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Samstag, 20. Januar 2018

Gesundheit

Gefährliche Arzneimittelfälschungen

Von Susanne Donner | 12. Februar 2016 | Ausgabe 06

Es ist der größte Arzneifälschungsskandal in der deutschen Geschichte, der zurzeit in Potsdam vor Gericht verhandelt wird. Bis zu 30 Mio. € hat eine Bande vor allem mit falschen Potenzmitteln über ihren „Pillendienst“ per Onlinehandel umgesetzt. Tausende Männer gingen den Betrügern ins Netz.

BU Arznei
Foto: Panthermedia/Microstock77

Haupteinfallstor für Fälschungen ist das Internet. Wer hier kauft, bekommt laut WHO in jedem zweiten Fall andere als die erhoffte Arznei.

„Manche Kunden waren jung und gesund und würden vom Arzt nie ein Rezept bekommen“, weiß Rechtsanwalt Constantin Rehaag von der Wirtschaftskanzlei Dentons, der in dem Prozess einen Pharmahersteller vertritt. Die Kunden orderten deshalb die Pillen im Internet ohne Rezept. Nur: Bei den Tabletten, die sie per Post bekamen, handelte es sich um billige Fälschungen aus Indien.

Seit Jahren warnen Zollfahnder, dass Arzneimittelfälschungen zunehmen. Laut Zollstatistik beschlagnahmten die Beamten 2014 rund 119 000 Medikamente im Wert von 1,4 Mio. €. Im Jahr zuvor waren es dagegen nur 74 000 Arzneimittelfälschungen gewesen.

Nach Einschätzung von Interpol organisiert sich der Handel mit den illegalen Pillen zunehmend. Längst sind mafiaähnliche Organisationen im Geschäft. „Mit gefälschten Arzneien lassen sich höhere Gewinnmargen erzielen als mit Drogen, und zugleich sind die Strafdrohungen sehr viel niedriger“, erklärt Rehaag. Gefälschtes Viagra sei teurer als Kokain.

An der Spitze des größten Medikamentenfälscherskandals der deutschen Geschichte stand indes keine große Organisation, sondern „nur“ ein dreiköpfiges Team von zwei Deutschen und einem Österreicher. „Kluge Leute, die sich vor allem bereichern wollten und viel vom Internethandel verstehen“, sagt der Rechtsanwalt Rehaag, der im Prozess gegen das Triumvirat vorgeht.

Sie beschäftigten Hunderte Webmaster, die Werbung auf ihren Webseiten schalteten, um Kunden an den Pillendienst weiterzuleiten. Oder sie erstellten Klonwebseiten, die aussehen wie die Originalwebseite der Online-Apotheke und nur dazu dienten, die Klickraten und damit das Ranking bei der Googlesuche zu erhöhen. Wer dann „Viagra rezeptfrei“ eingab, stieß an vorderster Stelle auf Webseiten, hinter denen der Pillendienst Stand. Rehaag: „Wir waren erstaunt, wie professionell dieses Netzwerk vorging.“

Neben solchen Profifälschern hat sich aber mittlerweile auch eine Fülle von Einzelpersonen auf den Handel mit gefakten Tabletten spezialisiert. Über Webseiten oder Mails sammeln sie Bestellungen ein und liefern die falsche Ware per Paket oder Päckchen. „Manche halten die illegalen Arzneien gar nicht vor, sondern leiten die Bestellungen direkt an die Fabrikanten in China, Indien, Thailand und Vietnam weiter“, sagt der Rechtsanwalt, „so können bei einer Durchsuchung keine verdächtigen Waren gefunden werden.“

Das Haupteinfallstor für Fälschungen bleibt das Internet. Wer im Netz kauft, bekommt laut Weltgesundheitsorganisation in jedem zweiten Fall andere als die erhoffte Arznei. Das bestätigen Testkäufe des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker in Eschborn.

Auch die Angeklagten nutzten Webseiten für ihren Vertrieb. Auf Homepages wie „viagrasicherbestellen.de“, „männerapotheke.de“ oder „pillendienst.de“ konnten potenzielle Kunden die Potenzmittel rezeptfrei bestellen.

Die allermeisten Arzneiplagiate erreichen ihre Kunden per Post. Die Zeit, in der gefälschte Tabletten in großer Zahl per Lkw oder Containerschiff Europa erreichten, ist vorbei, schildert Klaus Hoffmeister von der Bundesfinanzdirektion Südost in München, die jetzt Teil der Generalzolldirektion ist. „Das macht es uns Zöllnern schwerer. Denn die Vielzahl der Warensendungen können wir nur stichprobenartig kontrollieren.“

Oft sind Fälschung und Original auch kaum zu unterscheiden. Einige Hersteller drucken Sicherheitsmerkmale wie Hologramme oder einen Barcode auf. Doch bis vor kurzem nutzten erstaunlich wenig Fabrikanten die Möglichkeiten der Produktsicherung.

Aus Kostengründen, vermutet Björn Eilert, Abteilungsleiter Produktionsautomatisierung am Institut für Integrierte Produktion (IPH) Hannover. Im Projekt EZPharm entwickelte er mit Partnern aus der Pharmabranche eigens einen RFID-Chip, der Arzneien vor Fälschern schützt.

Das Bundesforschungsministerium finanzierte das Vorhaben. Dennoch kam die Technologie nie über die Hochschullabore hinaus. „Zu teuer – mit ca. 10 ct je Schachtel für den Chip“, bedauert Eilert.

Doch 2011 haben die Bundesvereinigung Dt. Apothekerverbände, der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels, der Bundesverband der Arzneimittelhersteller, der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie und der Verband Forschender Arzneimittelhersteller ein eigenes System gegen Fälschungen entwickelt, das ab 2018 EU-weit auf die Arzneipackungen kommen soll.

Schon heute schützt dieses SecurPharm-System etliche Medikamente deutscher Hersteller: Kern ist ein QR-Code. „Das kostet nur Bruchteile eines Centbetrages je Schachtel und ist auch eine zuverlässige Technik“, urteilt Eilert.

Der Code kann in Apotheken ausgelesen und mit Daten eines zentralen Servers abgeglichen werden. In der Datenbank sind Infos wie Name und Fabrikationsort des Präparates, aber auch die Produkt-, die Chargen- und eine individuelle Seriennummer und das Verfallsdatum hinterlegt.

Künftig sollen alle rund 700 Mio. verschreibungspflichtigen Medikamente, die jedes Jahr in deutschen Apotheken verkauft werden, über eine Datenbank geprüft werden, ehe der Apotheker sie aushändigt. Das wird die Sicherheit der ohnehin recht sicheren Waren aus den Apotheken noch einmal erhöhen. „Es wird es aber auch uns Zöllnern viel leichter machen, Fälschungen zu erkennen“, erwartet Zollexperte Hoffmeister.

Am Ende kommt dies den Verbrauchern zugute. Denn etwa ein Fünftel der Fälschungen enthält Stoffe, die schädlich bis tödlich sein können. Betroffen sind Potenz-, Schmerz- und Schlankheitsmittel sowie Antidepressiva, Antibiotika, Aids- und Krebsmedikamente, weiß Manfred Schubert-Zsilavecz, Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker. Wie groß die Gefahr ist, hängt vom Gesundheitszustand ab: „Bei Malaria etwa ist es verheerend und unter Umständen tödlich, wenn die gefälschten Tabletten nur wirkungslos sind“, warnt er.

Fälschungen können aber auch zu viel oder zu wenig Wirkstoff, gefährliche Verunreinigungen oder andere giftige Stoffe enthalten. Im Jahr 2006 starben in Panama 115 Patienten an einem Hustensaft, der statt des Wirkstoffs ein Frostschutzmittel enthielt.

Auch im Pillendienstskandal klagen die Geschädigten über Nebenwirkungen: „Die acht Zeugen hatten Probleme wie Hautrötungen und Juckreiz“, berichtet Anwalt Rehaag. Vielleicht wird ihnen das eine Lehre sein. Denn wie auch immer der Prozess ausgeht, sie werden am Ende wohl kaum entschädigt, da sie sich ohne Rezept und damit illegal mit den Tabletten eingedeckt hatten.

 

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