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Donnerstag, 21. März 2019

Gewerkschaft

IG Metall will die Arbeitszeit wieder zum Thema machen

Von Hartmut Steiger | 16. Oktober 2015 | Ausgabe 42

Jörg Hofmann, Experte für Industrie 4.0 bei der IG Metall, soll auf dem Gewerkschaftstag kommende Woche in Frankfurt den scheidenden Ersten Vorsitzenden Detlef Wetzel beerben. Mit Christiane Benner wird zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der IG Metall stehen.

BU-IG-Metall-Demo
Foto: IG Metall

Gewerblich Beschäftigte bilden den Kern der IG Metall. Die Gewerkschaft öffnet sich jetzt auch stärker für qualifizierte Angestellte.

Die IG Metall besetzt ihre beiden Spitzenpositionen neu. Auf dem außerordentlichen Gewerkschaftstag in der kommenden Woche in Frankfurt sollen Jörg Hofmann zum Ersten und Christiane Benner zur Zweiten Vorsitzenden gewählt werden. Der bisherige Erste Vorsitzende Detlef Wetzel scheidet aus.

Foto: IG Metall

Jörg Hofmann, designierter Erster Vorsitzender IG Metall, strebt ein neues Normalarbeitsverhältnis für die Metall- und Elektroindustrie an.

Köpfe sind Programme: Jörg Hofmann, bislang der zweite Mann hinter Wetzel, war von 2003 bis 2009 Bezirksleiter in Baden-Württemberg und ist ein erfahrener Tarifpolitiker. Unter seiner Regie wurden das Pforzheimer Abkommen geschlossen, Tarifverträge zur Altersteilzeit und zur Leiharbeit. Außerdem machte Hofmann früh Industrie 4.0 und die Arbeit in der digitalen Fabrik zum Thema. Der studierte Ökonom ist auch Mitglied im Innovationsrat der Landesregierung Baden-Württemberg.

Verhängnisvolle Beschränkung auf tariflich gesicherte Arbeitsplätze

Foto: IG Metall

Christiane Benner streitet für faire Regeln in der digitalen Arbeitswelt und will eine Amazonisierung der Arbeit verhindern.

Christiane Benner wird die erste Frau an der Spitze der IG Metall sein. Von Haus aus Soziologin, kümmerte sich Benner in den vergangenen Jahren um die Gewinnung neuer Mitglieder, vor allem unter Akademikern aus Mint-Berufen, und bei Frauen. Dabei kommt ihr zugute, dass sie schon als Studentin in den USA Erfahrungen in der Mitgliedergewinnung sammeln konnte. Außerdem war sie zuständig für das Themenfeld digitale Arbeit.

In den vergangenen Jahren hat die IG Metall einen Strategiewechsel vollzogen. Lange Zeit, so Detlef Wetzel, habe die Gewerkschaft den Fokus auf Beschäftigte in unbefristeten, tariflich geregelten Arbeitsverhältnissen gelegt und sich kaum um jene gekümmert, die in prekäre Beschäftigung gedrängt worden sind. Das, sagt Wetzel, sei ein „existenzbedrohendes Versäumnis“ gewesen.

Die IG Metall hat Zuschläge für Leiharbeiter ausgehandelt und zieht gegen den Missbrauch von Werkverträgen ins Feld. Werkverträge seien besonders bei Entwicklungsdienstleistern und Kontraktlogistikern verbreitet, sagt Wetzel. Auch wenn bei diesem Thema der Dissens mit den Arbeitgebern groß ist, hat sich das Verhältnis zu den Unternehmer- und Wirtschaftsverbänden entspannt. Unter dem früheren Ersten Vorsitzenden Berthold Huber habe sich die Tonlage verändert, beobachtete vor Jahren der frühere NRW-Arbeitgeberpräsident Heinz-Werner Maier-Hunke.

Mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verbindet die IG Metall das gemeinsam gegründete Netzwerk Zukunft der Industrie. Einer der beiden Geschäftsführer ist der frühere Frankfurter Bezirksleiter Armin Schild. Ziel des Netzwerkes ist, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Der scheidende IG-Metall-Vorsitzende Wetzel hat im Sommer sein Buch zur Arbeit 4.0 gemeinsam mit BDI-Präsident Ulrich Grillo der Öffentlichkeit vorgestellt.

Kommentar

Auch politisch spielt die IG Metall wieder eine stärkere Rolle, nachdem ihr wegen ihrer Kritik an der Agenda-Politik der rot-grünen Regierung in Medien und Politik das Attribut des Blockierers angehängt worden war. Nach der Finanzkrise gelang es der Gewerkschaft, die Abwrackprämie für Automobile durchzusetzen, gemeinsam mit den Arbeitgebern wurde Kurzarbeit organisiert, die geholfen hat, Entlassungen zu vermeiden.

Nach Jahren des Mitgliederschwundes verzeichnet die IG Metall wieder leichten Zuwachs. Aktuell sind rund 2,27 Mio. Frauen und Männer in der größten Industriegewerkschaft der Welt organisiert, vor fünf Jahren waren es 2,24 Mio. 230 000 Mitglieder sind jünger als 27 Jahre, 150 000 sind Ingenieure und andere technische Experten, mehr als 25 000 Mitglieder sind Studenten.

Das Thema Arbeitszeit soll wieder auf den Prüfstand kommen. Allerdings nicht mehr in Form einer kollektiven Verringerung wie in den 80er-Jahren. Stattdessen sollen individuell zugeschnittene Arbeitszeitmodelle im Mittelpunkt stehen. Der künftige Erste Vorsitzende Hofmann strebt „ein neues Normalarbeitsverhältnis“ an. Es geht von der unbefristeten Vollzeitbeschäftigung aus mit Optionen für eine Absenkung der Arbeitszeit für Pflege und Betreuungsaufgaben, für Qualifikation und flexible Altersübergänge. Auf dem Gewerkschaftstag wird Arbeitszeit wieder ein Thema sein.

Wie ist die IG Metall für die Zukunft gerüstet? Der Industriesoziologe Klaus Dörre von der Universität Jena bescheinigt der Gewerkschaft einen beachtlichen Erfolg bei der organisatorischen Neuausrichtung. Die sieht er als einen Erfolgsbaustein für den Mitgliederzuwachs. Beim Thema Arbeitszeit sei die IG Metall jedoch zu defensiv. Dörre plädiert für differenzierte Arbeitszeiten mit dem Ziel einer kürzeren Vollzeit für alle Beschäftigten. Eine lineare Arbeitszeitverkürzung hält er nicht für realistisch.

Nachholbedarf bei der IG Metall sieht Dörre bei Themen, die nicht direkt mit Betriebspolitik zu tun haben. Dazu gehören nach seiner Einschätzung die Zukunft der EU und die Austeritätspolitik sowie ökologische Fragen. Die klassische Industriepolitik greife zu kurz. Dörre: „Hier war die IG Metall schon einmal weiter.“