Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Sonntag, 20. Januar 2019

Innovationskultur

„Deutsche Unternehmen brauchen mehr Mut“

Von Claudia Burger | 28. November 2014 | Ausgabe 48

Deutschlands Unternehmen gehören zu den innovativsten weltweit. Dennoch sollten sie Querdenkern und ihren Ideen mehr Gehör schenken. Nur so lässt sich dauerhaft eine innovationsfreundliche Firmenkultur schaffen. Ohne sie setzt die deutsche Industrie ihren Vorsprung im internationalen Wettbewerb aufs Spiel, findet Matthias L. Wolfgruber, Vorstandsvorsitzender des Spezialchemiekonzerns Altana.

BU-Altana
Foto: Altana AG

Matthias Wolfgruber fordert eine tolerantere Fehlerkultur in Deutschland und mehr Offenheit beim Top-Management.

Deutschlands Wirtschaft gilt als wettbewerbsfähig und innovativ – zu Recht, wie auch der erstmals erhobene Industrie-Innovationsindex (siehe Kasten) zeigt. Die Studie wurde vom Forsa-Institut im Auftrag der Altana AG durchgeführt. Der darin ermittelte Indexwert für die deutschen Industrieunternehmen kann sich mit 142 sehen lassen, wobei alle Werte ab 100 positiv sind. Gleichzeitig bestätigten die befragten Industriemanager die hohe Relevanz für den wirtschaftlichen Erfolg: 90 % von ihnen sind der Ansicht, dass die Innovationsfähigkeit starken Einfluss auf den Geschäftserfolg des eigenen Unternehmens hat.

Matthias Wolfgruber, Vorstands-Chef Altana AG

Dass innovative Produkte ein Schlüssel sind für die wirtschaftliche Stärke Deutschlands insgesamt, ist unbestritten. Doch der Konkurrenzdruck wächst, etwa durch aufstrebende globale Wettbewerber wie China und immer kürzer werdende Produktzyklen. Im jährlichen Ranking der weltweit innovativsten Unternehmen der Boston Consulting Group sind in diesem Jahr sieben deutsche Firmen vertreten – aber sechs von ihnen sind im Ranking zurückgefallen. Neue Ideen, die tradierte Geschäftsmodelle auf den Kopf stellen, fordern zudem ganze Wirtschaftszweige heraus. Die wichtigste Frage ist deshalb: Kann sich Deutschland auch in Zukunft und langfristig durch Innovationskraft auf dem globalen Markt behaupten?

Trotz des positiven Gesamtergebnisses zeigt der Industrie-Innovationsindex, dass diese Frage berechtigt ist. Befragt nach ihrem eigenen Unternehmen sieht die Führungsriege der hiesigen Industrie nämlich noch deutliches Optimierungspotenzial für die Innovationskraft. Nur zwei von fünf Managern siedeln ihr Unternehmen auf einer Bewertungsskala von 1 bis 10 diesbezüglich im oberen Drittel an. Die Bestnote für Innovationskraft geben sich nur 4 %. Die Führungskräfte schätzen den Innovationsgrad ihres Unternehmens zudem niedriger ein als die ebenfalls befragten Berufseinsteiger. Das kann daran liegen, dass die Young Professionals unter Innovation in erster Linie technischen Fortschritt verstehen, während die Topmanager den Begriff weiter fassen und vor allem den Mehrwert für ihre Kunden im Fokus haben. In jedem Fall zeigen die Einschätzungen, dass in der deutschen Industrie bezüglich der Innovationskraft noch deutlich Luft nach oben ist. Zwar produzieren heimische Unternehmen technisch auf einem hohen Niveau – doch wenn es darum geht, revolutionäre Ideen und neue Konzepte zu entwickeln, geschieht das abseits der deutschen Paradebranchen von Auto bis Maschinenbau meist woanders. Schon beim Megatrend Digitalisierung war und ist Deutschland eher Mitläufer als Pionier. Die dort gezeigte passive Haltung gipfelt gelegentlich sogar im sogenannten „Not Invented Here“-Syndrom, einem generellen Sichverschließen vor Neuentwicklungen, die nicht aus dem eigenen Unternehmen kommen.

Industrie-Innovationsindex und Altana

Echte Innovationskraft ist dabei nicht nur eine Frage des Budgets, das in Forschung und Entwicklung oder in möglichst moderne Technik fließt. Vielmehr fußt sie auf einer innovationsfördernden Unternehmenskultur. Diese ist in Deutschland leider viel weniger verbreitet als in anderen Ländern, zum Beispiel den USA.

Konkret gemeint ist damit: Unternehmen sollten bei den Mitarbeitern ansetzen und sie dazu ermutigen, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, statt den Status quo zu verteidigen. Zu einer positiven Innovationskultur gehört, Neues auszuprobieren – auch mit der Gefahr des Scheiterns und der Fehlversuche.

Dabei sollte es vor allem darum gehen, künftige Kundenbedarfe zu antizipieren. Idealerweise werden deshalb viele Innovationen in enger Zusammenarbeit mit Kunden entwickelt.

Dass Fehlversuche erlaubt sind, muss das Topmanagement vorleben und klar kommunizieren. Um eine solche Kultur zu etablieren, braucht es Unternehmermut. Leider werden jedoch Querdenker noch zu oft ausgebremst und mit Argwohn betrachtet, besonders wenn es sich um jüngere Kollegen handelt oder sie aus anderen Abteilungen stammen.

Dabei können gerade sie dank einer frischen Perspektive entscheidende Impulse für Innovationen liefern. Bei Altana haben zum Beispiel alle vier Geschäftsbereichsleiter Ende 2012 die Verantwortung für einen jeweils anderen Bereich übernommen, auch das hat für frischen Wind gesorgt.

Damit alle Mitarbeiter – gerade auch die jungen – sich trauen, Ideen zu entwickeln und vorzubringen, bedarf es eines Arbeitsklimas, das von Offenheit und Vertrauen geprägt ist und in dem neue Ideen wertgeschätzt werden. Meine berufliche Laufbahn hat mich für einige Jahre in die USA geführt. Dort habe ich diese offene Unternehmenskultur erlebt und schätzen gelernt und schließlich dort auch selbst gefördert. Seither sehe ich es als eine meiner wichtigsten Aufgaben an, mir selbst den nötigen Unternehmermut zu bewahren und dafür auch meine Kollegen zu begeistern.

Dabei geht es nicht darum, Bewährtes regelmäßig über Bord zu werfen. Der berechtigte Wunsch nach Kontinuität darf aber andersherum auch nicht dazu führen, dass man sich vor neuen Ideen verschließt. Denn dann überlässt man das Feld früher oder später der Konkurrenz. Allzu viele Beispiele von namhaften Unternehmen, die zu viel Kraft in die Bewahrung des Status quo investiert haben und sich damit ins wirtschaftliche Abseits gestellt haben, beweisen das. Neben einer fruchtbaren Innovationskultur in etablierten Unternehmen ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland ebenso wichtig, dass junge Firmen, die mit innovativen Ideen an den Start gehen, die nötige Unterstützung erhalten. Ein Beispiel dafür liefert der High-Tech-Gründerfonds, zu dessen Investoren das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, die KfW Bankengruppe, Altana und 17 weitere Konzerne zählen.

Die deutsche Wirtschaft wird ihre Stärke und Bedeutung auf dem Weltmarkt langfristig nur verteidigen können, wenn Impuls- und Ideengeber künftig mehr Gehör im Topmanagement finden, wenn Unternehmen eine tolerantere Fehlerkultur entwickeln und mehr Mut, Neues auszuprobieren.