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Montag, 22. Januar 2018

Globalisierung

"Ingenieure erleben einen Kulturschock"

Von Jutta Witte | 29. Juni 2012 | Ausgabe 26

Der Auslagerung von Produktionsprozessen in Billiglohnländer folgt die Verteilung von hoch qualifizierten Arbeiten rund um den Globus – eine große Herausforderung für Wirtschaft und Beschäftigte. Im Rahmen des Verbundprojektes "GlobePro – Global erfolgreich durch professionelle Dienstleistungsarbeit" haben Forscher vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF) die Erfahrungen der IT-Branche ausgewertet. ISF-Experte Andreas Boes sieht aufgrund dessen einiges auf Ingenieure zukommen.

VDI nachrichten: Herr Boes, Sie sehen die IT-Branche als Trendsetter der Globalisierung. Warum?

Boes: Die IT-Industrie ist in zweierlei Hinsicht ein Vorreiter: Sie hat als erste Dienstleistungsbranche den Sprung in die Internationalisierung gemacht und erfährt seit 15 Jahren, was geht und was nicht. Hier gibt es neue Produktions- und Geschäftsmodelle, vor allem in den Bereichen Softwareentwicklung und IT-Dienstleistungen, die in anderen Branchen bislang nur angedeutet sind. Und sie schafft die technischen Grundlagen und die weltweite Infrastruktur für die Globalisierung.

Welche Erfahrungen haben die IT-Unternehmen in dieser Zeit gesammelt?

Sie mussten lernen, dass eine nachhaltige globale Vernetzung in der Wirtschaft nur funktioniert, wenn sie mit den Mitarbeitern gemeinsam aufgebaut wird und, wenn man diese Mitarbeiter entsprechend qualifiziert.

In den Anfangszeiten des Offshoring von Kopfarbeit haben IT-Unternehmen – auch hierzulande – Globalisierung als regelrechte Drohkulisse aufgebaut, um im Inland Kostensenkungen zu erpressen.

Da ist viel Porzellan zerschlagen worden. Viele negative Assoziationen bei den Beschäftigten – Angst um den Arbeitsplatz oder das Gefühl, dass die eigene Arbeit entwertet, man gegängelt wird – rühren daher und führen dazu, dass sie sich als Globalisierungsopfer fühlen. Nach unserem Eindruck hat zumindest die deutsche IT-Industrie dies mittlerweile begriffen und geht sensibler mit dem Thema um.

Welche Anforderungen muss demnach ein IT-Mitarbeiter erfüllen, um in internationalen Unternehmensnetzwerken bestehen zu können?

Er muss begreifen, dass sich seine Arbeit und ihr Umfeld radikal wandeln.

Nehmen Sie einen hochspezialisierten, eigenständig arbeitenden Softwareentwickler, der zum Teil eines international zusammengewürfelten Teams wird. Sprachkompetenzen und Sensibilität im Umgang mit anderen Kulturen werden hier beinahe als selbstverständlich vorausgesetzt. Aber es geht um viel mehr.

Er muss heute in der Lage sein, in global verteilten Standardprozessen zu denken und reproduzierbare, gut planbare Servicelösungen zu entwickeln. Denn die kundenspezifischen Individuallösungen der Vergangenheit gelten heute vielfach als nicht mehr effizient. Er muss lernen, sein eigenes Wissen in der Projektgruppe offenzulegen, Wissen seiner Kollegen aus der ganzen Welt weiterzuverarbeiten und mit ihnen gemeinsam Lernfortschritte machen. Und er wird mit Aufgaben konfrontiert, die er als nicht originär empfindet, zum Beispiel der Konzeption und Steuerung von Projekten.

Was raten Sie den Personalentwicklern angesichts dieses Wandels?

Sie müssen Transparenz herstellen, mit offenen Karten spielen und strategisch denken. Es muss klar sein, welche Aufgaben sich wie verändern und wie die betroffenen Mitarbeiter sich in ihre neuen Herausforderungen "hineinqualifizieren" können.

Wenn ein Unternehmen seine Beschäftigten nicht auf dem Weg in die Globalisierung mitnimmt und gemeinsam mit den Betriebsräten eine solide Basis schafft für faire Verträge, entsteht von Anfang an eine Schieflage, die die Motivation untergräbt.

Wenn Strukturveränderungen aber von unten her entwickelt und nicht als Disziplinierungsinstrument missbraucht werden, werden sie nach unserer Beobachtung auch akzeptiert.

Insofern spielen die Personalabteilungen als "change manager" in diesem Prozess eine ganz zentrale Rolle und sollten in der Unternehmenshierarchie weit oben verankert werden.

Welche Rolle spielen Betriebsräte?

Die neue Situation dürfte auch eine Herausforderung für die Betriebsräte sein, eine Riesenherausforderung. Wobei die Arbeitnehmervertreter ihre reine Verhinderungsstrategie von früher gegen eine moderate Vorwärtsstrategie ausgetauscht und begonnen haben, am Leitbild "nachhaltige Globalisierung" mitzuarbeiten.

Sie sind auch wichtige Ansprechpartner, wenn es um die Weiterentwicklung der Aus- und Fortbildung geht. Denn eine passgenaue Qualifizierung ist nach unserer Überzeugung der zentrale Erfolgsfaktor für die Globalisierung.

Was muss sich hier verändern?

Anders als allgemein angenommen sind IT-Berufe nicht vorwiegend akademisch geprägt. 50 % der hier Beschäftigten haben keinen Hochschulabschluss, 42 % aber eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Wir müssen den Fokus also zunächst auf das mittlere Qualifikationsniveau und damit auf die duale Berufsausbildung richten. Diese Ausbildung, die für die IT-Berufe ja bereits Anfang der 1990er-Jahre neu geordnet wurde, muss sich in ihren Inhalten und Lernformen jetzt an einer internationalen Arbeitswelt orientieren, Berufsschullehrer entsprechend qualifiziert werden.

Diese Neuorientierung der IT-Berufe inklusive des Fortbildungssystems ist gerade für die mittelständische Industrie von sehr großer Bedeutung.

Viele IT-Fachleute sind darüber hinaus Quereinsteiger. Hier ist das Weiterbildungssegment gefragt. Die Anbieter stellen sich bereits darauf ein, ein effizientes System für eine große Gruppe von Unternehmen zu schaffen.

Die IT-Branche steckt bereits mitten drin in der Globalisierung ihrer hoch qualifizierten Tätigkeiten. Wen erreicht dieser Trend als nächstes?

Es wird irgendwann alle Industriebranchen treffen, zumindest, wenn sie es mit global agierenden Kunden zu tun haben, und zwar in fast allen Bereichen von der Forschung und Entwicklung bis hin zur Verwaltung.

Als nächstes müssen die Ingenieure sich der Herausforderung "Globalisierung" stellen. Und ich prognostiziere dieser Berufsgruppe, die im Vergleich zu anderen wenig internationale Erfahrungen gesammelt hat, einen noch größeren Kulturschock als ihre Kollegen in der IT-Branche ihn erleben mussten.    JUTTA WITTE

www.globe-pro.de

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