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Samstag, 20. Januar 2018

Nachwachsende Rohstoffe

China setzt auf Stroh im Tank

Von Jan Höhn | 24. September 2010 | Ausgabe 38

Angesichts von Naturkatastrophen wie dem jüngsten Indus-Hochwasser in Pakistan geraten Biokraftstoffe der ersten Generation, der Sprit aus Nahrungsmitteln, erneut ins Gerede. Auch in China, wo seit Mitte des vorigen Jahrzehntes resolut auf grüne Treibstoffe für Fahrzeuge gesetzt wird. In Zukunft soll das Land auf Pflanzenmüll setzen. Der Wettlauf um die richtigen Technologien ist in vollem Gang.

"China muss unbedingt Treibstofftechnologien entwickeln, die ohne Nahrungsmittel funktionieren", sagt Li Shizhong, Professor für Bioenergie der Tsinghua Universität in Peking. "Bis zur vollen Kommerzialisierung der auf Zellulose basierenden Ethanoltechnologie, die genau das bringt, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Aber die Richtung stimmt." Nach Angaben von Li und Insidern der Gruppen Cofco und Sinopec, die an dieser Biosprittechnologie der zweiten Generation arbeiten, dürften es drei bis fünf Jahre bis zur Kommerzialisierung sein.

Damit sind zwei große chinesische Spieler mit im globalen Biosprit-Rennen: Sinopec vereint das chinesische Öl- und Chemiegeschäft und ist mit 187 Mrd. $ Umsatz die Nummer sieben auf der diesjährigen Liste der globalen Fortune 500. Cofco liegt mit 26 Mrd. $ Umsatz auf Platz 312 und ist eine der weltgrößten Agrarhandelsgruppen.

Bereits Anfang August hatte die größte Vereinigung der privaten Ölindustrie Chinas, das Petroleum Flow Committee of China General Chamber of Commerce (PFCGCC), von der National Development and Reform Commission (NDRC) gefordert, Biokraftstoffe der ersten Generation nicht mehr länger zu fördern. Den Nahrungsmittel-Treibstoffgeschäften sei ein Riegel vorzuschieben, die finanziellen Ressourcen seien in die zweite und dritte Biospritgeneration zu schleusen. Die bisherige Politik habe nur die Getreidepreise nach oben getrieben, zudem sei der Treibstoffbeitrag des pflanzlichen Ethanols lächerlich gering an dem gesamten Verbrauch des Landes. Das rechtfertige das Verschleudern wertvoller landwirtschaftlicher Nutzflächen für diese Zwecke nicht, monierte Zhao Youshan, Präsident der PFCGCC. Zhao hat dabei auch die dritte Biokraftstoffgeneration im Auge, die auf fetthaltigen Algen basiert.

Mit dem chinesischen Schwenk kommt neue Dynamik in die internationale Konkurrenz. Die Frage ist: Wer entwickelt die neuen Technologien am schnellsten; und vor allem: Wer hat den längsten finanziellen Atem. China könnte das technologische Rennen beeinflussen.

"China wird bei den Biofuels dominieren, weil sie auch alle verfügbaren grünen Energieoptionen voll ausreizen müssen und Geld weit weniger eine Rolle spielt als anderswo", meinte David Hewitt, Energieanalyst für Asien der Investmentbank CLSA in Hongkong, auf dem Investors'' Forum der CLSA letzte Woche in Hongkong.

"Das Ethanolgeschäft hat eine große Zukunft und wir erwarten, dass uns die Regierung auch weiterhin unter die Arme greift", lässt Guo Shunjie wissen, Direktor des Bereiches Biochemie und Bioenergie der Cofco. "Peking gewährt steuerliche Vorteile und Subventionen. Das bringt die Kommerzialisierung im großen Stil", fügt er gelassen hinzu. Vater Staat wird es richten. "China spielt auch hier alle verfügbaren Vorteile aus. Wenn auch die Biokraftstoffe in zwanzig Jahre sicher nicht mehr als 10 % des Treibstoffs bringen, wird das sicher vor allem Fahrzeuge in chinesischen Landen bewegen", schätzt Matthias Fawer, Energieanalyst der Bank Sarasin in Basel.

Neulinge im Geschäft mit Biokraftstoffen haben es nicht leicht. Technologie allein reicht nicht, wie das Beispiel des US-Start-ups Gevo zeigt, das Abfälle und Zellulose in Biosprit umwandeln kann. Es braucht Produktionsanlagen und die kosten. So kaufte Gevo im August für knapp 21 Mio. $ eine Ethanolfabrik, die jetzt für 17 Mio. $ umgerüstet werden soll. Experten wundert es daher nicht, dass kurz darauf Gevo bekannt gab, noch 2010 durch einen Börsengang 150 Mio. $ einfahren zu wollen.

Nun bleibt Skepsis, Investoren halten sich zurzeit zurück. Codexis, US-Hersteller von Mikroben und Katalysatoren für die Biospriterzeugung, erlöste beim eigene Börsengang 78 Mio. $, 100 Mio. $ waren erwartet worden.

Die chinesische Konkurrenz darf da auf stabilere Rahmenbedingungen hoffen. Derzeit werkeln fünf gewichtigere Biospritfirmen in chinesischen Landen. Sie bringen jährlich um die 1,7 Mio. t Ethanol auf den Markt, zumeist gewonnen aus Mais und Weizen. Cofco oder Sinopec sind Eigner oder Teileigner von vier dieser Unternehmen.

Geld und politischer Wille reichen dennoch allein nicht aus, um nötige technologische und wirtschaftliche Durchbrüche zu produzieren. Cofco und Sinopec brauchen gute Bioengineering-Partner. Gewonnen wurde die dänische Novozymes. Gemeinsam soll nun im Herbst kommenden Jahres eine Pilotanlage in Betrieb gehen. 10 000 t Bioethanol im Jahr soll sie herstellen. Die Höhe der herausgelegten Investitionen ist ein Staatsgeheimnis.

Nach Li liegen die Kosten der Tonne Äthylen aus Zellulose derzeit bei 900 €, in den USA seien es 600 €. Dennoch wurde Boden gutgemacht. Guo: "Die Herstellungskosten konnten in den letzten Jahren enorm heruntergebracht werden."

Zhu Xiaoqing nickt zustimmend. "Wir wollen den Preis sehr wohl an den der herkömmlichen Treibstoffe heranbringen", versichert der Sprecher der Novozymes in Peking. "Aber in einer ersten Phase rechnen auch wir mit staatlichen Subventionen. Wie die Konkurrenten anderswo in der Welt."

Auch im Bereich des Biokraftstoffe der 3. Generation, Sprit aus Algen, sind die Chinesen aktiv. Wang Tianpu, der Präsident der Sinopec, sagt, dass seine Gruppe bereits seit drei Jahren auch an der Algentechnologie arbeite. Sinopec betreibt landesweit in China über 20 000 Tankstellen, die mit den Treibstoffgemischen der Gruppe beliefert werden. Die Gruppe deckt in China damit die gesamte Wertschöpfungskette in Sachen Biokraftstoffe ab, von der Forschung über die Herstellung bis zur Vermarktung.

Der dänische Sinopec-Partner Novozymes hält sich bei den Algen zurück. Zumindest vorerst. Zhu: "Unser Fokus sind eindeutig die Enzyme und die Ethylengewinnung aus Pflanzenabfall. Die dritte Generation ist vielleicht in Sicht – aber noch lange nicht in Reichweite."

Professor Joel Cuello an der University of Arizona, einer der weltweiten Vorreiterinstitutionen beim Treibstoff aus Algen, ist optimistischer. In fünf Jahren könnte dieser Biosprit bereits die Marktkarriere starten, meint er. JAN HÖHN

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