neu- und Wiederanlage sind kaum noch sichere Renditen in ausreichender Höhe zu erzielen. Georg Reichl von Assekurata geht davon aus, dass 2014 „nur noch sehr wenige“ einen Zins von mehr als 3,5 % erreicht haben. Die BaFin bestätigt dies.

Die Folge: Bei Neutarifen sowie bei Beitragsanpassungen im Bestand müssen die Versicherer mit einem niedrigeren Satz kalkulieren. Denn wird der behördlich festgelegte Höchstrechnungszins nicht mehr erreicht, muss ein neuer höchstens anzusetzender Zins berechnet werden – der aktuarielle Unternehmenszins (siehe Kasten). Gerd Güssler, Geschäftsführer des Informationsdienstes KVpro, betont: „Das Zinstief ist ein Riesenproblem.“ Auch er plädiert dafür, die Kalkulationsverordnung anzupassen, damit die Anbieter bei Bedarf Beiträge in kleinen Schritten anpassen und nicht abrupt in einem großen Sprung. Alles andere sei „falsch verstandener Verbraucherschutz“. Derzeit herrsche in der PKV-Branche Ruhe vor dem Sturm.

  

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