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Dienstag, 23. Januar 2018

Gentechnik

Biobaumwolle aus Indien in Verruf  

Von Ralph Ahrens | 29. Januar 2010 | Ausgabe 4

Indische Ökobaumwolle soll systematisch mit Fasern gentechnisch veränderter Pflanzen verunreinigt sein, darauf machte vergangene Woche die Financial Times Deutschland aufmerksam. Die Biobranche wehrt sich gegen diese Anschuldigung. Der Biostatus der Biobaumwolle werde immer wieder von Zertifizierern überprüft. VDI nachrichten, Bonn, 29. 1. 10, ber

Die Geschichte begann im Sommer 2008: Biobauern aus einigen Dörfern der indischen Baumwollprovinzen Madhya Pradesh und Maharashtra hatten Saatkörner von gentechnisch veränderter Baumwolle ausgesät - diese Genbaumwolle bildet ein Insektengift des Bakteriums Bazillus thuringiensis (Bt), das gegen den Baumwollkapselwurm wirkt. Es besteht der Verdacht, dass ein Teil der Ernte zu Biobekleidung der Modehäuser H&M und C&A verarbeitet wurde.

Auf diesen Betrug der Bauern wurde die Behörde Apeda aufmerksam. Sie ist für die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte zuständig, überwacht aber auch die Zertifizierer von Bioprodukten. Apeda führte im Herbst 2008 eigene Untersuchungen durch und informierte Anfang 2009 die Öffentlichkeit. Im April 2009 wurden sowohl das Unternehmen Raj EcoFarms, für das die Biobauern arbeiten, als auch die Zertifizierer Ecocert aus Frankreich und Control Union aus den Niederlanden mit Geldbußen verwarnt. Beide Zertifizierer hatten Baumwolle von Raj EcoFarms kontrolliert.

Es sei also nichts vertuscht worden, sagte Markus Arbenz, Geschäftsführer von IFOAM, dem weltweiten Dachverband der Bioanbauern mit Sitz in Bonn. Im Gegenteil zeige das Beispiel, dass die Kontrolle des Ökoanbaus funktioniert.

Biobaumwolle mit strengen Standards

Er sieht auch keine systematische Verunreinigung der Bioware. Untersuchungen des Labors Impetus in Bremerhaven zeigten zwar, dass in fast jeder dritten Baumwollprobe aus Indien gentechnisch verändertes Material gefunden wird, "es waren aber Verdachtsproben", betonte Arbenz.

Auch H&M spricht vom Einzelfall. Das Modehaus arbeitet mit dem Zertifizierer Control Union zusammen und wusste Bescheid. Da keine Gefahr für die Gesundheit bestand, hatte H&M die deutsche Öffentlichkeit nicht informiert.

Das Modehaus betont, dass nach derzeitigem Kenntnisstand keine Bioware - die H&M unter dem Eigenlabel Organic Cotton verkauft - Fasern aus transgener Baumwolle enthält. Aus Kulanz könnten Kunden aber Biokleidung aus Indien oder Bangladesh zurückgeben.

Dennoch: Verunreinigungen sind in Indien kaum zu vermeiden. Mehr als drei Viertel aller Baumwolle stammen von transgenen Pflanzen - der Anteil der Bioware liegt unter 5 %.

Arbenz nennt ein Beispiel aus der Praxis: "Wenn man in einem Lastwagen Baumwolle transportiert, wo vorher schon genveränderte Baumwolle transportiert worden ist, kann es zu Vermischungen kommen." Auch bei der Weiterverarbeitung, etwa beim Spinnen oder Färben, kann Bioware mit Genbaumwolle in Kontakt kommen.

Der Biostatus der Biobaumwolle wird daher während der Weiterverarbeitung immer wieder überprüft. "Zertifzierer nutzen dazu Gentests und Warenbegleitpapiere", erklärt Mecki Naschke. Sie leitet die Textilabteilung im Institut für Marktökologie (IMO), dem größten Zertifizierer von Ökoware im deutschsprachigem Raum mit Sitz in Weinfelden, Schweiz.

Die Aussagekraft der Gentests sei jedoch begrenzt: Gentechnische Verunreinigungen könnten nur bei Pflanzen auf dem Feld und in Entkernungsanlagen, wo die Fasern von den Zellkernen getrennt werden, sicher quantifiziert werden. Nach jedem Verarbeitungsschritt fällt es schwerer, den Grad einer Verunreinigung sicher festzustellen. Das aber sei wichtig für den Biostatus, so Naschke (s. Kasten).

Eine weitere Verunreinigungsquelle ärgert Naschke besonders. Der Agrarkonzern Monsanto verschenkt Saatgut von genveränderter Baumwolle an Biobauern. "Das ist unlauter", schimpft Naschke.

Ab und an fällt das aber auf - so etwa bei einer Kontrolle von Ökobauern im indischen Bundesstaat Orissa durch Naschkes Kollegen: IMO-Indien hat sofort jene Bauern, die die Genbaumwolle anpflanzten, für drei Jahre vom Projekt ausgeschlossen. Sie mussten zudem die Pflanzen vernichten, um zu verhindern, dass sich die Genbaumwolle neu aussät oder andere Pflanzen bestäubt.

Trotz dieser Widrigkeiten hält Arbenz den Biobaumwollanbau aus Indien weiterhin für sinnvoll - immerhin stammt rund die Hälfte der Ökobaumwolle aus dem Subkontinent - und auch realistisch. "Indien ist ein riesiges Land." Solange es Gebiete gibt, wo nur Biobaumwolle wächst, sei das kein Problem.

Und Naschke betont: Wer weiterhin Biokleidung ohne Fasern gentechnisch veränderter Baumwolle kaufen wolle, sollten dennoch zu Bioware greifen. "Andere Baumwollware aus Indien enthält mit hoher Wahrscheinlichkeit Fasern aus genetisch veränderter Baumwolle." RALPH AHRENS

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