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Montag, 22. Januar 2018

Test, Test

Ein Maschinenleben in Zeitraffer

Von Harald Lachmann | 15. Januar 2016 | Ausgabe 01

Zu Besuch in einem der Prüflabors, in dem die Stiftung Warentest Produkte auf Herz und Nieren checken lässt. Hier muss alles so aufgebaut sein, dass sämtliche Messergebnisse vor Gericht Bestand haben. Und alles findet unter dem Mantel größter Verschwiegenheit statt. Die Teststrecken aber wirken bei all dem Aufwand verblüffend einfach.

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Foto: H. Lachmann

Lebenslang: Ein Markenhersteller lässt Bohrmaschinen auf ihre Lebensdauer prüfen. Der Test führt viele an ihre Belastungsgrenze.

Der Lärm ist ohrenbetäubend. An 30 Prüfplätzen bohrt, hämmert und schleift es zugleich. Ohne Kapselgehörschützer wäre man im Nu taub. Dabei wirkt der Raum hell, einladend. Handgeräte, wie sie jeder Heimwerker kennt, klemmen zwischen Aluschienen und Stahlwinkeln – und erinnern in ihrer Vielzahl und Aufgeräumtheit eher an den Werkraum einer Mittelschule. Nur dass sie eben einen Höllenkrach verbreiten.

Stiftung Warentest im Profil

Aus den Griffen der Geräte ragen bunte Kabel. Sie führen zu Messegeräten unterhalb der Tische, wo alles aufgezeichnet wird. Hier, im Dauerlaufraum, geht es zur Sache. Bis der Test fertig ist, sind es die Winkelschleifer und Schlagbohrmaschinen meist auch. Ein ganzes Maschinenleben im Zeitraffer.

Die Geräte werden gerade auf eine simulierte Lebensleistung abgeklopft. „Wir testen hier alles, was sich dreht“, erzählt Andreas M., dessen Namen wir nicht vollständig nennen dürfen. Der Mittdreißiger ist einer der Prüfingenieure des Speziallabors irgendwo im schönen Sachsen. Da es sich um einen Auftrag für die Stiftung Warentest handelt, möchte er nicht nur seinen vollen Namen und den Ort des Geschehens verschwiegen wissen, er lässt auch kaum Fotos zu. Niemand soll vorab irgendwelche Rückschlüsse ziehen können, wo gerade wer welche Produkte examiniert.

Foto: H. Lachmann

„Wichtig bei der Beurteilung ist der Effekt für den Nutzer und nicht, wie die Hersteller ihr Produkt sehen.“ Henry Görlitz arbeitet seit 20 Jahren für die Stiftung Warentest.

„Darauf fußen maßgeblich unser Image und unsere Glaubwürdigkeit“, wirft Henry Görlitz ein. Der Projektleiter der Stiftung Warentest ist auf Arbeitsvisite bei den Sachsen. Sie erproben für ihn gerade neue Handwerkergeräte anhand eines minutiös ausgearbeiteten Prüfprogramms. Den Input dafür lieferte ein Fachbeirat aus externen Vertretern von Verbraucherschaft, Industrie und neutralen Sachverständigen. „Das machen wir so bei jedem Produkt, das wir testen“, erzählt Görlitz, der selbst Diplomingenieur für Fahrzeugtechnik ist. „Hilfreiche Anregungen nehmen wir auf, die Entscheidung über die Prüfkriterien liegt aber bei uns.“

Direkt neben den Handwerkergeräten, die für die Stiftung Warentest geprüft werden, lässt ein Markenhersteller gerade seine Schlagbohrmaschinen auf Spitzenparameter checken. Im Dauerlaufraum verdichtet sich ein Verdacht: Entstehen in einem unabhängigen Prüflabor Interessenkonflikte? „Absolut nicht“, versichert Andreas M. und schüttelt heftig den Kopf. Die Firmen würden ganz andere Produktsegmente durchleuchten lassen als die Stiftung Warentest: „zumeist hochwertige Profitechnik“.

Im Schnitt erhalte man im Jahr von der Stiftung Warentest vier, fünf Aufträge, überschlägt M. Dafür beteiligt sich das Institut an den teils weltweiten Ausschreibungen. Manche Tests laufen nur drei bis vier Wochen, andere ein Vierteljahr – von der Musteranlieferung bis zur „großen Excel-Abschlusstabelle“. Die Stiftung ist somit ein großer Auftraggeber für das Institut, das wirtschaftliche Überleben sichert sie ihm allein aber nicht.

Unabhängig davon, ob die Ingenieure die Teststrecken für Hobbybastlerausrüstung oder Profitechnik verwenden, für die Stiftung Warentest oder Hersteller – die Teststrecken wirken oft verblüffend einfach. Gerade sind die rotierenden Handgeräte mittels Kupplungen an Generatoren,im Grunde gewöhnlichen Lichtmaschinen, angeflanscht. Diese bekommen über eine Steuerung signalisiert, wie stark sie den Prüfling abbremsen sollen, um eine vorgegebene Menge Strom zu generieren, sprich: die für den Test erforderliche Leistungsaufnahme zu simulieren.

„Zum Beispiel 1000 Watt für eine Dauer von zehn Sekunden, weil wir vorher ermittelt haben, dass eine Bohrmaschine diese Werte braucht, um ein Loch in Beton zu treiben“, erläutert der junge Ingenieur. Auf diese Weise lasse sich das Bohren in verschiedenen Materialien und Zeiträumen sowie in den vom Kunden gewünschten Zyklen exakt nachahmen – und damit feststellen, ob das Gerät eine Nutzungsdauer von zehn Jahren durchhält. Oft fordere etwa die Stiftung Warentest genau diesen Zeitrahmen. Für M. eine „relativ simple technische Lösung mit überschaubarem Aufwand, die aber sehr zuverlässig funktioniert und allen Prüflingen gleiche Bedingungen sichert“.

Solche Findigkeit zieht sich durch das ganze Labor. Besonders knifflig wird es bei Gebrauchsnormen von Technik, die subjektiven Kriterien unterliegen und sich daher kaum in Maßeinheiten fassen lassen. Bei Rasenmäher-Tests simulierte M. geschnittenes Gras im Fangkorb durch Deoroller-Kugeln: „Beides hat dieselbe Dichte.“

Im Testlabor arbeiten verschiedene Disziplinen eng zusammen: vom Maschinenbauer über den Chemiker und Akustiker bis zu Experten für Kalibrierung und elektromagnetische Verträglichkeit. Gemeinsam entwickeln sie fast alle Prüfanordnungen selbst und unterhalten dafür einen eigenen Prüfstandsbau. Den Beruf des Prüfingenieurs gibt es so eigentlich gar nicht.

M. zeigt auf eine kleine rechteckige Metallkonstruktion, die wie aus einem Stabilbaukasten gefertigt wirkt. Zwischen Stahlplatten sind fünf Gewindespindeln verschraubt, in die verschieden starke Federn gespannt wurden. „Damit testen wir die Leistung von Akkuschraubern“, erzählt er. Die Federn seien in ihrer Härte so gewählt, dass sie mit dem Widerstand, den sie beim Ansetzen eines Schraubers bieten, deren Stromkurve simulieren – abhängig von der Schraubenstärke. Das schaffe einen vergleichbaren Anhaltswert für alle Testgeräte. „Und andernfalls ginge es ganz schön in die Arme, wenn man 50 Maschinen händisch prüfen und damit 500 Schrauben eindrehen soll.“

Ein, zwei Nummern größer noch ist der Rollenprüfstand, den die Sachsen vor zwei Jahren für Pedelecs kreierten. Bei den Fahrrädern, bei denen ein elektrischer Antrieb das Treten erleichtert, sollten unter anderem die Funktionsweise von Steuerung und Elektrik, Akkusicherheit, Verkabelung und elektromagnetische Verträglichkeit geprüft werden.

Foto: H. Lachmann

Pedelec-Prüfstand: Statt zehn Leute 100 Tage strampeln zu lassen, greift ein separater Motor in die Pedale. Das gewährleistet gleiche Prüfbedingungen für alle und eine hohe Vergleichbarkeit.

Mit der Bewertung der ermittelten Werte hat das sächsische Prüflabor nicht mehr viel zu tun. „Die Auswertung der Tests und die Vergabe der Qualitätsurteile findet bei der Stiftung Warentest statt“, erklärt Görlitz. Institute wähle er allerdings neben Kostenaspekten, Verlässlichkeit und Arbeitsqualität vor allem mit dem Wissen aus, dass die Tests „auch vor Gericht Bestand haben“. Denn natürlich habe man es auch mal mit den Anwälten eines enttäuschten Herstellers zu tun. Schließlich könne ein „Mangelhaft“ bei der Benotung „enormen wirtschaftlichen Schaden“ nach sich ziehen.

Hersteller von Pedelecs stellten einst die Gerichtsfestigkeit auf die Probe

Die Pedelecs stehen als Beleg hierfür. Vor drei Jahren waren gleich neun der 16 geprüften E-Bikes wegen Funkstörungen, Lenker- oder Rahmenbruch durchgefallen – was den geballten Groll der Hersteller hervorrief. Doch die Testergebnisse erwiesen sich als unangreifbar, sie hatten sich auch bei Nachtests der Anbieter „mit den von ihnen vorgestellten Argumenten nicht widerlegen“ lassen, konstatierte seinerzeit die Stiftung Warentest. Stattdessen war die Branche offenbar wach gerüttelt. Bei einem weiteren Test im Folgejahr – nun hier in Sachsen – schafften immerhin drei E-Bikes das Prädikat „Gut“ und keines fiel mehr durch.

Zeigt ein Produkt während der Tests überraschende Ausreißer, kauft die Stiftung für gewöhnlich ein zweites oder drittes Produkt aus einer anderen Charge dazu. „Um auszuschließen, dass ein Montagsgerät getestet wurde“, versichert Görlitz.

Für einen ungenannten Testkunden steht gerade ein E-Fahrrad auf dem sächsischen Pedelecs-Prüfstand. Natürlich sitzt niemand im Sattel. Stattdessen greift ein separater Motor über einen Hebelarm in die Pedale, während ein Mitarbeiter das zu testende Lastprofil auswählt. Die Rollen unter den Reifen sorgen für entsprechende Widerstände. Und schon steigt das Rad einen imaginären Hügel hinauf, kämpft gegen Seitenwind und rollt flockig bergab.

Hierfür haben die Prüfingenieure eine „typische Runde mit verschiedenen Schwierigkeiten“ erstellt, die für alle getesteten Pedelecs absolut identische Bedingungen bietet. Andernfalls müssten laut M. „zehn Leute 100 Tage lang strampeln, um zu ermitteln, wie weit man mit einer Akkuladung kommt“.

Ebenso schnörkellos wie die Tests fallen die Ergebnisse aus. Nie würden am Ende aus den Noten für die einzelnen Testkategorien nur Mittelwerte gebildet, quasi sehr schlechte Eigenschaften durch gute ausbalanciert, versichert der 57-jährige Görlitz, der schon 20 Jahre für die Stiftung arbeitet. Eine Autobatterie, die zwar „ganz toll die aufgedruckten technischen Angaben zur Kapazität oder Kaltstartstrom erfüllt, aber im Dauertest durchfällt“, sei eben keine Empfehlung wert. Dann gebe es Abwertungen.

Auch Defizite in puncto Nachhaltigkeit oder bei sehr subjektiven Kriterien verursachten Abzüge: Eignet sich ein Gerät etwa sowohl für ältere als auch junge Nutzer, für Frauen wie Männer, Links- wie Rechtshänder? „Oder pustet mir eine Säge den ganzen Dreck ins Gesicht, wenn ich sie linkerhand bediene?“ Gewichtiger im Urteil sei also „der Effekt für den Nutzer und nicht, wie die Hersteller ihr Produkt sehen“.

Foto: H. Lachmann

Kleinkariert: Diese Prüfanlage zählt Staubpartikel in Mikrometergröße. Damit erfasst sie die Dichtheit eines Staubsaugerfilters.

Und wer übrigens meint, nichts sei hierzulande besser ausgetestet als Staubsauger, bekommt in dem Sachsenlabor den Mund nicht mehr zu. Gleich drei große Prüfanlagen – alle Marke Eigenbau – widmen sich nur dem, was die Testwelt „Normstaub“ nennt. Eine misst die Saugkraft der Düsen, eine die Dichtheit des Filters, eine dritte die Zahl der Rempler an Türpfosten oder Bodenschwellen, die einen Sauger zu Bruch bringen.

Lässt sich das nicht alles längst viel simpler am Computer errechnen? „Das dachte ich auch, bevor ich hier anfing“, bestätigt ein Berechnungsingenieur. Doch inzwischen wisse er, dass Staubsauger die „am schwierigsten zu testenden Geräte“ seien. In dem „komplexen System aus Fasern, Luftstrom und Düsenform“ wären einfach zu viele Körper zu simulieren, „um die optimale Düsengeometrie herauszufinden“. Das überfordere herkömmliche Berechnungsverfahren wie die Finite-Elemente-Methode. „Nein, das wird man immer nur empirisch machen können“, ist er sicher.

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