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Donnerstag, 21. Februar 2019

Stromnetze

Eine Netzplanung passt auf keinen Bierfilz

Von Kathleen Spilok | 19. Oktober 2012 | Ausgabe 42

Der bundesweite Netzentwicklungsplan (NEP) soll den Übertragungsnetzausbau für die nächsten zehn Jahre vorbereiten. Derzeit läuft die letzte öffentliche Konsultation des ersten NEP als Grundlage für die Bedarfsplanung 2022. Bis 2. November können die Stellungnahmen bei der Bundesnetzagentur abgegeben werden, letzte Woche informierte das Amt in Stuttgart auf der letzten von sechs bundesweiten Großveranstaltungen die Öffentlichkeit.

Artig reicht man ihm das Saalmikrofon. Er ist einer von rund 160 Teilnehmern und er hat eine Frage an die Experten der Bundesnetzagentur. Er möchte etwas über die Kurzschlussleistungsproblematik wissen und bekommt eine detailreiche Antwort.

Mehrheitlich männliches Fachpublikum hat sich in der Stuttgarter Liederhalle eingefunden. Mitreden ist die Devise. Wer kämpferische Töne erwartet, wird enttäuscht. Im Gegenteil: Gelassenheit ist angesagt. "Zuerst muss man wissen, worüber man redet", sagt eine Besucherin im Saal.

Aufgrund der deutschen Energiewende braucht es auch ein renoviertes neues Stromnetz. Da sollen auch die Bürgerinnen und Bürger wissen, was auf sie zukommt. Grundlage für diese neue Infrastruktur der Übertragungsnetze ist das novellierte Energiewirtschaftsgesetz (ENWG) und das 2011 beschlossene Netzausbaubeschleunigungsgesetz (Nabeg). Beide sehen eine frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung vor.

Obwohl der Plan für die Netzentwicklung derzeit nur grobe Leitungsverläufe zeigt und ansonsten noch recht abstrakt ist, stellt in Stuttgart ein Teilnehmer aus dem Plenum fest: "Dass die Bundesnetzagentur jetzt schon mal hergeht und eine Struktur vorlegt, ist gut." Die Bonner stoßen auf Zustimmung für die Vorgehensweise, egal ob sie in Bonn, Nürnberg, Hamburg, Erfurt, Hannover oder Stuttgart die Vorhaben erläutern.

Stuttgart ist die letzte Station der Rundreise für den Netzentwicklungsplan 2012, kurz NEP 2012. Besonders in Baden-Württemberg weiß man, dass Großprojekte Menschen und Meinungen mobilisieren können.

Das Land hat in den vergangenen zwei Jahren mit den Protesten um Stuttgart 21 und das Pumpspeicherwerk Atdorf eindrucksvolle Erfahrungen gesammelt. So ist das Ländle mit rund 300 km Leitungszubau direkt betroffen. Der Netzplan sieht hier zwei der vier Nord-Süd-Trassen vor. Endpunkte sind jeweils die Standorte der bis dahin stillgelegten Kernkraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim.

Der NEP 2012 stellt die notwendigen Netzausbaumaßnahmen bis zum Jahr 2022 und perspektivisch bis 2032 dar – Stromleitungen und Umspannstationen, mit denen große Mengen Windstrom aus Nord- und Ostsee zu den Abnehmern in den industriellen Zentren im Westen und Süden Deutschlands transportiert werden sollen. Die vorgesehenen Hochspannungsgleichstrom- und Hochspannungswechselstromleitungen sollen die Einspeiseschwankungen aushalten, die der Ökostrom in erheblichem Ausmaß mit sich bringt.

"Das Rückgrat bilden vier große Stromautobahnen von Nord nach Süd", erläutert Peter Franke, Vizepräsident der Bundesnetzagentur. Aber die neuen Netze wird es nicht für "null" geben. Bis zum Jahr 2022 stehen jährliche Ausgaben von etwa 2 Mrd. € an. Energiepreise sind ein heikles Thema dieser Tage, denn durch den steilen Anstieg der Umlage (s. unten) für den Ökostromausbau nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG-Umlage) werden die Verbraucher spürbar zur Kasse gebeten.

Im Prinzip gelte, der Netzausbau werde von denen bezahlt, die den Strom abnehmen, so Franke. Der Ausbau wird nicht mit einem einzigen Plan in Stein gemeißelt. Es wird jedes Jahr einen neuen NEP geben, der geänderte Rahmenbedingungen aufnimmt und abgleicht. Angesichts der aktuellen Vorschläge des Bundesumweltministers, den Zubau der erneuerbaren Energien regional zu steuern, gewinnt die Möglichkeit nachzubessern besondere Bedeutung.

Die Fortsetzung ist bereits auf den Weg gebracht. Parallel zum NEP 2012 wurde der Szenariorahmen für den folgenden NEP 2013 schon konsultiert, zwei weitere Gelegenheiten zur Stellungnahme folgen, bis der Plan ins Kabinett kommt.

Die Veranstaltung macht klar: Netzplanung ist nichts, was man auf einem Bierfilz unterbringt. Basis für den Netzausbau ist ein Szenario, also eine gemeinsame Vorstellung darüber, wie der Erzeugungsmix der Zukunft aussieht und welcher Strombedarf dann besteht. Für die NEP 2012 und NEP 2013 haben die Übertragungsnetzbetreiber je drei Szenarien erstellt, die Annahmen über Energieverbrauch, Transportbedarf und Zusammensetzung der Stromerzeugung bis 2022 und 2032 treffen.

Noch in diesem Jahr soll der Plan der Bundesregierung zugeleitet werden, die daraus einen Bundesbedarfsplan macht. Dieser wird vom Bundestag als Gesetz beschlossen, damit könne vielleicht im Sommer nächsten Jahres gerechnet werden, vermutet Franke. Im Bundesbedarfsplangesetz werden die notwendigen Leitungsbaumaßnahmen gesetzlich festgelegt, mithin Trassenkorridore von 500 m bis 1000 m Breite. Die genaue Lage der Trassen wird erst in nachfolgenden Planungsstufen ermittelt. Feinplanungen im Rahmen der Planfeststellung werden ab 2014 erwartet. Der Baubeginn erfolgt frühestens 2016/17.

Auf allen Stationen der Informationsreise gleichen sich die Schwerpunkte der Diskussion, etwa: Wie kann ein verträglicher Trassenverlauf gefunden werden, wenn man nah an Siedlungen vorbei muss? Konkrete Befürchtungen löst das Thema elektromagnetische Felder aus. Beeinträchtigungen des Landschaftsbilds durch zusätzliche Strommasten sind Sorgen, die geäußert werden.

Allgemeine Verwunderung gibt es in der Stuttgarter Liederhalle, weil der Stromverbrauch bis ins Jahr 2022 von den Übertragungsnetzbetreibern als gleichbleibend angenommen wird, während die Bundesregierung konkrete Einsparziele vorgegeben hat. Kritik, dass dezentrale Stromversorgungsstrukturen mehr Berücksichtigung finden müssten, wird eindringlich und mehrfach vorgebracht. "Ein Riesenaufwand für alle Beteiligten, daher sollte es auch einen nachmessbaren Ertrag bringen, sonst ist das Verfahren ganz schnell am Ende", resümiert ein Besucher.  KATHLEEN SPILOK