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Samstag, 20. Januar 2018

Geldanlage

Unmögliche Wasserkraftwerke

Von Heinz Wraneschitz | 3. Juni 2016 | Ausgabe 22

Die Pleite mehrerer Ökoenergie-Fonds bleibt fast unbemerkt. Der mutmaßlicher Anlagebetrüger steht derweil wegen Diebstahls vor Gericht.

Foto: Wraneschitz

Statt Büros nur noch die Firmenschilder: Für Anleger ist das meist ein schlechtes Zeichen.

Yaver D. aus Erlangen besitzt ein schwer durchschaubares Firmengeflecht, darunter mehrere Ingenieurunternehmen. Zurzeit steht er in Nürnberg wegen schweren Diebstahls vor dem Amtsgericht. Bald könnte ein Verfahren wegen eines möglichen Anlagebetrugs dazukommen: Jedenfalls haben Hunderte Anleger von „Hydrofonds“ aus D. s Firmengruppe offenbar zig Mio. € verloren.

„Wasserkraft in der Türkei: Stabile und rentable Geldanlage.“ So wurde noch bis Anfang April 2016 auf der Hauptstadtwebseite berlin.de für die „Deutsche Biofonds AG“ geworben. Die hatte mit ihren Fonds Hydropower VI und VII Geld für jene angeblich „rentablen Wasserkraftwerke in der Türkei“ eingesammelt.

Auf einer Energiemesse in Istanbul heißt es von mehreren Firmen: „Wasserkraft der Größenordnung wie von den Hydrofonds geplant, ist in der Türkei nicht mehr ausbaufähig.“ Nur Siemens, in Fondsprospekten als Technikpartner genannt, wollte sich auf der Messe nicht dazu äußern. Der ebenfalls namentlich genannte Voith-Konzern lehnte auf schriftliche Anfrage eine Stellungnahme ab.

Dennoch hätte spätestens vor einem Jahr jeder mitbekommen können: Mit der AG und ihren Fonds stimmt was nicht. Denn im März 2015 hatte Jürgen L. (Name geändert) als Geschäftsführer der Firmen Centauri Holding und Centauri Trust Insolvenzanträge gestellt. Die Centauris wiederum, Töchter der Deutsche Biofonds AG (DBA), dienten auch zur Geschäftsführung der Fonds. Die letzte veröffentlichte Bilanz der DBA bezieht sich auf das Geschäftsjahr 2012. Wer genauer sucht, findet mehrere Namens- und Firmensitzwechsel der DBA – und kommt am Ende auf die Centauri-Insolvenzanträge.

Auch den Anlegern von „Green Energy Turkey“, ebenfalls von D. s Imperium platziert, dürfte inzwischen richtig Angst und Bange sein. Denn für diese zuletzt im noblen Hamburger Harvestehuder Weg ansässige GmbH & Co. KG hat das dortige Amtsgericht im Dezember 2015 eine „Löschungsankündigung“ ausgesprochen.

Laut Prospektversprechen aber hätten die Green-Energy-Turkey-Investoren – die Rede ist allein hier von bis zu 28 Mio. angelegten € – wenige Wochen später, zum Jahresende 2015 ihr Geld zurückbekommen sollen. Doch daraus wurde bis heute offenbar nichts.

Eine Reihe von Anlegern hat inzwischen Klagen gegen verschiedene Fonds eingereicht. Immerhin soll der Schaden bei 20 Mio., 40 Mio.  oder gar 72 Mio. € liegen, je nachdem, welchen Verbraucherschutzanwalt man fragt. Womöglich haben viele Investoren noch nicht mitbekommen, dass ihr Geld futsch sein könnte. Denn Yaver D. hat Firmennamen und Adressen fast so oft gewechselt, wie seine Hemden. Erlangen, Nürnberg, Dortmund, Stuttgart, Hamburg, Zürich: Überall waren oder sind bis heute Trusts, AGs, Holdings, GmbH & Co. KGs eingetragen. Den Firmengründer findet man aber kaum mehr im Register: Offiziell haben jeweils andere Geschäftsführer das Sagen.

Als Beispiel ein Blick auf die Yaver Engineering AG. Das Unternehmen mit Hauptsitz Zürich hieß einst is Industrial Services, wurde um 1990 gegründet. Doch Ende 2014 endete die AG-Geschichte in Deutschland abrupt: „Die Zweigniederlassung wurde aufgehoben“, heißt es vom Registergericht Dortmund. Der Grund: Im Juli 2014 hatte „der Konkursrichter des Bezirksgerichts Zürich über die is Industrial Services AG den Konkurs eröffnet; demnach ist die Gesellschaft aufgelöst“, steht über die „Mutter“ im Schweizer Handelsregister. Dabei suchte Yaver Engineering Deutschland noch im April auf Onlineportalen Personal. Erreichbar war aber nur die Telefonnummer im Büro eines Personaldienstleisters. Denn auch das Ingenieurbüro war mehrfach umgezogen, zuletzt drei Mal in Nürnberg. Doch an keiner dieser Adressen findet man Büros oder Johann C., den letzten Geschäftsführer. Nur Firmenschilder hängen immer noch.

Johann C. ließ in Hamburg jüngst eine „Beratungsgesellschaft mbH“ und vier GmbH und Co. KGs eintragen. Deren Geschäftszwecke lesen sich nahezu genauso wie jene der Yaver-Töchter, von denen sich in Nürnberg jede Spur verliert. C. hat in Hamburg kein reales, sondern „nur ein virtuelles Büro“, wie das Briefkastensekretariat bereitwillig zugibt.

C.s (Ex-) Chef Yaver D. ist zurzeit kaum selbst handlungsfähig: Der Erlanger sitzt in Nürnberg in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm „besonders schweren Fall des Diebstahls“ vor: Er soll Material aus einem Keller gestohlen haben und dabei gefilmt worden sein. Computer, Büroausstattung, Software: Alles Anschaffungen, welche die Centauri-Vorgängergesellschaft Yaver GmbH & Co. KG in den Jahren 2013 und 2014 getätigt hatte. In der Anklageschrift ist der Neuwert der Gegenstände mit 217 162,19 € angegeben. Die Insolvenzverwaltung hatte das Material arrestiert.

Im Nadelstreifenanzug sitzt der große, schlanke 47-jährige Firmengründer auf der Anklagebank der Schöffenkammer im Nürnberger Amtsgericht. Einem Zeugen, der im Auftrag der Insolvenzverwaltung den später leer geräumten Keller fotografiert hat, wirft Yaver D. vor: „Sie waren unberechtigt eingedrungen. Woher wissen Sie denn, dass der Keller von der Centauri gemietet war?“

Eine gute Frage, die offenbar nur D. beantworten kann. Denn rund um die Deutsche Biofonds AG und die Yaver-AGs hat er ein schier undurchdringbares Firmengeflecht errichtet. Doch bei welcher der deutschen Adressen man heute auch immer anruft, entweder bekommt man zu hören: „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Oder die Mitarbeiterin eines Mietsekretariats meldet sich mit „Yaver. Sie wünschen?“ 

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