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Dienstag, 23. Januar 2018

Chemie

Die Angst vor dem Pranger

Von S. Donner | 9. September 2011 | Ausgabe 36

Vor Jahren stieß die Greenpeace-Kampagne gegen Pestizide in Obst und Gemüse eine Entwicklung an, die sich nun bei Chemikalien zu wiederholen beginnt. Handelsunternehmen erlegen ihren Lieferanten im Zuge der EU-Chemikalienverordnung Reach Grenzwerte auf und verbieten Substanzen, zum Teil über die gesetzlichen Vorgaben hinaus – aus Angst vor Umsatzeinbußen.

Chemieexperte Manfred Krautter ärgerte sich oft. Jahr für Jahr überschritten in den amtlichen Kontrollen Gemüse und Obst die Grenzwerte für Pestizide. Doch es geschah nichts. Bis Krautter, seinerzeit bei Greenpeace, beschloss eine Kampagne zu starten.

Von 2005 an ließ Greenpeace rund 500 Pestizide in Obst und Gemüse messen. Die schwarzen Schafe unter den Einzelhandelsketten wurden öffentlich an den Pranger gestellt. Kaum eine kam ungeschoren davon. Vor allem der Discounter Lidl erlitt empfindliche Einbußen.

Die Kampagne bewegte die Unternehmen "zum Umsteuern", sagt Krautter heute. 2007 begannen diese intern Regularien für ihre Zulieferer festzulegen. Mittlerweile stellen die sechs großen Anbieter – Rewe, Edeka, Aldi, Lidl, Metro und Tengelmann – derartige Anforderungen für Pestizide. Meist dürfen maximal 70 % des gesetzlich festgelegten Höchstwertes für Pflanzenschutzmittelrückstände ausgeschöpft werden. Der Discounter Lidl erlaubt seinen Lieferanten sogar nur ein Drittel des gesetzlichen Wertes auszulasten.

"Jedes Unternehmen hat einen anderen Weg eingeschlagen", erläutert Krautter, der mittlerweile selbstständig Unternehmen berät. Die Rewe-Gruppe setze seiner Erfahrung nach stark auf Vertragsanbau. Sie bietet den Landwirten bessere Konditionen, verpflichtet sie aber bei kritischen Produkten wie Paprika, Tomaten und Trauben nur bestimmte Pestizide einzusetzen. Zusätzlich macht die Rewe-Gruppe Vorerntekontrollen.

Dagegen hätten die Discounter auf Kontrolle ihrer Lieferanten gesetzt, so Krautter. Diese wurden intern klassifiziert. Jenen, die die Grenzwerte immer wieder missachteten, wurden die Verträge gekündigt.

Qualitätsmanager Josef Lüneburg-Wolthaus von der Rewe-Gruppe gibt unumwunden zu: "Bei Erdbeeren aus Spanien hatten wir vor vier bis fünf Jahren noch 10 % Überschreitungen der Rückstandshöchstmengen. Heute sind wir bei 10 % Auslastung." Dass der Missstand aufgedeckt wurde, sei ein uneingeschränkter Verdienst von Greenpeace.

Die Pestizidwerte in Obst und Gemüse übersteigen heute seltener als vor fünf Jahren die gesetzlichen Grenzwerte. Das zeigt auch die amtliche Lebensmittelüberwachung. In der jüngsten Untersuchung an Tomaten fand auch Greenpeace keine Verletzungen der Obergrenzen. "Das wäre bis 2007 undenkbar gewesen. Tomaten und auch Paprika waren damals sichere Kandidaten, bei denen man immer fündig wurde", kommentiert Krautter.

Allerdings wird auch deshalb weniger beanstandet, weil vor drei Jahren die Rückstandshöchstmengen in der EU angehoben wurden. Greenpeace kritisiert, dass Tomaten zudem oft mit einem ganzen Cocktail an Giften belastet sind. Trotzdem habe sich die Schadstofffracht in Summe verringert.

Für Greenpeace ist das eine Erfolgsgeschichte, die nun andere Akteure bei Chemikalien zu wiederholen suchen. Im Zuge der Chemikalienverordnung Reach werden zurzeit nahezu alle Chemikalien auf EU-Ebene bewertet. Danach müssen besonders bedenkliche Stoffe ausdrücklich zugelassen werden. In dem Zusammenhang haben der europäische Gewerkschaftsbund sowie die europäische Nichtregierungsorganisation ChemSec jeweils besonders kritische Substanzen gelistet. Die SIN-list – SIN für "substitute it now" – mit zurzeit 378 Stoffen von ChemSec verbreitete sich binnen kurzer Zeit in der gesamten Branche.

EU-Umweltkommissar Janez Potocnik würdigte diese: Sie "zeigt Substanzen an, die die Europäische Kommission in Betracht ziehen wird, um sie selbst auf ihre Kandidatenliste zu setzen". Auf der offiziellen Kandidatenliste der europäischen Chemikalienagentur Echa stehen aber erst 53 Chemikalien.

Obwohl die Vorauswahl der NGOs keinen rechtlich bindenden Charakter hat, wird sie von Firmen herangezogen. Die Rewe-Gruppe sowie der Versandhandel Otto orientieren sich Krautter zufolge daran. Sony Ericsson, Ikea, Dell Computer, L'Oréal und weitere Unternehmen arbeiten mit ChemSec zusammen, um die gelisteten Chemikalien aus ihren Produkten zu verbannen.

Ikea ersetzte kürzlich das hormonähnlich wirkende Bisphenol A in seinem Thermopapier, das zum Drucken der Kassenbelege verwendet wurde. Bromierte Flammhemmer verschwanden aus den Polstermöbeln des schwedischen Möbelherstellers, indem die Bezugsstoffe dichter gewebt und dadurch auch ohne Chemikalien schwerer entflammbar sind. "Es sind vor allem Hersteller von Konsumgütern, die die Liste anwenden, weil sie ihren Kunden Rechenschaft ablegen müssen", berichtet Sonja Haider von ChemSec in München.

Umweltexperte Klaus Günter Steinhäuser vom Umweltbundesamt bestätigt: "Die alternativen Listen entfalten Wirkung. Es gibt große Autofirmen oder andere große Kunden der chemischen Industrie, die solche Stoffe nicht mehr haben wollen. Es führt zu einem Substitutionsdruck auch bei Verdachtsfällen."

Ähnliches hat auch der Chemiker James Clark von der britischen Universität York beobachtet: "Viele Hersteller von Verbrauchsgütern und Einzelhandelsketten nutzen die SIN-Liste und verlangen von ihren Zulieferern diese Stoffe zu meiden." Der Verband der Chemischen Industrie VCI kann diese Form des Einflusses von NGOs indes weder bestätigen noch dementieren. Es lägen keine Informationen dazu vor.

Nur: Weshalb können sich ausgerechnet wirtschaftskritische NGOs Gehör in Unternehmen verschaffen? Das Erfolgsrezept ist eine Mischung verschiedener Faktoren. Im Fall der Pestizide "lag ein Versagen des Staates vor", urteilt Krautter. Die staatlichen Labore maßen zwar regelmäßig Grenzwertüberschreitungen. "Aber den Firmen passierte nicht viel", so Krautter. Es haperte am Vollzug der Gesetze. Erst die Imageschrammen und Umsatzeinbußen der Greenpeace-Kampagne beförderten ein Umdenken. Man darf unterstellen: Nicht aus ökologischer Überzeugung, sondern aus rein ökonomischen Gründen.

Im Fall der Reach-Verordnung hat deren Inkrafttreten eine Diskussion in Nichtregierungsorganisationen wie in der Wirtschaft losgetreten, welche Chemikalien besonders gefährlich sind und womöglich bald verboten werden. Die offizielle Liste auf EU-Ebene füllt sich nur schleppend. Der Handel möchte aber vorausschauend planen, Fehlinvestitionen in der Produktentwicklung vermeiden und dafür ein klares, einfaches Instrument haben.

Die inoffiziellen Listen haben einen prognostischen Wert, weil sich die offiziellen Stellen daran orientieren. Spätestens mit der Stellungnahme von Potocnik ist das offiziell. "Unsere Liste ist ein Blick in die Zukunft und die Firmen wollen Planungssicherheit. Das ist das eigentliche Erfolgsrezept. Deshalb haben wir auch keinen Gegenwind aus der Industrie bekommen", so Haider.

Unternehmen, die Verbraucherprodukte herstellen und deshalb den Pranger fürchten, meiden die geächteten Chemikalien. Und das, obwohl sie damit vielleicht bei der einen oder anderen Chemikalie über das Soll des Gesetzgebers hinausschießen. S. DONNER

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