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Montag, 22. Januar 2018

Arbeit

Der gläserne Arbeiter

Von Iestyn Hartbrich | 27. Februar 2015 | Ausgabe 09

Die Industrie 4.0 soll Unternehmen produktiver machen. Die Werker könnten darunter leiden. Denn je mehr Sensoren in den Fabriken Daten sammeln, desto größer die Gefahr der Überwachung. Ein Szenario.

Zukunft BU Arbeiter
Foto: Foto [M]: mojivecka/PantherMedia/VDIn

Wir schreiben das Jahr 2025. In einer Zukunftsfabrik, irgendwo in Baden-Württemberg oder Ostwestfalen, zieht sich ein Werker seine Arbeitshandschuhe an. Nennen wir den Werker Jakob Peters.

Kamera an: Wir sehen Jakob Peters an einen niedrigen Tisch treten, auf dem ein schweres Metallteil liegt, ein Getriebe vielleicht. Noch einmal schnauft er durch, bückt sich und wuchtet den Metallklotz hoch. Mit aufgeblasenen Wangen und hochrotem Kopf schleppt er ihn zu einem Wagen, der wenige Meter entfernt im Gang der Werkhalle auf ihn wartet. Der kurze Weg reicht, um ihm den Schweiß auf die Stirn zu treiben.

Eine Woche später erhält Jakob Peters einen Brief, in dem ihm seine Krankenversicherung mitteilt, dass er von nun an 120 € im Monat mehr zahlen muss. Den stechenden Schmerz im Rücken, nachdem er das Getriebe abgesetzt hatte, hat er längst vergessen. Und er ahnt deshalb nicht einmal, dass er überwacht wird.

Der Werker, der Rücken, die Krankenkasse: Wird es wirklich soweit kommen? Heute, zu Beginn des Jahres 2015, lässt sich die Frage weder bejahen noch verneinen. Klar ist aber schon jetzt, dass sich in den kommenden Jahren, lange vor 2025 jedenfalls, entscheidet, wie die Antwort ausfallen wird.

Und das hat vor allem mit der Industrie 4.0 zu tun, an der die Unternehmen und Forschungseinrichtungen derzeit so fieberhaft arbeiten. Unter diesem Begriff verstehen Ingenieure die Art und Weise, wie in künftigen Fabriken Güter hergestellt werden – von Menschen wie Jakob Peters.

Unzählige Sensoren werden nötig sein, damit die Industrie 4.0 ihr wichtigstes Versprechen einlösen kann: die Vernetzung. Von Motoren, von Maschinen – und von Menschen natürlich. Sie alle sollen im virtuellen Raum miteinander Informationen teilen. Und dafür brauchen die Firmen eine ungeheure Anzahl von Kameras, Kraftmessdosen und Drehgebern. Aus Fabriken, so die Vision, sollen mit der Zeit Organismen werden, in denen jeder Teil weiß, was der andere macht. Sensoren      bilden das Nervensystem dieser Zukunftsfabrik.

Wenn alles gut geht mit der Industrie 4.0, werden die Unternehmen in Zukunft viel effizienter produzieren als heute. Produktionswissenschaftler und Technikchefs sprechen von 20 % bis 30 % mehr Produktivität. Für die ohnehin schon effizienten deutschen Hightech-Firmen wären das Welten. Aber soweit ist es noch lange nicht, auch wenn das auf so manchem Kongress schon ganz anders klingt.

Eine Industrie-4.0-Tagung im Jahr 2015, hochrangig besetzt, der Geruch von Konferenzkaffee liegt in der Luft. Die Besucher stehen in Trauben zusammen. Es gongt und man nimmt seinen Platz ein. Hinter das Rednerpult tritt der Dortmunder Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen, der die Auswirkungen der Industrie 4.0 auf die menschliche Arbeit erforscht. Er ist der einzige Sozialwissenschaftler unter den Vortragenden – wie eigentlich immer auf solchen Veranstaltungen. Und Hirsch-Kreinsen nähert sich seinem Thema behutsam. Ein bisschen klingt das als wolle er seine Kollegen aus den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften bei den Grundbegriffen seiner eigenen Disziplin abholen. Was er dann sagt, hebt sich ab von der ungetrübten Zuversicht ringsum.

„All die Erwartungen, die an Industrie 4.0 geknüpft werden, der Mehrwert, der sich ergibt, wenn Daten intelligent ausgewertet werden“, sagt er, „all diese Hoffnungen sind zur Zeit nichts weiter als Szenarien. Doch wer sagt, dass es nicht auch Negativszenarien, zum Beispiel im Hinblick auf große Akzeptanzprobleme, geben kann?“

Wo Daten gesammelt werden, können sie auch zugeordnet werden

Diese Frage macht den Forscher Hirsch-Kreinsen zum Exoten in dieser frühen Phase auf dem Weg zur Produktionsweise der Zukunft. Er ist einer der wenigen, die Zweifel äußern, ob die Industrie 4.0 bei den Fabrikarbeitern gut ankommt, während die anderen die wirtschaftlichen und technologischen Potenziale betonen. „Das Thema der Überwachungsmöglichkeiten wird in der öffentlichen Diskussion um die Industrie 4.0 bislang erstaunlicherweise vernachlässigt“, sagt er. „Die Gefahr sehe ich darin, dass zum Nachteil des einzelnen Mitarbeiters Daten personalisiert erhoben werden.“

Schwenk zurück auf Jakob Peters. Die Angst des Werkers vor lückenloser Überwachung und ihren Folgen bei der Krankenkasse: Viel gehört nicht dazu, sich das auszumalen. Denn wo Daten gesammelt werden, können sie auch zugeordnet werden, nicht nur Maschinen, sondern eben auch Menschen. Das Ergebnis im schlimmsten Fall: Eine riesige Datei für jeden Werker, in der alles, aber auch wirklich alles über ihn gespeichert werden könnte.

Ein Horrorszenario ist das für alle, die in der Produktion arbeiten, aber keinesfalls ein besonders unrealistisches. Denn was es braucht, um Fabrikarbeiter zu überwachen, ist bereits heute, im Jahr 2015, Stand der Technik. Und ständig erweitern neue Sensoren und neue Methoden der Datenverarbeitung das Repertoire derjenigen, die überwachen wollen.

Stuttgart, im Bewegungslabor des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA). Ein junger Wissenschaftler läuft gemessenen Schrittes mitten durch den Raum. Sein Kollege blickt währenddessen auf seinen Monitor. Was dort zu sehen ist, ähnelt auf den ersten Blick einem dreidimensionalen Strichmännchen. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass das Strichmännchen sich genau so bewegt wie der laufende IPA-Forscher. Es ist ein Abbild in Gitterform, aufgezeichnet durch Kameras an den Wänden und vermessen durch Hightech-Sensoren im Boden.

Für die beiden Wissenschaftler im Bewegungslabor ist das Routine, zigfach eingeübt. Sie haben es in der Diagnose ihrer beider Gangbilder zur Meisterschaft gebracht. Ob langsam oder schnell, aufrecht oder gebückt, schreitend oder hinkend: Die Kraft- und Momentensensoren im Boden bemerken alles. Übertragen auf die Fabrik wäre es in einigen Jahren wohl möglich, unseren Werker Jakob Peters am Gang zu erkennen.

Wissenschaftler vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern erforschen derzeit in einem anderen Projekt, wie sich mithilfe von Beschleunigungssensoren die Bewegungen eines Arbeiters im Hinblick auf ihre Ergonomie hin untersuchen lassen. Sogar eine Ergonomiepunkteskala haben sie dafür erfunden.

Den Forschungsprojekten ist eines gemein: Sie zielen darauf ab, Arbeitsplätze ergonomisch zu gestalten, damit sich die Werker nicht ihre Rücken kaputt machen. Beide Projekte sind nicht dafür gedacht, die Bewegungen von Werkern in Echtzeit zu überprüfen. Doch das ist das Los der Forschung: Der Forscher weiß nie, was einmal aus seinen Ergebnissen wird. Wie seine Forschung missbraucht werden kann.

Zu leugnen, dass Arbeitgeber ein Interesse an Überwachung entwickeln können, wäre naiv. Es gibt einfach zu viele Beispiele. Die Supermarktkette Lidl und der Versandhändler Amazon etwa haben systematisch Daten Ihrer Mitarbeiter zu deren Nachteil gesammelt und analysiert. Gerade erst schaffte es ein Fall vor das Bundesarbeitsgericht: Ein Arbeitgeber hatte einen Detektiv beauftragt, eine kranke Sekretärin zu filmen.

Was hat der Einzelne in den vergangenen Jahren geleistet? Wie oft hat er sein Smartphone während der Arbeit für private Zwecke genutzt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er aufgrund seiner ihm eigenen Motorik früh an Arthrose erkrankt? Der gläserne Werker ist geboren.

Als erstes könnte es die Schwächsten treffen: Leiharbeiter

Bernd Bienzeisler, der am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart die Arbeit von Industriedienstleistern erforscht, beschwört die Gefahren der Echtzeitkontrolle der Arbeitsleistung durch IT-Technologie. Schwappt der Trend zur Überwachung aus den Supermärkten und Lagerhallen in die Fabriken, könnte es seiner Ansicht nach zuerst die Schwächsten treffen: die bei Leiharbeitsfirmen Beschäftigten. „Muss ein Arbeiter, der zehn Wochen hintereinander weniger geleistet hat als sein Kollege in Zukunft für weniger Geld arbeiten? Das ist denkbar und es wäre eine Katastrophe“, sagt der Wissenschaftler. Bienzeisler spricht von „moderner Tagelöhnerschaft“, entfacht durch die Macht der Arbeitsvermittler, Zeitarbeitsfirmen etwa. „Sie kennen den Bedarf nach Arbeit auf der einen Seite und die Fähigkeiten und Qualifikationen der Arbeitssuchenden auf der anderen Seite in Echtzeit“, sagt der Wissenschaftler und warnt: „Es droht nun ein Unterbietungskampf, in dem sich Arbeiter gegenseitig ausstechen müssen. Das ähnelt dem Prinzip der Webseite my-hammer.de, auf der Handwerker ihre Arbeit selbst bepreisen können.“

Mit den klassischen Methoden der Arbeitsforschung lässt sich in der Industrie 4.0 die „moderne Tagelöhnerschaft“ nicht mehr verhindern. Der Beruf von Wissenschaftlern wie Bernd Bienzeisler hat sich deshalb von Grund auf verändert. „Die Arbeitsforschung war früher getrieben durch schlechte Arbeitsbedingungen“, sagt der Forscher. „Heute – und das ist neu – ist sie zukunftsgerichtet. Sie soll verhindern, dass neue Technologien zum Nachteil der Arbeiter ausgenutzt werden.“

Ob das reichen wird, um Arbeiter wie Jakob Peters vor Überwachung zu schützen? Nicht ohne die Einsicht der Arbeitgeber. Kamera aus!

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