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Sonntag, 18. Februar 2018

Start-up-Porträt

Softwarehersteller Gestigon erkennt den Fingerzeig

Von Mathilda Jordanova-Duda | 1. Februar 2013 | Ausgabe 5

Was malt da gerade der Zeigefinger der rechten Hand in der Luft? Aha, einen Kreis. Diese Erkenntnis lässt sich in Befehle für die berührungslose Steuerung von mobilen Geräten, Navigationssystemen oder digitalen Bildschirmen umsetzen. Möglich macht es die Software von Gestigon, einer Ausgründung der Uni Lübeck. Sie hat gerade ihre erste Finanzierungsrunde mit dem Hightech-Gründerfonds abgeschlossen.

Kuppe, zwei Gelenke und Basis: vier Punkte für jeden Finger. Insgesamt 40 braucht es, um die Skelettstruktur einer Hand darzustellen. Sogar der gesamte Körper kann mit einer solchen Struktur aus Knotenpunkten entlang der Knochen und Gelenke abgebildet werden. Der Schwerpunkt von Softwarehersteller Gestigon sind jedoch die Handbewegungen. Das Ganze funktioniert im Zusammenspiel mit 3D-Kameras, bekannt vor allem aus den Spielekonsolen Wii oder Kinect. Sie geben die menschliche Gestalt wie eine Wolke aus vielen Punkten wieder. Die Kunst ist, daraus korrekt und zuverlässig die beabsichtigten Posen und Gesten herauszufiltern. Gestigon gelingt das, indem die Wolke mit der Skelettstruktur unterlegt wird.

Die Kamera erfasst eine Bewegung im Raum, etwa die eines Fingers, innerhalb von Sekunden. Die Software verfolgt Verschiebungen der einzelnen Knotenpunkte des Skeletts zwischen mehreren "Frames" der 3D-Sensoren und ordnet diese Bewegung einer bestimmten Geste zu.

Welche Geste einen Mausklick oder ein Umblättern simuliert, das legen die Gestigon-Kunden selber fest. Zwar gibt es einen "Wortschatz", der international im Gebrauch ist: im Wesentlichen Wisch-, Vergrößerungs- und Verkleinerungsgesten. "Aber unsere Technologie hat einen extrem hohen Grad an Flexibilität", sagt Moritz von Grotthuss, geschäftsführender Gesellschafter. "Wenn jemand einen Mausklick lieber anders definiert als wir vorschlagen, hat er die Freiheit, das zu tun". Das mache Sinn, weil die berührungslose Steuerung sehr unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten eröffnet. Der Spieler, der sich vor der Konsole verrenkt, führt ganz andere Gesten aus als der Autofahrer, der seinem Radio Befehle per Zeichensprache erteilt.

Vorausgegangen waren über zehn Jahre Forschung am Institut für Neuro- und Bioinformatik an der Universität Lübeck über Time-of-flight-Sensoren. Mit Unterstützung des Programms Exist-Forschungstransfer gründete der Informatiker Sascha Klement zusammen mit den Professoren Erhardt Barth und Thomas Martinetz 2011 Gestigon, um das patentierte Verfahren auf den Markt zu bringen. Im letzten Jahr kam der Jurist und erfahrene Unternehmer Moritz von Grotthuss als weiterer Teilhaber hinzu.

"Mich hat es überzeugt, dass man das Produkt sehen und mit ihm spielen kann", sagt er. "Auf den einschlägigen Messen wie der CES in Las Vegas merkt man, dass sich wahnsinnig viele Unternehmen Gedanken über Gestensteuerung machen. Auf der Welt gibt es nur eine kleine Handvoll Firmen, die beinahe marktreife Lösungen haben – und der Markt ist gigantisch."

Nach eigenen Angaben sind die Lübecker die weltweit einzigen, die bereits Software für Embedded Systems parat haben. Das Start-up will sie demnächst präsentieren. Damit eröffnet die Technologie die Chance, allerlei mobile Geräte, Navigations- und Assistenzsysteme in Fahrzeugen, aber auch Maschinen und Medizintechnik per Wink und Fingerzeig zu bedienen. Weniger Berührung bedeuten mehr Sicherheit und mehr Hygiene.

Die Geste kann auch sinnvoll die Sprachsteuerung ergänzen. "Wenn ich z. B. telefoniere, könnte ich nicht gleichzeitig per Stimme meinen PC bedienen", sagt von Grotthuss. "Gestensteuerung wird kein anderes Interface ersetzen: nicht die Sprache und selbst die Maus nicht. Es ist eine weitere Möglichkeit, welche übergangslos in die Interaktion mit den übrigen Schnittstellen integriert werden kann. Und Gesten sind für uns Menschen weltweit unheimlich intuitiv".

Zurzeit laufen mehrere Pilotprojekte mit Chip-Herstellern, Autozulieferern und in der digitalen Werbung. Kundennamen darf von Grotthuss nicht benennen, doch die ersten Anwendungen werden wahrscheinlich in der zweiten Jahreshälfte so weit sein. Zunächst auf Laptops, Tablets und PCs.

Später werden wir dann Leute beobachten, die auf Straßen oder in Bahnhöfen vor einem Wandboard mit den Armen wedeln, um Informationen abzurufen oder um sich die Wartezeit mit Spielen zu versüßen. "Besonders der Bereich Automotive wird ein großer Treiber sein", ist von Grotthuss überzeugt. "Wobei wir als deutsches Unternehmen einen Standortvorteil haben." Es gehe auch nicht mehr darum, ob etwas machbar und erwünscht sei, sondern lediglich um Detailfragen: "Wo werden die Kameras angebracht? Welche Gesten sind relevant?"

Zusammen mit der Uniklinik für Radiologie und Nuklearmedizin hat Gestigon auch ein System entwickelt, um die Atmung von Patienten in Magnetresonanz- und Computertomographen zu überwachen. Denn Bewegungen verursachen unscharfe Bilder. Das System ersetzt die gebräuchlichen Brustgurte und ist dadurch hygienischer und genauer. Ein gewisses Interesse seitens der Medizintechnik-Hersteller sei da, so von Grotthuss. Doch der Weg von einer funktionierenden Technik hin zu einem zugelassenen Produkt sei lang.

Geld will Gestigon mit Software-Lizenzen verdienen. Der Geschäftsführer sieht hohe Synergiepotenziale: "Lösungen, die für die digitale Werbung draußen entwickelt wurden, sind auch gut im Auto zu gebrauchen, weil es dort ähnlich komplexe Lichtverhältnisse gibt. Und eine Zeigegeste für das Computerspiel kann auch für die digitale Werbung benutzt werden."

Im Dezember 2012 schloss die Firma ihre erste Finanzierungsrunde mit dem Hightech-Gründerfonds und der Mittelstandsbeteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein als Investoren ab. "Wir glauben, dass wir durch die HTGF-Finanzierung und eigene Umsätze den Break-even schaffen werden", sagt von Grotthuss. "Aber es mag notwendig werden, dass wir eine zweite Kapitalrunde machen. Das ist eine Frage der Strategie, und wir diskutieren sie gerade intensiv mit unseren Gesellschaftern und versuchen, einen Fahrplan für die nächsten ein bis zwei Jahre zu vereinbaren." Auf jeden Fall brauchen die Lübecker nun nicht mehr so sehr auf die Reisekosten zu achten. "Wir sind gerade dabei, einen Kundenkreis in Japan, Südkorea, den USA und Europa aufzubauen".  MATHILDA JORDANOVA-DUDA

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