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Samstag, 20. Januar 2018

Umwelt

Gefährliche Altlasten in der Elbe

Von Steffen Neumann | 18. September 2015 | Ausgabe 38

Die Chemikalie PCB ist zwar längst verboten, doch erhöhte Werte in der Elbe rücken plötzlich verdächtige Quellen in Tschechien in den Fokus der Umweltschützer.

Václav Mach steht bis zur Hüfte im braunen Wasser. Er ist Helfer bei der tschechischen Umweltorganisation Arnika und stochert mit einem langen Kunststoffrohr in einem Batzen Dreck am Boden des Flüsschens Bílina. Hier, im tschechischen Usti nad Labem, plätschert der Bach Klíšský potok aus einem unterirdischen Kanal direkt in die Bílina.

Der Fluss zählt zu den am stärksten verschmutzten in Tschechien, was auch an diesem kleinen Zufluss liegt. „Der Kanal durchfließt auf seinem kurzen Weg erst ein Gefahrengutlager und dann das Gelände einer Chemiefabrik“, sagt der Schadstoffexperte Jindrich Petrlík, der die Probennahme leitet.

Insgesamt fünf Sedimentproben sammelt Arnika aus dem Mündungsbereich und dem Uferschlamm. „Wir untersuchen regelmäßig die Wasserqualität der Bílina auf Schadstoffe wie Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder das Pestizid DDT“, so Petrlík. Dieses alle fünf Jahre durchgeführte Monitoring hat auf einmal an Aktualität gewonnen: Die Elbe weist verdächtig hohe Werte von PCB auf.

Bereits im Juni teilte das Sächsische Landesumweltamt mit, dass die langjährigen Mittelwerte in Sedimenten am Messpunkt Schmilka/Hrensko teils deutlich überschritten wurden. Die Quelle der Verunreinigung wird im Raum Usti vermutet, möglicherweise genau dort, wo die Umweltschützer Proben entnommen haben.

Alarmierende Spitzenwerte von 6000 µg/kg PCB

„Der zulässige Grenzwert liegt bei 120 µg/kg Sediment“, sagt Landesamtssprecherin Karin Bernhardt. Wie jetzt bekannt wurde, stiegen die Werte bereits im März sprunghaft an. Im Mai wurden in Mischproben Spitzenwerte von alarmierenden 6000 µg/kg PCB gemessen. Seitdem ging das Niveau zwar stetig zurück, lag aber im Juli immer noch bei 1083 µg.

Da sich PCB schwer im Wasser lösen, aber an Sedimente gebunden sind, sieht das Landesumweltamt keine Gefahr für die Wasserqualität, warnt jedoch weiterhin vor einem zu hohen Verzehr von Fisch aus der Elbe. Das Hygieneamt in Usti rät zudem Allergikern, auf absehbare Zeit auf ein Bad in der Elbe zu verzichten.

Die Frage woher auf einmal diese Menge an PCB in der Elbe kommt, ist auch über zwei Monate seit der ersten Warnung ungeklärt, zumal die Produktion von PCB weltweit seit 2001 verboten ist.

Holt Tschechien seine Vergangenheit ein, als das Land vor 1989 einer der wichtigsten PCB-Hersteller im Ostblock war? Die Umweltinspektion CIŽP, die mit dem Fall betraut wurde, hält sich mit Erklärungen zurück, unterstreicht aber, dass auch sie intensiv weitere Proben entnimmt.

„So lange dieser Prozess nicht beendet ist, können wir keine Informationen zu möglichen Verursachern geben“, heißt es knapp. Immerhin gehe es für den Verursacher um Strafzahlungen von umgerechnet 37 000 €. Zudem sei das Analyseverfahren zeitaufwendig.

Transformatorenstation als mögliche Ursache

Dass hohe PCB-Werte in der Elbe nicht der Vergangenheit angehören, bewies schon ein Fall im Jahr 2010. „Damals haben wir im Fluss Bílina vergleichbare Werte gemessen“, erinnert sich Petrlík von Arnika. Es sei möglich, dass PCB durch Ausbaggerungen aufgewirbelt wurden, so Petrlík weiter.

Die Chemikalie ist schwer abbaubar, kann Jahre im Sediment überdauern und bei Hochwasser freigesetzt werden. Allerdings hat die Elbe in diesem Jahr nur einmal die Hochwasseralarmstufe erreicht. Und das war im Januar.

Petrlík hält daher einen direkten Verursacher für möglich. Vor fünf Jahren maßen die Umweltaktivisten die erhöhten Werte in der Nähe einer Transformatorenstation des Energiekonzerns CEZ in Trmice bei Usti. „PCB ist bis heute in alten Transformatoren enthalten“, erklärt Petrlík. Dabei handele es sich um bis zu 100 Anlagen auf dem Gebiet der Tschechischen Republik, bestätigt das tschechische Umweltministerium.

„Allerdings sind das nur Transformatoren mit einer PCB-Konzentration von bis zu 500 mg/kg. Alle Anlagen, die PCB in einer höheren Konzentration enthalten, wurden entsprechend der EU-Richtlinie 96/59/EG bis Ende 2010 ausgetauscht“, sagt eine Ministeriumssprecherin.

Der Energiekonzern CEZ schließt aus, Transformatoren mit PCB zu besitzen. Das gelte ausdrücklich auch für das Heizkraftwerk in Trmice. Doch selbst wenn die Anlagen fristgerecht beseitigt wurden, warnt Petrlík vor Spätfolgen durch kontaminierte Böden.

Und es bleiben Anlagen mit einer Konzentration von unter 500 mg/kg. Ihre Zahl dürfte deutlich höher sein, als jene 100 Transformatoren. Denn die Chemikalie wurde vielfältig eingesetzt. Als Isolieröl diente sie in Kondensatoren und Schaltern oder als Wärmeträgerflüssigkeit in Mischanlagen, wodurch sich der Kreis der möglichen Verursacher der erhöhten PCB-Werte deutlich erweitert.

Solche Anlagen müssen laut tschechischem Umweltministerium bis Ende 2028 entsorgt werden. Ob sie der Grund für die aktuelle PCB-Verschmutzung in der Elbe sind, wird sich frühestens in zwei Monaten zeigen. Dann sollen die entnommenen Proben ausgewertet sein.

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