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Dienstag, 23. Januar 2018

Medien

"Da braucht man einen langen Atem"

Von Wilfried Urbe | 4. Januar 2013 | Ausgabe 1

Seit gut einem Jahr ist Konstantin Neven DuMont mit seinem interaktiven Web-Magazin Evidero online. Über die Probleme, online Geld zu verdienen und die Veränderungen der Presselandschaft spricht der Verlegersohn mit den VDI nachrichten.

VDI nachrichten: Warum verlieren journalistische Printerzeugnisse offenbar immer mehr ihre wirtschaftliche Grundlage?

Neven DuMont: Einerseits erleben wir die Entwicklung der Technologie mit der Digitalisierung. Dadurch verliert die Nachricht an refinanzierbarem Wert. Andererseits: Die Presse muss wieder mehr als unabhängige Instanz Missstände aufdecken. Dafür wurde sie von den Lesern schon immer goutiert. Wird diese Aufgabe nicht mehr wahrgenommen, verliert die Presse an Glaubwürdigkeit.

Verlegersohn auf eigenen Pfaden

Ist das denn jetzt der Fall?

Wir haben in der Debatte um das Leistungsschutzrecht feststellen müssen, dass die Printmedien in eigener Sache manipulierend berichtet haben. Das haben die Kritiker ausgeschlachtet, wobei Google mit ähnlichen Mitteln arbeitete. Die Presse ist immer noch das glaubwürdigste Medium, und das darf jetzt auf keinen Fall gefährdet werden. Dazu kommt ein Kostendruck, der zu ausgedünnten Redaktionen führt, was auch die Qualität der Inhalte heruntersetzt. Und was kommt danach, wenn die Alteingesessenen kippen? Diese Frage ist offen. Führt das zu einer aufgeklärteren Welt oder nicht? Was die breite Masse angeht, wage ich das zu bezweifeln.

Neben der Glaubwürdigkeitsfrage scheint doch die Digitalisierung die größte Bedrohung für die Printmedien zu sein. Warum?

Die Rubrikenmärkte beispielsweise sind mittlerweile zum großen Teil weggebrochen. Auch Jobbörsen und Immobilienanzeigen. Die entsprechenden Märkte sind von Playern wie der Scout-Gruppe übernommen worden. Allerdings kann man von einem deutschen Verlag nicht erwarten, dass er Produkte auf den Markt bringt, vergleichbar mit denen von Amazon oder Apple.

Sollten die Verlage angesichts dieser Einschätzung nicht ihre Onlineverwertung ausbauen?

Wenn man sich die alten Medien wegdenkt, ist die Frage nach der Refinanzierung des Onlinejournalisten im Netz, abgesehen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, noch nicht gelöst. Paid Content hat sich noch nicht durchgesetzt. Die Verlage haben es versäumt, ein einfaches gemeinsames Bezahlsystem einzuführen, etwa mit Beträgen im Cent-Bereich. Dazu kommt das Bewusstsein vieler User, dass Inhalte im Internet generell kostenlos zu haben sein sollten. Wenn ich mir die Auseinandersetzung im Leistungsschutzrecht anschaue, haben beide Seiten aus meiner Sicht überzogen. Aber auch die Befürworter etwa bei der Piratenpartei haben noch nicht die Frage klären können, wovon ein Journalist leben soll, der seine Inhalte im Internet kostenfrei zur Verfügung stellt.

Haben Sie eine Antwort auf diese Frage?

Es muss ein Bewusstseinswechsel einsetzen, mit der Bereitschaft, einen Journalisten für seine Arbeit zu bezahlen. Aktuell reichen die Printerlöse noch aus, um die Onlineinhalte quer zu subventionieren. Es ist zweifelhaft, dass die Werbefinanzierung im Internet genügt, denn die Werbeplätze dort sind im Grunde unendlich vorhanden. Wenn sich auch im Journalismus der Niedriglohnsektor durchsetzt, und die Journalisten nicht mehr davon leben und ihre Familien ernähren können, es zu einer Hobby- oder Nebentätigkeit wird, dann können wir uns vom Qualitätsjournalismus verabschieden. Bei den großen Verlagen kommt es darauf an, dass sie rentable Onlinemodelle aufsetzen, bevor die Printumsätze komplett in den Keller gerasselt sind. Sie müssen jetzt mit Paid Content experimentieren. Wenn man aber erstmal zahlreiche Formulare ausfüllen muss, um an die Inhalte zu gelangen, da vergeht einem die Lust. Bei der Financial Times in London beispielsweise ist eine bestimmte Anzahl von Artikeln umsonst, dann muss bezahlt werden. Das halte ich für eine gute Idee.

Was halten Sie von staatlicher Unterstützung, wenn es um Qualitätsjournalismus geht?

Stiftungsmodelle aller Art halte ich für weniger geeignet. Sicher ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk Garant für eine gewisse Qualität, allerdings mit einer unschönen politischen Einflussnahme. Und zur Hauptsendezeit sind sie ganz brav. Brisante Themen spielen sich dort häufig erst nach 23 Uhr ab.

Wie sind die Erfahrungen mit Ihrem eigenen Portal "Evidero", das Sie vor einem Jahr gestartet haben?

Es wurde inhaltlich angenommen. Was die Monetarisierung angeht, ist das Konzept nicht aufgegangen. Allerdings muss man sagen, dass Portale wie Spiegel Online, die schon Gewinne machen, immer noch Ressourcen der Printbasis, etwa Beiträge, nutzen. Daher ist es fraglich, ob diese Angebote sich, was den Onlinebereich angeht, selbst finanzieren. Bei speziellen Angeboten läuft das besser, etwa Peter Turi, oder Sascha Pallenberg, der über technische Geräte berichtet. Die können mit ihren Ministrukturen wirtschaftlich agieren.

Wie werden Sie bei Ihrem Portal jetzt weiter vorgehen?

Die große Herausforderung ist, ein Portal bekannt zu machen. Wenn es gelingt, strategische Partnerschaften einzugehen, dann kann es funktionieren. Die Etablierung einer Medienmarke dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Innerhalb von ein bis zwei Jahren kann man nicht erwarten, dass sich eine neue Medienmarke durchsetzt. Da braucht man einen langen Atem. Wir schätzen, dass wir über 300 000 Visits monatlich benötigen, damit sich das Portal refinanziert. Aktuell sind wir noch weit davon entfernt. Aber mit unserer Neuausrichtung werden wir mehr in Richtung Lebenshilfe gehen, mit Hinweisen zur Steigerung der Lebensqualität. Der Mensch soll mehr im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen. Denn die Bevölkerung zweifelt immer mehr am Funktionieren des Staates und seiner Subsysteme. Das führt dazu, dass sich zunehmend mehr Menschen überlegen, wie sie sich in eigener Initiative auf Herausforderungen vorbereiten können. Und hier setzen wir an.

Was planen Sie selbst für die weitere Zukunft?

Auch wenn ich meinen Einfluss bei M. DuMont Schauberg verloren habe, hoffe ich, zumindest einen Platz im Aufsichtsrat in unserem Familienunternehmen zu erhalten. Ich fühle ich mich dem Verlag natürlich weiterhin verbunden und glaube, dass gerade jemand mit einer anderen Meinung ein gutes Gegengewicht im Aufsichtsrat bilden kann. Solche Gremien dienen Unternehmen besser, wenn dort verschiedene Charaktere und Meinungen versammelt sind. Unabhängig davon werden meine Einnahmen im Immobilienbereich immer wichtiger für mich. Ich entwickle, baue und vermiete Häuser in zukunftsfähigen Lagen. Diese Arbeit macht mir viel Freude.  WILFRIED URBE

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