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Dienstag, 23. Januar 2018

Energiewirtschaft

Kapazitätsmarkt nur grenzüberschreitend sinnvoll

Von Stephan W. Eder | 19. September 2014 | Ausgabe 38

Die deutschen Stadtwerke beschäftigt die unzureichende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Denn sie regelt den Strommarkt nicht neu. Genau dazu muss es dringend kommen, wurde zu Wochenanfang in Neuss auf dem Jahreskongress des Verbandes kommunaler Unternehmen deutlich.

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Foto: Caroline Seidel/dpa

Braucht dringend den Kapazitätsmarkt:Modernes Gaskraftwerk des Stadtwerkebündnisses Trianel in Hamm. Es kann derzeit kaum Strom an der Börse verkaufen und wird daher wohl 2014 rote Zahlen schreiben.

Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), sieht die Einführung eines Leistungsmarkts als wichtigste – und noch ausstehende – energiepolitische Entscheidung: „Der Ausbau der erneuerbaren Energien führt zu einem Rollenwechsel bei den konventionellen Kraftwerken“, beobachtet er. Sie würden immer zum Sicherheitsnetz für den Fall, dass der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. „Die Bereitstellung sicherer Kapazitäten gewinnt damit zunehmend an Bedeutung“, betonte Reck auf dem VKU-Jahreskongress Anfang dieser Woche in Neuss.

Der deutsche Ökostromausbau hat zu einem Preiseinbruch am Strommarkt geführt, so dass sich die konventionellen Kraftwerke, die zum Ausgleich der unsteten Wind- und Solarstromeinspeisung dringend benötigt werden, nicht mehr rechnen.

„Wir benötigen einen Mechanismus, der gesicherte Leistung so vergütet, dass Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können“, beschreibt Reck die Lage seiner Branche. Das sei derzeit nicht überall der Fall, und mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien im Strommix werde sich dieser Zustand noch verschlechtern. „Ein Kapazitätsmarkt ist das geeignete Instrument, um dem entgegenzuwirken. Er ist wie eine Versicherung für Versorgungssicherheit“, präzisiert Reck.

Zwar trat am 1. August 2014 die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in Kraft, doch Auswirkungen auf den Strommarkt haben die Neuregelungen nicht. Dennoch sieht Reck positive Aspekte: „Die Bundesregierung ist den Prozess der EEG-Reform in einem beachtlichen Tempo angegangen. Es ist richtig und wichtig, dass trotz vieler Widerstände so schnell marktgerechte Lösungen gefunden werden konnten.“

Insbesondere begrüßt der VKU, dass nun mehr wettbewerbliche Elemente, wie die Direktvermarktungspflicht und die Einführung eines Ausschreibungsmodells für Ökostrom, in die Novelle Eingang gefunden haben.

Rainer Baake, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), sieht die Energiewende an einer Wegmarke angekommen. Nach der Technologieförderung für alle werden nun Neuanlagen direkt in die Vermarktung geführt. Dabei sei der Technologiewettbewerb entschieden: Die Nutzung der Wasserkraft stagniere, die Geothermie habe nicht die einst erhofften Ziele erreicht, Biomasse gerate immer wieder in Konflikte mit dem Naturschutz.

Dagegen seien Windkraft und Photovoltaik ein voller Erfolg. Sonne und Wind seien ausreichend in Deutschland verfügbar, ist Baake überzeugt. Ihren Nachteilen, dass ihre Produktion von den Wetterbedingungen abhängt und zudem stark fluktuiert, stellt er gegenüber, dass ihre Grenzkosten bei null liegen. Deshalb müsse allerdings das Stromsystem neu erfunden werden, wenn grenzkostenfreie Anlagen in einen Grenzkostenmarkt gebracht werden.

Ziel sei, so der Staatssekretär, die Versorgungssicherheit zu geringen Kosten. Deshalb werde es Subventionen für alle in Zukunft nicht mehr geben. Der Staat werde sich auf leistungsfähige Stromerzeugung konzentrieren.

Zur Versorgungssicherheit gehöre es auch, die Anlagen in den Nachbarstaaten mit einzubeziehen, betonte Baake in Neuss. Deshalb fordert auch der VKU im europäischen Kontext ein Marktmodell. Ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten belegt sinkende Systemkosten und Verbraucherentlastung im dezentralen Leistungsmarkt. Dass binnen Jahresfrist dazu die Grundsatzentscheidungen getroffen werden, ist Reck überzeugt. Denn die Kooperation sei noch nie so gut gewesen wie gegenwärtig, urteilt auch das BMWi.

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts aus Bonn, sieht das volkswirtschaftliche Versagen des bisher praktizierten Energy-only-Markts (EOM) für den Strombereich und die betriebswirtschaftlichen Probleme der Betreiber. EOM bedeutet: Nur die gelieferte Strommenge wird bezahlt, die Vorhaltung von Kraftwerksleistung jedoch nicht.

Hier seien die Stadtwerke gleichermaßen wie die „großen Vier“ betroffen, beobachtet Mundt. Kapazitätsmärkte sollen Versorgungssicherheit garantieren, aber nicht betriebswirtschaftliche Probleme beseitigen.

Doch der Kapazitätsmarkt sei sehr komplex, mahnt der Kartellwächter. Am Ende biete er im nationalen Rahmen für Wettbewerb zu wenig Raum. Er könne nur als europäische Lösung umgesetzt werden: „28 nationale Kapazitätsmodelle sind der Tod des europäischen Binnenmarkts.“ Mundt bedauert daher, dass Frankreich bereits mit einem eigenen Modell vorgeprescht ist. 

Erneuerbare Energien spielen auf dem Leistungsmarkt nur eine geringe Rolle. So werde der Marktwert zum Problem. Sichere Leistung lasse sich nur aus großen Kraftwerksportfolios bereitstellen. So fragt Mundt: „Wie viel Leistung zu welchem Preis müssen marktbeherrschende Unternehmen zur Verfügung stellen?“ Dies bedeute einen tiefen Eingriff in die Betriebe, was er kartellrechtlich für bedenklich hält. So fordert Mundt eine schlanke strategische Reserve, aus der der Ausstieg möglich sein müsse.

www.vku.org

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