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Donnerstag, 21. März 2019

Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer Instituts IAO

„Deutsche Unternehmen nicht  agil genug“

Von Hartmut Steiger | 16. Oktober 2015 | Ausgabe 42

Drei Schaufensterprojekte von Industrie 4.0 zeigen nach Ansicht von Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer Instituts IAO, dass sich Mensch und Maschine inzwischen auf Augenhöhe begegnen. Er fordert Gesetzesänderungen, um die Flexibilität zu erhöhen.

Bauer-BU
Foto: Fraunhofer IAO

IAO-Chef Bauer rät deutschen Unternehmen, sich die kalifornischen Internet-Konzerne anzuschauen.

VDI nachrichten: Welche Erkenntnisse haben die Schaufensterprojekte für die Gestaltung von Arbeit in der digitalisierten Fabrik gebracht?

Wilhelm Bauer: Am häufigsten sind die Begriffe Agilität und Flexibilität gefallen. Das Bewusstsein, dass Arbeit sich der Nachfrage der Märkte anpassen muss, ist stark verbreitet. Gleichzeitig ist bei Beschäftigten das Interesse an einer weniger statischen Arbeitszeit und an mehr Work-Life-Balance groß. Hier werden durch Industrie 4.0 neue Lösungen möglich.

Wilhelm Bauer

Der zweite Punkt betrifft neue Formen der Kooperation von Mensch und Technik. Bisher haben die Maschinen auf konkrete Anweisung von Menschen gehandelt. Jetzt werden Maschinen intelligenter, Prozesse laufen autonomer ab. Die Technik ist schon so weit, dass Maschinen, ausgestattet mit Sensoren, klug mit ihrer Umwelt umgehen, Schlussfolgerungen ziehen und selbst Entscheidungen treffen können. Mensch und Maschine begegnen sich inzwischen auf Augenhöhe.

Was bedeutet das für die Arbeitsorganisation?

Maschinen werden immer stärker Standardaufgaben übernehmen oder körperlich schwere Tätigkeiten. Roboter werden mit Menschen zusammenarbeiten, ohne, wie es heute in der Regel noch der Fall ist, durch ein Gitter getrennt zu sein. Für Menschen bleiben kreative Aufgaben, z. B. die Lösung von Störfällen. Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in der Verwaltung und der Büroarbeit. Dort werden Algorithmen und Softwaresysteme Arbeit ersetzen. Es zeichnet sich ab, dass sowohl in der Fabrik als auch im Büro Arbeit anspruchsvoller und vielfältiger wird.

Heißt das, einfache Arbeit wird aus der digitalisierten Fabrik verbannt?

Verschwinden wird sie nicht, aber sie wird weniger. Auch künftig wird es Arbeit für gering Qualifizierte geben: einfache Tätigkeiten, die sich entweder nicht automatisieren lassen oder für die eine Automatisierung zu teuer ist. Durch Maschinen ersetzt wird eher die traditionelle Facharbeit. Bei den hoch Qualifizierten in den Mint-Berufen wird dagegen der Bedarf steigen.

Der Anteil der Un- und Angelernten in der Industrie liegt in Deutschland bei rund einem Viertel. Wie hoch wird er künftig sein?

Dass der Anteil steigen wird, erwarte ich nicht. Er könnte zwischen 10 % und 15 % betragen. Eine Prognose ist allerdings schwierig, denn bei solchen Arbeitsplätzen spielt eine Rolle, wie hoch die Preise für digitale Systeme sind, und die können heute naturgemäß nicht abgeschätzt werden.

Ökonomen aus den USA und Großbritannien rechnen damit, dass durch die Digitalisierung die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze wegfallen könnte. Teilen Sie diesen Pessimismus?

Ich gehe davon aus, dass in zwei oder drei Jahrzehnten viele der heutigen einfachen Arbeitsplätze nicht mehr da sein werden. Aber das ist nicht Ausdruck von Pessimismus. Entscheidend ist, wie die Gesamtbilanz aussieht. Und die wird davon abhängen, wie viele neue Arbeitsplätze entstehen. Dazu besteht mit Industrie 4.0 und der hohen Flexibilität deutscher Unternehmen eine riesige Chance. Das setzt allerdings voraus, dass die Unternehmen die digitale Transformation jetzt aktiv und im eigenen Betrieb angehen und am Ende des Tages weiter Weltausrüster für Maschinen und Anlagen bleiben. In den vergangenen 30 Jahren wurde stark rationalisiert, dennoch haben wir heute ein höheres Beschäftigungsniveau als damals. Ich bin optimistisch, dass genug neue Arbeit entsteht.

Wir haben heute mehr Beschäftigte, aber kaum mehr Beschäftigung. Das Arbeitsvolumen pro Kopf sinkt. Ist das unser Schicksal?

Sie haben Recht. Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich in den letzten 25 Jahren stark verändert. Wir haben heute ca. 10 % mehr Beschäftigte, und in etwa so viel Arbeit wie im Jahr 1990. Damit stieg aber auch die Arbeitszeitflexibilität, die auch in Zukunft ein Wettbewerbsvorteil sein muss. Unser Wohlstandsniveau zeigt zudem, dass weniger Arbeit nicht zwangsläufig negativ ist. Im Gegenteil; es sind mehr Freiheiten für jeden Einzelnen entstanden. Heute finden Sie in vielen Betrieben Jobs mit weniger als 30 oder solche mit mehr als 40 Wochenstunden. Das spiegelt die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmer viel besser wider als die starren Arbeitszeiten aus dem letzten Jahrtausend. Gerade in der Produktion macht Industrie 4.0 individuelle Arbeitszeiten zukünftig erst möglich.

Führt die Digitalisierung zu einer stärkeren Polarisierung der Beschäftigten?

Davon gehe ich nicht aus. Die Organisation der Unternehmen wird offen und vernetzt sein. Wenn man es mit einem Bild ausdrücken will: Es spricht vieles für eine Schwarmorganisation. Darin liegt der Erfolg der Unternehmen im Silicon Valley. Innovationen gründen dort auf Kooperationen zwischen Universitäten, Start-ups und Unternehmen. Das sehe ich auch als Perspektive für deutsche Firmen.

Sollen sich deutsche Maschinenbauer amerikanische Internet-Konzerne zum Vorbild nehmen?

Sie sollen sich diese Unternehmen mindestens anschauen und reflektieren und auf deutsche Verhältnisse anpassen. Deutsche Unternehmen sollten nicht vergessen, wo ihre Stärken liegen, z. B. bei Patenten. Aber sie müssen sich auch bewusst sein: Womit man in der Vergangenheit Erfolg hatte, damit muss man nicht zwingend auch in Zukunft erfolgreich aufgestellt sein.

Was raten Sie konkret?

Deutsche Unternehmen kleben noch zu sehr an den herkömmlichen Formen der Wertschöpfung. Sie sind noch zu statisch und nicht agil genug. Sie müssen schneller werden und mehr Ideen von außen aufnehmen: von Hochschulen oder Start-ups. Das gilt vor allem für mittelständische Unternehmen, die sich oft in falscher Sicherheit wiegen. Mein Rat: Schaut nach Kalifornien, aber kopiert es nicht. Verbindet das Gute von beiden Welten.

Sie fordern eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes. Was sollte anders werden?

Ich erwarte eine deutliche Ausweitung des Flexibilisierungsrahmens. Das kommt den Unternehmen entgegen, aber auch den Beschäftigten. Dabei geht es um das Betriebsverfassungsgesetz, um das Arbeitszeitgesetz und das Arbeitsschutzgesetz. Diese Gesetze wurden in einer alten Industriekultur geschrieben, die mit der Digitalisierung obsolet wird.

Die Bundesarbeitsministerin hat deutlich gemacht, dass sie nicht am Achtstundentag rütteln will.

Das hängt von der Ausgestaltung ab. Der Achtstundentag könnte ja mit Flexi-Komponenten versehen werden. Die Ministerin hat mit ihrem jüngst vorgelegten Grünbuch zur Arbeit 4.0 einen Diskurs eingeleitet. Ich gehe davon aus, dass im Lauf dieses Diskurses auch der Veränderungsbedarf in Richtung größerer Flexibilität formuliert wird. Bei Arbeitgebern wie bei Gewerkschaften sehe ich die Bereitschaft dazu.

Was was hat die Forschung zur digitalen Fabrik erbracht?

Industrie 4.0 wird nicht nur als eine technische, sondern als eine soziotechnische Entwicklung verstanden. Ein gutes Beispiel ist das 4.0-Leitprojekt „KapaflexCy“. Hier wurde mit dem Schichtdoodle eben nicht nur eine technische Industrie-4.0-Lösung entwickelt, um Produktionsarbeit in Zukunft besser zu machen. Es wurde ebenso großer Wert auf die aktive Einbeziehung der Mitarbeiter in den Veränderungsprozess und neue Spielregeln für den Einsatz neuer Technologien gelegt. Technische Neuerungen erfordern immer auch organisatorische Veränderungen und diese sind klar erfolgreicher, wenn sie zum Nutzen und mit den beteiligten Menschen stattfinden.

Wo sollte stärker geforscht werden?

Wichtig ist die Entwicklung von Geschäftsmodellen. Die digitale Transformation ist eng damit verbunden, wie weit die bisherigen Geschäftsmodelle auch künftig gelten werden und wie neue Formen kooperativer Wertschöpfung aussehen könnten. Wenn solche Modelle zur Verfügung stehen, können technische Lösungen und die Gestaltung der Arbeitszeit eingepasst werden.