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Mittwoch, 24. Januar 2018

Arbeitsrecht

Die schärfere Regulierung wird ein Klima des Misstrauens erzeugen

Von Joachim Lang | 29. August 2014 | Ausgabe 35

Immer mehr Firmen setzen auf Werkverträge und Zeitarbeit. Doch die flexible neue Arbeitswelt hat Schattenseiten. Manche Beschäftigte, darunter auch Ingenieure, fühlen sich als Mitarbeiter zweiter Klasse: ausgenutzt, unterbezahlt, ausgegrenzt. Um Missbrauch zu bekämpfen, arbeitet die Regierung an schärferen Regeln. Joachim Lang, Chef des Beratungsunternehmens Consinion, hält nichts davon. Er warnt in seinem Kommentar vor den Folgen für Produktivität und Wachstum.

Protest
Foto: Werner Bachmeier/ Visum

Lautstarker Protest: Gewerkschaften fordern seit Jahren strengere Regeln für Zeitarbeit und Werkverträge. Arbeitsministerin Andrea Nahles arbeitet derzeit an einem entsprechenden Gesetz.

Arbeitnehmerüberlassung ist ein Werk des Teufels, Werkverträge nutzen die Unternehmen auf breiter Front für krumme Dinger – so ist es nicht, aber ein solches Bild wird von verschiedenen Interessengruppen an die Wand gemalt. Arbeitnehmerüberlassungen (AÜ) sollen deshalb von der Dauer her beschränkt werden. Bei Werkverträgen wird eine strengere Kontrolle und staatliche Prüfung angedacht. Unter Umständen sollen sie sogar der Zustimmung des Betriebsrates bedürfen.

Flexible Arbeitswelt: Und Ihre Meinung?

Es scheint, dass die Instrumente Zeitarbeit und Werkvertrag in Ketten gelegt werden sollen, solange bis sich die Unternehmen nicht mehr bewegen können. Wem ist damit geholfen? Kurz gesagt: niemandem. Den Unternehmen und Auftraggebern nicht, den Dienstleistern nicht und den Arbeitnehmern auch nicht.

AÜ und Werkverträge bieten den Unternehmen die Möglichkeit, effizient auf aktuelle Anforderungen zu reagieren und sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Bei fehlenden Spezialisten, Schwankungen der Auftragslage oder Termindruck kaufen Unternehmen Wissen und Manpower hinzu – und zwar soviel und solange wie nötig.

Joachim Lang
Foto: Consinion

Joachim Lang, Inhaber und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Consinion in Ulm.

Viele Ingenieur-Unternehmen und Dienstleister sind erst durch diese Art der Flexibilisierung und durch die Auslagerung einzelner Aufgabenpakete entstanden. Sie bieten tausenden Mitarbeitern eine verlässliche Zukunft. Die Auftraggeber profitieren davon, weil sie die benötigten Spezialisten nicht dauerhaft anstellen müssen, sondern dann beauftragen, wenn sie sie benötigen. Wegen der schwankenden Konjunktur sind viele Unternehmer skeptisch gegenüber Festanstellungen. Sie schätzen die Möglichkeiten, die ihnen die temporäre Beauftragung bietet.

Die Welt ist zudem so komplex geworden, dass es vielen Unternehmen nicht mehr möglich ist, selbst in allen Fachbereichen sehr gut zu sein. Wir kaufen hinzu, was ein anderer besser oder günstiger kann. Einer entwickelt, ein Zweiter programmiert, ein Dritter ist Spezialist im Projektmanagement. Das ist das bewährte Prinzip.

Es kommt auch dem entgegen, was schon lange erkennbar ist: Die Erwerbsbiografien verändern sich: Viele Menschen arbeiten nicht mehr 20 oder 30 Jahre in der gleichen Firma, die Generation Y sucht Abwechslung im Job. Kluge und sinnvolle Flexibilität ist deshalb gefragter denn je.

Ingenieure müssen diesen Zustand nicht fürchten, sie haben hervorragende Zukunftsaussichten. Technische Komplexität und Spezialisierung erfordern Mitarbeiter mit breitem Erfahrungsschatz. Ingenieur-Unternehmen und Dienstleister bieten Interessierten die Möglichkeit, sich dahin zu entwickeln.

Die Mitarbeiter von Kunden und Dienstleistern haben bisher in einem vernünftigem Miteinander gearbeitet und sich gut verstanden. Das ändert sich grade!

– In einigen Betrieben dürfen sie nicht einmal mehr direkt miteinander sprechen.

– Firmen beenden die Zusammenarbeit mit überlassenen Fachkräften trotz Bedarf, weil sie arbeitsrechtliche und finanzielle Risiken aus Gesetzen und Tarifverträgen fürchten.

– Mitarbeiter von Dienstleistern dürfen nicht mehr auf dem Werksgelände ihrer Kunden arbeiten, sondern sind in Büros um die Unternehmen und Entwicklungsabteilungen herum angeordnet. Sie gleichen Satelliten: Gehören irgendwie dazu, sind aber weit weg in der Umlaufbahn.

Auf diese Weise entsteht eine Zwei-Klassengesellschaft, ein Klima wechselseitigen Misstrauens. Wenn der Mitarbeiter nicht mehr direkt in der Gruppe sitzt, ist jeder Austausch zudem an Wegstrecke gekoppelt. Doch Wegstrecke kostet Zeit, Effizienz und Geld. Unter solchen Beschränkungen kann die bisher erfolgreiche Zusammenarbeit leiden, ebenso wie die Performance des Unternehmens.

Je mehr Gesetze und Regelungen greifen, desto schwieriger wird es für alle Beteiligten, effizient und erfolgreich zu arbeiten. Den Unternehmen nimmt die Überregulierung ihre Beweglichkeit, den Fachkräften die Freiheit, ihre Zukunft so zu gestalten, wie sie es für gut erachten. Was es bereits an Regelungen gibt, erschwert schon die Zusammenarbeit von OEM, Zulieferern und Dienstleistern.

In Bereichen, in die Mitarbeiter schnell eingearbeitet werden können, mag die geplante zeitliche Begrenzung der Arbeitnehmerüberlassung auf maximal 18 Monate möglich sein, etwa bei Hilfsarbeiten. Doch der Bereich Engineering gehört eindeutig nicht dazu. Projekte laufen oft länger als 18 Monate. Know-how wird aufgebaut. Lösungsfindung braucht Zeit. Das zeigen hunderte Beispiele aus dem Unternehmensalltag.

Wenn der Koalitionsvertrag (siehe Artikel unten) umgesetzt wird, legt der Gesetzgeber den neuen flexiblen Arbeitsformen und Dienstleistungsmodellen Fesseln an. Er greift in das Marktgeschehen in einer Weise ein, das dem Prinzip der Marktwirtschaft widerspricht.

Schon heute sind diese Themen gesetzlich und mit Ausführungsverordnungen detailliert geregelt. Eine Beschränkung der Dauer, zusätzliche Vorschriften und Statistiken, die Zustimmungspflicht des Betriebsrates bei Werkverträgen: all das schränkt unnötig ein. Die geplanten Änderungen werden den Unternehmen wieder Freiheit nehmen – und vielen Ingenieuren verlässliche Arbeitsplätze. JOACHIM LANG

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