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Samstag, 20. Januar 2018

Umweltschutz

Die zwei Gesichter von Ha Long

Von Heike Baldauf | 31. Juli 2015 | Ausgabe 31

Vietnam ist reich an Naturschätzen. Die Ha Long-Bucht im Norden mit ihren 2000 Karstfelsen gehört zum Weltnaturerbe. Gleich daneben lagern immense Vorräte an hochwertiger Steinkohle. Ihr Abbau gefährdet Mensch und Natur. Neuland für Ingenieurstechnik aus Deutschland.

BU Traumbucht
Foto: H. Baldauf

Bekannt aus dem Katalog für Traumreisen: das smaragdgrüne Wasser der Ha Long-Bucht, aus dem bizarre Felsen auftauchen.

Foto: Baldauf

Unbekannt für Touristen: Sehr nahe des Urlaubsparadieses hat die Erde tiefe Narben, in denen sich belastetes Wasser sammelt.

Ha Long, die Drachenbucht, badet in Smaragdgrün. Nach Sonnenaufgang verschwimmt der Horizont mit dem noch schlafenden Meer. Ein warmer Lufthauch streichelt die nackte Haut von zwei spanischen Urlaubern. Sie relaxen auf dem Deck einer Dschunke, genießen die landschaftliche Schönheit. Die Stille. Das Paar kreuzt mit 14 weiteren Touristen im Golf von Tonking. Am Nachmittag schwimmen sie vor einem sichelförmigen Sandstrand. Abends genießen sie fangfrischen Fisch. Wieder daheim werden sie vom großartigen Erlebnis an Nordvietnams einzigartiger Küste erzählen. Dass sie dort waren – an einem der schönsten Orte der Welt.

RAME: Deutsches Know-how für den vietnamesischen Bergbau

Was sie nicht wussten: Gleich neben ihrem Traumziel liegt das größte Kohlerevier des Landes. Die Abbauflächen erstrecken sich über insgesamt 350 km2 – und sind damit größer als das Stadtgebiet von München (310 km2). 95 % der nationalen Steinkohlenproduktion kommen von hier. 2015 sollen es gewaltige 45 Mio. t werden.

Der Umweltschutz wird vergleichsweise kleingeschrieben. Das stark belastete Sümpfungswasser, das beim Absenken des Grundwasserspiegels anfällt, fließt gemeinsam mit Niederschlagswasser in die Bucht. Im Strom enthalten: Schwermetalle – vor allem Eisen und Mangan.

In der Luft liegt feiner, grauer Staub. Wenn der Wind ungünstig steht, weht er von den umliegenden Abraumhalden aufs Meer. An manchen zum Festland hin liegenden Stränden hat das Wasser die Farbe von dünnem Filterkaffee. Ein Desaster für die Umwelt.

Foto: RAME

Die Ha Long-Bucht, ein Paradies im Kohlerevier. In drei Abbaugebieten wird mit deutscher Unterstützung versucht, der Umweltbelastung Einhalt zu gebieten.

Vietnam ist reich an Bodenschätzen: Öl, Gas, Kohle, Erze, seltene Erden. Allein in der Provinz Quang Ninh, zu der die Bucht von Ha Long gehört, lagern laut Germany Trade & Invest (gtai) 6600 Mio. t Steinkohle. Die hier im Tagebau geförderte Anthrazitkohle zählt wegen ihres geringen Asche- und Schwefelgehaltes und des hohen Brennwerts zu den hochwertigsten Kohlen weltweit.

Ab 1955 griff die DDR dem sozialistischen Brudervolk beim Abbau unter die Arme. Ergebnis: Noch 1995 sah es hier aus wie im Kohle- und Industriegebiet Espenhain nahe Leipzig, dem damals dreckigsten Ort der Republik. „40 Jahre, in denen in Sachen Umweltschutz nichts passierte“, blickt Tran Mien zurück, ein freundlicher Herr mit Brille. Bis 2012 war er der Chef der Vietnam National Coal and Mineral Industries Group (Vinacomin). Der staatliche Konzern gehört mit 130 000 Mitarbeitern zu den größten Unternehmen des Landes.

Foto: Baldauf

„40 Jahre lang ist in Sachen Umweltschutz nichts passiert. Die Leute, die nahe der Minen wohnten, konnten nicht vor die Tür gehen, ohne von Kohlestaub bedeckt zu werden.“ Tran Mien, Ex-Chef der Vietnam National Coal and Mineral Industries Group. Neben ihm: die deutsche RAME-Projektmanagerin Katrin Brömme.

„Die Leute, die nahe der Minen wohnten, konnten nicht vor die Tür gehen, ohne von Kohlestaub bedeckt zu werden. Die Straßen waren voller Dreck“, spricht Mien offen über diese Zeit. „Man hatte die Halden immer weiter aufgeschüttet, an die Folgen wurde nicht gedacht. Es gab keine Bepflanzung, die Abwässer flossen in die Bucht.“ Ob das den Fischen und letztendlich den Menschen geschadet hat? Mien zuckt mit den Schultern: „Es wurde nicht kontrolliert. Wir hatten keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet. Es gab niemanden, der darin ausgebildet war. Wir hatten keine Technologie, kein Equipment. Nichts.“

Der Tourismus und der Bergbau zeichnen die zwei Gesichter von Ha Long: Das eine ist schön, geheimnisvoll, geschmückt mit Drachensegeln, rot wie ein Kirschmund. Das andere schwarz und schmutzig, mit großen Narben. Beide sind wertvoll für das kommunistische Land. Doch wer will schon relaxen im Kohlerevier? Mit zunehmenden Bergbauaktivitäten wurde diese Frage immer drängender.

Vinacomin suchte Hilfe im Ausland. Ende 2004 traf eine Delegation aus deutschen Wissenschaftlern ein, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Die Gruppe, aus der später die „Research Association Mining and Environment“ (RAME, s. Kasten) entstand, lud Mien sofort zum Gegenbesuch nach Deutschland ein. Kurz danach stand der Vietnamese im Lausitzer Seenland. In seiner Begleitung: Direktoren verschiedener Bergwerke des Landes. „Wir wollten sehen, was die Deutschen drauf haben. Und das, was wir sahen, beeindruckte uns sehr: rekultivierte Landschaften nach jahrzehntelangem Bergbau.“

Foto: Ruhr-Universität Bochum

„Beschränkter Platz, möglichst stabile Technik, niedrige Betriebskosten. Das waren die Bedingungen.“ Harro Stolpe, Chef-Koordinator im Verbundprojekt RAME.

Daraufhin habe Vinacomin entschieden: „Wir wollen das auch!“ Doch copy and paste war nicht drin. Allein die klimatischen Verhältnisse sind mit denen in Deutschland nicht vergleichbar. Im Sommer bringt der Monsun dem Norden schwere Regenfälle. So als hätte jemand tausend Duschen auf einmal aufgedreht, ergießen sich Wassermassen über das Land. Halden könnten abrutschen, Arbeiter und Anwohner unter sich begraben.

Harro Stolpe sucht nach Auswegen (siehe auch Artikel rechts). Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Umwelttechnik und Ökologie im Bauwesen an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und koordiniert seit 2005 die RAME-Aktivitäten. Es gibt Überlegungen wie diese: Welche heimischen Pflanzen können unter diesen Bedingungen den Boden vor Erosion schützen, wenig brennbar sein, so eine eventuelle Feuergefahr eindämmen und die spätere Nutzung der Bergbauflächen als Erholungsgebiete ermöglichen? Verschiedene Testbepflanzungen gedeihen gerade.

Pflanzen spielen auch bei der Entfernung von Schadstoffen aus Minenabwässern eine tragende Rolle. Die Idee: Schilfkläranlagen. Eine simple, aber effektive Art der Reinigung von schwach kontaminierten Abwässern durch Mikroorganismen. Natürliche Kraftwerke, die in Deutschland in etlichen Dörfern für klare Bäche sorgen. In Quang Ninh ein Novum. Mit Schilf, Binsen und Schwimmpflanzen baute Stolpes Team eine Kläranlage, so groß wie ein Fußballfeld.

Weit komplizierter, weil es aufwendiger war, die Entwicklung einer Anlage zur Reinigung von Grubenwasser mit drei Ausbaustufen: zur Neutralisation, zur Ausfällung von Schwebstoffen sowie zur Entfernung der Schwermetalle. Stolpe: „Beschränkter Platz, möglichst stabile Technologie, niedrige Betriebskosten. Das waren die Bedingungen.“ Pünktlich zum Tag des Bergarbeiters 2009 legten die Deutschen gemeinsam mit ihren vietnamesischen Partnern den Grundstein für die erste Anlage mit deutscher Technik. Heute werden 70 % der anfallenden Abwässer in der Region behandelt.

Ein Segen für die 100 000 Bewohner der Industriestadt Uong Bi, deren Grundwasser durch die Einleitung von Schadstoffen in den Fluss Vang Danh gefährdet war. Er schlängelt sich durch Wohngebiete und unterhalb der vom Bergbau geschundenen Landschaften Richtung Meer. Das Projekt ist ein gutes Beispiel für die notwendige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie im Bereich des Umweltschutzes – und es ist von großer Bedeutung für Vietnam, meint Stolpe. Aktuell reinigt die Anlage 800 m3 Grubenwasser pro Stunde. Vinacomin hat bereits 850 000 € investiert. Jetzt soll die Kapazität verdreifacht werden.

In einem Jeep fährt die deutsche Projektmanagerin Katrin Brömme mit ihrem vietnamesischen Kollegen Nguyen Xuan Toan auf eine Halde: 107 ha breit, 256 m hoch, ein aufgetürmter Berg Geröll, mit grünen Inseln aus Pionierpflanzen. Die beiden stehen am Abgrund – und blicken doch hoffnungsfroh nach vorne. Ihre Blicke schweifen über die Ha Long-Stadt in die Bucht. Staub, dessen Entstehung und Ausbreitung sie analysiert haben, weht ihnen hier immer weniger um die Nasen. „Wir halten die Fahrbahnen feucht. Und die Trucks transportieren die Kohle nicht mehr offen, sondern unter verschließbaren Ladeflächen“, erklärt Brömme. Einfache Methoden, die ihren Zweck erfüllen. Die schlanke, brünette Frau braucht keinen Übersetzer, wenn sie mit Toan unterwegs ist. Sie beherrscht die Landessprache, als wäre sie hier aufgewachsen.

Dabei kommt sie aus Sachsen. Während ihr Chef Harro Stolpe per Flieger zwischen Uni und Einsatzort pendelt, ist die Ingenieurin seit 2005 ständig vor Ort. Vinacomin zählt auf sie als Expertin. Dafür wird sie bezahlt. Brückenbauerin steht nicht in ihrem Arbeitsvertrag. Schon allein wegen ihrer Kenntnisse der Mentalität der Vietnamesen vermittelt sie zwischen den Kulturen.

Das sei sehr wichtig, meint Stolpe. Kommunikation spiele bei der Entwicklung der Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle. Denn es komme darauf an, was die vietnamesischen Umweltingenieure mit den gewonnenen Erkenntnissen, zusammengefasst in einem Handbuch, anfangen werden. Umweltverträglichkeitsstudien, wie in Deutschland üblich, sind hier völlig unbekannt. „Doch seit Kurzem erhält man nur dann eine Genehmigung zum Abbau“, sagt Stolpe, „wenn man ein Nachnutzungskonzept vorlegen kann.“

Das mache Hoffnung. Der Traum von Herrn Mien soll schließlich wahr werden: ein Neuseenland statt einer Mondlandschaft.  

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