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Sonntag, 21. Januar 2018

Qualifikation

"Die Akademisierung breiter Schichten ist unsinnig"

Von Lars Wallerang/Hartmut Steiger | 4. Januar 2013 | Ausgabe 1

Nur für 20 % der Arbeitsplätze in den Industrieländern würde ein Studium benötigt, sagen Fachleute. Sie warnen davor, die Akademikerquote weiter deutlich nach oben zu treiben. Wichtiger sei es, Fachkräfte für Produktion und Dienstleistung gut auszubilden: Ingenieure und vor allem Facharbeiter.

Bildung, vor allem ein Studium, sei ein sicherer Schutz vor Arbeitslosigkeit. Das behaupten Politiker und Bildungsexperten.

Die Statistik scheint ihnen recht zu geben. In den vergangenen zehn Jahren ist in Deutschland die Zahl der Arbeitsplätze, für die ein Studium vorausgesetzt wird, um 1,6 Mio. auf 7,3 Mio. gestiegen, wie der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ermittelt hat. Die Arbeitslosigkeit von Akademikern ist mit 2,5 % gleich geblieben und liegt deutlich unter der durchschnittlichen Erwerbslosenquote, meldet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Anders bei Stellen für Un- und Angelernte: Die sind um 800 000 auf 6,9 Mio. zurückgegangen, die Arbeitslosigkeit lag mit mehr als 20 % weit über dem Durchschnitt.

Arbeitnehmer in Deutschland

Dennoch warnen Fachleute vor einer weiteren starken Akademisierung. "Gewiss vergrößert es für den Einzelnen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn er sich möglichst hoch qualifiziert", meint der Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen von der Universität Dortmund. Gesamtwirtschaftlich gesehen wäre jedoch "eine Akademisierung breiter Schichten unsinnig". Die Arbeitslosenquote insgesamt lasse sich dadurch unmittelbar kaum reduzieren. Entscheidend sei die Zahl der freien Jobs, dämpft Hirsch-Kreinsen allzu hochfliegende Erwartungen.

Der Anteil der Arbeitsplätze, für die eine akademische Qualifikation Voraussetzung ist, hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Er liegt nach Berechnungen von Brenke bei rund 20 %, Tendenz leicht steigend. Damit ist in Deutschland der Anteil der Arbeitsplätze, für die eine wissenschaftliche Ausbildung nötig ist, so hoch wie in anderen Industrieländern – obwohl dort die Studierendenquoten zum Teil deutlich höher sind als hierzulande, wie der Bremer Bildungsforscher Felix Rauner ermittelt hat.

Nahezu stabil geblieben ist in Deutschland der Anteil der Arbeitsplätze für Facharbeiter mit rund 58 %. Der Anteil der Jobs für Un- und Angelernte ist zwar gesunken, beträgt aber noch immer 20 % und ist damit so groß ist wie der von Akademikern (siehe Grafik).

Mittlerweile ist in Deutschland auch der Arbeitsmarkt für Akademiker gespalten. Knapp ein Fünftel war 2007 atypisch beschäftigt (befristet, Teilzeit, Leiharbeit). Von den Maschinenbau-Absolventen 2009 waren nach einem Jahr 8 % (Uni-Abgänger) und 13 % (FH-Abgänger) als Leiharbeiter beschäftigt.

Es gebe keine Anzeichen dafür, dass Arbeit für gering Qualifizierte, also für Un- und Angelernte, aus den Produktionsprozessen ganz verschwinden würde, sagt der Industriesoziologe Hirsch-Kreinsen. "Solche Arbeitskräfte werden auch zukünftig noch gebraucht, auch wenn in den vergangenen 20 Jahren eine fallende Tendenz zu beobachten war."

Auf null könne der Anteil der Einfacharbeit nicht zurückgehen, ist Hirsch-Kreinsen sicher. Zwar ließen sich viele solcher Tätigkeiten automatisieren, doch würde oft aus Kostengründen darauf verzichtet. In einem Forschungsprojekt zur Einfacharbeit in der Industrie zeigte sich unter anderem, dass Un- und Angelernte von besser qualifizierten Arbeitnehmern, die eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können, verdrängt werden.

Dieser Mechanismus lässt sich auf Arbeitsmärkten häufiger beobachten. "Die Beschäftigungsaussichten des einzelnen Arbeitsuchenden sind im Wesentlichen eine Frage seiner relativen und nicht seiner absoluten Qualifikation", sagt der Ökonom Ekkehart Schlicht, der an der Universität München lehrte. Bei einer zu geringen Zahl von Arbeitsplätzen würden bevorzugt die besser qualifizierten Bewerber eingestellt, wer weniger gut ausgebildet ist, habe das Nachsehen.

Trotz seiner Kritik an der Akademisierung breiter Bevölkerungsschichten hält auch Hirsch-Kreinsen ein höheres Qualifikationsniveau für erstrebenswert. Das würde sich langfristig durch steigende Innovationsfähigkeit, mehr Wachstum und Arbeitsplätze bemerkbar machen.

Dafür würden aber nicht pauschal deutlich mehr Akademiker gebraucht, wohl aber gut ausgebildete Fachkräfte für Produktion und Dienstleistung. Dazu zählt Hirsch-Kreinsen Ingenieure und "vor allem Facharbeiter mit einer technisch-praktischen Qualifikation". Die Praxisorientiertheit sei der Vorteil der Ausbildung, die bei internationalen Vergleichen, wie sie von der OECD vorgelegt werden, oft übersehen würden.  LARS WALLERANG/HAS

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