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Mittwoch, 24. Januar 2018

Krankenversicherung

Schock für Privatversicherte

Von Monika Lier | 1. April 2016 | Ausgabe 13

In Deutschland sind fast 9 Mio. Bürger ausschließlich über eine private Krankenversicherung geschützt. Viele von ihnen müssen seit Kurzem bis zu 50 % mehr für ihre Policen bezahlen. Wie konnte es zu dem Prämienschock kommen? Was können Betroffene tun? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

PKV BU
Foto: PantherMedia/Andrey Popov

Au Backe: Viele privat Krankenversicherte müssen deutlich höhere Prämien zahlen. Steigende Lebenserwartung und niedrige Zinsen sind u.a. die Ursache.

Wie stark sind die Prämien gestiegen?

Höchst unterschiedlich. Gerd Güssler, Geschäftsführer des Brancheninformationsdienstes KVpro.de, spricht von „überwiegend moderaten“ Prämienerhöhungen zum 1. Januar 2016. Doch die Deutsche Krankenversicherung (DKV) – hinter der Debeka immerhin die Nummer zwei der Branche – hebt bei den meisten ihrer 800 000 Vollversicherten die Beiträge erst zum 1. April an. Nun stellt sich heraus, dass ihre Kunden in diesem Jahr kräftig zur Kasse gebeten werden. Im Extremfall steigt die Monatsprämie etwa im Tarif BM4 um 49,9 %.

Gebeutelt werden auch viele Kunden der Axa Kranken. Dort steigt zum Beispiel der Tarif Vital 250 für Männer um rund 50 %. Die prozentuale Steigerung bezieht sich bei der Axa dabei nur auf einen Teil des Schutzes. Zahntarif, Tagegeld und Private Pflegepflichtversicherung haben sich nicht verändert.

Welche Kunden sind von den Preiserhöhungen 2016 besonders betroffen?

„Im Wesentlichen sind Kunden von Bisex-Tarifen betroffen“, sagt Clemens Keller, Leiter Krankenversicherung beim Finanzberater MLP. Bei Bisex-Tarifen handelt es sich um geschlechtsspezifische Tarife, die entweder für Männer oder für Frauen konzipiert sind.

Hintergrund: Bis Ende 2012 durften die Versicherer geschlechtsabhängig kalkulieren, seitdem nur noch geschlechtsneutral in Form von Unisex-Tarifen. „Wir sehen hier Nachholeffekte. Wegen der strikten gesetzlichen Vorgaben durfte in den vergangenen Jahren keine Beitragsanpassung erfolgen. Viele Tarife hatten daher jahrelang keine Anpassung,“ erläutert Keller.

Wie sind die hohen Beitragssteigerungen noch zu erklären?

Vor allem durch die Niedrigzinsphase. Versicherer wie die DKV leiden laut Branchenexperten Güssler wegen ihrer hohen Alterungsrückstellung besonders unter der Zinssituation. Die Bisex-Tarife wurden üblicherweise auf Basis 3,5 % Rechnungszins kalkuliert; den Unisex-Tarifen liegen meist niedrigere Werte zugrunde.

Axa verweist neben den stark gesunkenen Zinsen auf die gestiegene Lebenserwartung der Versicherten. Sie sorge dafür, dass der notwendige Aufbau von Alterungsrückstellungen stärker aus eigenen Beiträgen der Kunden geleistet werden müsse. Die stärkere Eigenvorsorge für das Alter erkläre im Durchschnitt nahezu drei Viertel der Beitragsanpassung.

Für welche Kunden sind weitere Beitragssteigerungen absehbar?

MLP-Berater Keller erwartet, dass vor allem Versicherte in älteren Bestandstarifen der Bisex-Gruppe betroffen sein werden. Versicherte, bei denen die Beiträge noch mit 3,5 % Rechnungszins kalkuliert werden, müssen sich deshalb wohl auf weitere Beitragssteigerungen gefasst machen. Wegen der Niedrigzinsen wird diese kalkulierte Größe nicht zu halten sein.

Was können Versicherte bei Beitragssteigerungen tun?

Keller empfiehlt, den privaten Versicherungsschutz und den aktuellen Versicherungsbedarf von unabhängigen Experten prüfen zu lassen. Dabei rät er aber auch zur Vorsicht: Denn die meisten Angebote zur Vertragsoptimierung seien wenig kundenfreundlich. Sie gingen schnell zulasten der Leistungen. Die im Tarifwechselgeschäft tätigen Dienstleister verdienten umso besser, je mehr sie den Beitrag des Kunden absenkten. Ein pauschales Honorar nach erfolgreicher Tarifanpassung sei deshalb empfehlenswert.

Wechseln sollten Kunden vor allem zwischen den Tarifen des gleichen Versicherers. Meist behalten sie nämlich nur dann ihre Alterungsrückstellungen. Wer aber beispielsweise bisher in einem Bisex-Tarif versichert ist, muss sich den Wechsel in einen Unisex-Tarif sehr gut überlegen. Denn er verliert im Rentenalter den Rechtsanspruch auf Wechsel in den Standardtarif. Wer aber hohe Altersrückstellungen gebildet hat, zahlt im Standardtarif deutlich weniger als im Basistarif, der allen privat Versicherten als letzte Lösung offensteht.

Steigen die Preise in anderen Bereichen drastisch – beispielsweise bei Mieten – greift der Staat ein. Sind die hohen Prämiensteigerungen nicht ein Fall für die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin)?

Grundsätzlich nein. Tarife und Prämienerhöhungen müssen von der Bafin nicht genehmigt werden. Im Rahmen ihrer laufenden Aufsicht überwacht sie aber die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen für die Beitragsanpassungen. Für diese gilt: Wenn die Sterblichkeit oder die Ausgaben der Assekuranz für medizinische Leistungen mindestens 5 % von den kalkulierten Kosten abweichen, dürfen die Tarife nach oben oder auch unten angepasst werden.

Über eine Bremse für Beitragsanpassungen – etwa analog zur Mietpreisbremse – müsse politisch entschieden werden, teilt die Bafin auf Anfrage mit. Allerdings habe der Gesetzgeber bereits frühzeitig das Problem steigender Prämien für privat Krankenversicherte im Alter erkannt. Deshalb seien die Versicherer bereits seit Jahren dazu verpflichtet, einen Zuschlag von 10 % auf die Prämien für die Vollversicherung zu erheben.

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